Striche, gezogen

Der Sehnsucht eine Stimme geben, die niemals klagt.

Morgens: der Staub in den Wimpern. Abends: der gestrige Tag.

Ich bin. Ich bin. Ich bin.

Draußen feiern sie Unsterblichkeit,
drinnen finden die Motten ein Grab zwischen zwei Fingern & Toilettenpapier.

Alle sind fort, die Wohnung ist leer.

Ich war gewöhnt meinen Gedanken nachzuhängen wie wenn einer den Wolken zusieht beim Fliegen. Ich sah die Tage sich auflösen zwischen all diesem Weiß & Blau, zwischen den Lichtern. Das ist erinnert, das gibt’s jetzt nicht mehr. Dabei schmecke ich noch die Ruhe auf deinen Lippen, die Sonne zwischen unserer Haut. Du sagst, ich hätte stets am besten geschrieben, wenn’s ums Verlieren ging. Genauer: Wenn ich etwas von Bedeutung verloren habe. Also: Dich, deine Vorgänger, deine Nachfolger, mich. Wie oft habe ich mich verloren in dir? Jetzt drückt mir die Nacht gegen die Lider, das Blei des Vergessens, die Quecksilberträume. Ich schlafe jede Nacht zwischen Hammer & Amboss. Ich schlafe sehr schlecht. Wenn ich morgens aufwache, ist die Welt die Hand an der Kühlschranktür & ich das anspringende Licht. In mir ist alles kalt & in bunte Tupperware verpackt. Meine Gedanken sind unantastbar. Das Sprechen fällt mir schwer. Das Denken & Schreiben. Mir ist, als hätte ich all diese Sachen verlernt.

Ich wünschte, wünschte, wünschte. Wenn mir doch wenigstens die Wörter noch blieben, ein Ohrwurm, bitte, der mir endlos durch den Kopf geht, eine Wortkette, die sich, ein Geschmeide aus Eisen, mir wie ein Strick um den Hals bindet, ein Gnadentod der Wörter, bitte, um zu sagen, was blieb, statt immer nur vom Verlassenwerden zu schreiben. Von den Verletzungen, die so banal & kleinlich sind, dass sie zu Leerstellen werden in meinen Sätzen. Wäre ich glücklicher gewesen, wenn –– hätte ich Frieden gefunden als –– wie stark muss man sein, um –– & wer kann das schon wissen? Ich will nur weinen, den ganzen Tag will ich weinen, schluchzen & heulen, mir gegen die Brust schlagen & jedes T-Shirt zerfetzen, ich will wehklagen, immer & immer wieder, bis mir die Stimme versagt, & noch im Heulen an meinen eigenen Tränen ersticken. Das Kaputte ist es, um das wir kreisen, um Unglück & Trauma. Neustarten wollen wir nur, wenn es ein anderer für uns macht. Das sagst du. Aber ich sage es nicht. Ich will etwas ganz anderes sagen & schreiben, will etwas in die Nacht hinaus schreien, das wahr ist, wahr & ohne dumme Floskeln.

Meine Himmel sind ohne Wolken, alles ist weggewischt & leer. Ja. Aber ich muss an den Anfang zurück, an den Beginn der Geschichte. Muss die Kräfte ein letztes Mal sammeln. Draußen klirren Flaschen, irgendwer lacht. Also beginnt es mit A., der ich Andrea bin, der Alain heißt, der Abel war, der Alex ist, es beginnt mit brennenden Lippen & einer Party zwischen zwei Nächten; es beginnt mit Jakob, der nichts war als Asche, & Hannes, der neben mir im Kino saß & lachte; es beginnt mit einem Feuerwerk über den Dächern der Stadt, mit goldenem Flitter, mit einer knisternden Pille auf der Zungenspitze & dem Wahn in den Augen. Es beginnt mit David, der mir Ruhe brachte, einmal wenigstens hat mir ein Mensch Ruhe verschafft, & der ging wie ein entgleisender Zug. Aller Anfang ist schwer, sagst du, & ich lächle nicht als du es sagst, ich knirsche nachts mit den Zähnen, meine Haut ist rot vor Wut & rau wie eine Feile, aber ich bin hier & ich bin noch nicht fertig & ich höre nicht auf. Nicht euretwegen. Ihr seid gegangen. Ich höre nicht auf, weil ich mich brauche.

& auch wenn ich mich wiederhole & die Wörter fahrig sind & zittern: Ich will nicht mehr vom Vermissen schreiben müssen. Ich habe genug vermisst in meinem Leben. Es reicht für uns alle.

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