Auf der Höhe des Herzens

joe_papagoda_the_passion_of_athena

& dann die Rückkehr, dieses komische Gefühl von Begrenztheit, von Kleinheit, hab ich denn immer hier geschlafen? Stand ich je an diesem Fenster, saß in jenem Sessel? Nein. Es gab immer ein Zwischendurch, ein Woanders. Ich habe diese 25 Quadratmeter durchquert wie ein Reisender. Es gab immer eine Unterbrechung zwischen Sonntag & Montag, eine Pause zwischen 6 Uhr 30 & 10; ich habe hier gelegen, geschlafen, manchmal geträumt, ja, aber wirklich hier gelebt hab ich nicht, nein.

Ich betrete mein Zimmer durch die Tür, die angelehnt blieb, & rieche – Lavendel. Zitronengras. Bergamotte. Mandarinen. Erinnerungen an Sommernächte, Kleidung, die in der Sonne hängt zum Lüften, sonnengetränktes – Leben. Wie fern das alles wirkt, wo es doch gerade jetzt passiert. Die Möwenschreie über Westhafen. Das Rauschen der Pappeln. Ich, wie ich den Teller Pasta zum Tisch trage, mich setze. Es ist zu spät für Pasta, & Nudeln hab ich seit Monaten nicht mehr gegessen, aber ich esse trotzdem. Gierig. Ausgehungert. Wie winzig der Tisch ist, wie überladen mit Büchern. Platz für den Teller musste ich erst schaffen. Ist denn hier nichts frei von jeder Bedeutung?

Nach einer Woche mit 40 Grad Fieber wache ich also auf in einem Gedanken als sei ich weg gewesen. Es ist halb 5, das Handy vibriert, & mein Gesicht ist so tief zwischen den Kissen eingesunken, dass ich nichts anderes sehe als schwarze & weiße Balken zu beiden Seiten. Wo? Was? Ich erinnere mich nicht daran, wer ich war, als ich eingeschlafen bin. Jetzt schießen mir nur Fragmente durch den Kopf, Bilder, wie zerschnitten: J.s Kopf auf meiner Brust, seine Hände in meinen, meine nackten Füße im Sand, darüber: ein petrolblauer Himmel, dann: ein Rapsfeld & tanzend: Schmetterlinge, die zickzack fliegen. Ein Brennen auf der Höhe des Herzens – A. & Herr Da. Verlorene, Verschüttete, Fremde. Eine Aufnahme von Albert Camus, der über eine Schreibmaschine gebeugt, ein Blatt Papier einspannt, aufrollt, abrollt, wieder einspannt. Die schwarze Nadel, die mir Virginia Woolf auf den linken Oberarm, kurz oberhalb der Kottbusser-Tor-Narbe, in die Haut sticht. Zeilen von Orlando, Zeilen von To The Lighthouse, Zeilen von Mrs. Dalloway, die mir wie kalte Kiesel den Rücken hinunter rasseln. Als ich aufstehe, dreht sich die Decke leicht, aber die anderen Dinge bleiben alle, wo sie sind.

Das Treppenhaus ist kühl, die Luft ganz klar. Wer ist dieses Ich, das durch die Nacht reist, die an alle Tage grenzt? Meine Beine zittern noch, meine Arme sind schwer. Wer hat angefangen, wer hat nicht aufgehört? Ich gehe durch einen Garten, der mir nicht gehört, in einer Stadt, die ich nur durch YouTube kenne, & setze mich neben die rothaarige Frau auf die Decke, zu den bunten Kissen, in die Nähe der Tauben. Sie lächelt versonnen, legt ihr Buch zur Seite. Do you like to have a cup of tea? No, thank you very much. I need to leave. Also wischt die Zeit über uns, wischt Geschwindigkeit in die Wörter & Sätze, wischt uns fort in Bewegungen: Schuhe, die zu Reifen werden, die Turbinen sind. Unter uns zittert die Welt in den Wolken, aber die Wolken zittern nicht.

Meine Visionen, wie du sie nennst, werden nicht weniger, sie häufen sich. Unter der Erde sehe ich Wölfe aus dem Gleisbett steigen, die, heulend, durch die Gänge rennen. Wen sie jagen, seh ich nicht. Später steigt ein Schwarm Schwalben in die Tiefe, sie füllen die Decken & Wände, sie verdunkeln die Lampen. Beides, wie ausgedacht, erlischt. Ich sehe Alain, der ich ist, mit blutigem Lachen. Im Hintergrund dröhnt ein Herzschlag. Ich müsse Ruhe finden, sagst du, ich müsse raus aus der Stadt. Deine Ratschläge klingen wie Drohungen. Was, wenn du Recht hast? Was, wenn nicht? Du musst wieder anfangen zu schreiben. Ich muss? Sonst bist du verloren.

& so also kehre ich zurück. Als einer, der nicht verloren ist.

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