Große Gesten

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Was verändert das Wesen eines Menschen? Du sitzt am Fenster, rollst Tabak & Gras, & lächelst ein Lächeln, das unbestimmt ist, nicht geheimnisvoll, du bist keine Mona Lisa, nein, du lächelst, als lauerte ein Witz über uns, ein Damoklesschwert des Gelächters, ein fernes, ein erinnertes Lachen, das die ganze Welt erschüttert. Deine Augen sind glasig. Traumata, sagt der Junge in grün, sagt Jonas, oder Janosch, ich habe seinen Namen vergessen, obwohl er sich bereits 2x bei mir vorgestellt hat; jedes Mal mit einem Grinsen.

Er trägt diesen grünen Pullover wie eine Uniform, ein Heldenkostüm: der Stoff, dünn wie Papier, liegt ihm eng auf der Brust, zeichnet seinen Körper nach, die Muskeln & Knochen – Arme & Bauch wie gemeißelt –, & reicht ihm knapp bis zur Gürtelschnalle, dem Totenkopf aus Silber, der protzig funkelt. Jonas, oder Janosch, geht, wenn er geht, mit den Hüften voraus, die Beine breit, die Füße schief – es fehlen Pistolen an diesem Gürtel –, & ich kann nicht aufhören auf seinen Schritt zu starren. Die Liebe, sagt Marlene, die rote Strähne zwischen den Fingern.

Marlene brennt heute, & es sind nicht nur die frisch gefärbten roten Haare. Das Kleid, der Lippenstift, die Schuhe – die Rottöne schreien sich an, übertrumpfen einander; sie sitzt im roten Lärm & dreht sich die Strähne bis sie unter ihren Händen zerfasert.

Traumata, sagt Jonas, oder Janosch wieder, & sein Grinsen knallt wie eine Peitsche über seine Lippen. Man verletzt sich an diesem Mund. Ich kann kaum hinsehen. Ereignisse, die einen kaputt machen. Er setzt sich neben mich – ich? Ach ja, wo bin ich – ich bin hier, sitze auf dem Boden, schwarz & grau & schwarz, meine Jeans sind staubig. Ich habe kalte Hände & einen trockenen Mund, ich denke ans Vögeln. Denke an J.s Körper unter mir, die bronzene Haut, das dichte, schwarze Haar. Er blitzt auf, wenn ich blinzle. Ist es nicht viel mehr einfach nur der Wille zur Veränderung?, sagst du, die Kippe im Mund. Der Wille ganz generell.

Seit Jahren die gleiche Frage: Was ist dieses Ich, dieses zurecht geschüttelte, dieses Kopfkissen der Erinnerungen? Ein Widerspruch. Halb Teilchen, halb Welle – ein reisender Lichtstrahl. Ich habe nichts gesehen von mir in all meinem Leben als einzelne Zustände. Als Fragmente, die zusammengenäht nicht Ich sagen zu sich, sondern Vergangenheit. Ich, das ist ein Klangteppich, ein emotionales Würfelspiel. Ich, das ist eine Kugel im Revolver, nichts als russisch Roulette. Sind meine Entscheidungen frei gewesen in den letzten Jahren? Oder war Berlin die wirklich letzte, vielleicht die einzige freie Wahl? Bin ich getrieben von Ängsten & Süchten, von Begierden, die mich selbst völlig übersteigen? Oder kann ich mich überwinden in den großen Gesten der (Selbst-)Verweigerung? & ist das letztlich Ich? Ein Nein-Sager?

Ja. Nein. Ja. Ich trommle Morsesignale aufs Parkett, die ich selbst nicht verstehe. Kurz, kurz, lang, lang, kurz, kurz. Das ist kein SOS. Jonas, oder Janosch sieht mich an. Auf was wartet der eigentlich? Was verändert dich? Meine Augen brennen, meine Lippen, mein Herz. Der Tod & die Ahnung des Todes. Das sag ich nicht, ich denke es nur. Meine Augen suchen dabei Jonas‘, oder Janoschs Hosennaht, die Ausbeulung im Schritt. Das Leben verändert das Wesen eines Menschen. Das ist zu generisch, das bedeutet nichts, sagt Marlene & zieht an deinem Joint. Ihr sitzt jetzt beide auf dem Sims & stemmt die Füße gegen den Boden als würdet ihr andernfalls durchs Fenster hinaus & hinauf ins Weltall stürzen. Du musst schon genauer werden, wenn du mit solchen riesigen Begrifflichkeiten wie dem Leben ankommst. Das Gelächter, ich höre das Gelächter dicht über unseren Köpfen.

Haben wir je wirklich begriffen, wer wir sind? Können wir das Ausmaß der Geschwindigkeit erahnen, mit dem wir uns verändern – jeden Tag? Jede Entscheidung kennt ihr Muster, ja, aber die Muster variieren. Wer als Feigling geboren ist, kann als Held sterben. Wer die Wölfe ins Dorf lässt, kann sie auch zähmen. Ich spüre das Gift der Nattern in meinen Adern & doch, ich beiße nicht, vergifte nicht. Ich lasse mich selbst am Leben & auch die Träume, die, egal wie unwahrscheinlich sie auch sein mögen, mir genügend Halt geben, um alles wieder aufzubauen, was ich vor Wochen selbst kaputt geschlagen habe. Ich, Shiva der Zerstörer, gehe als Weltenbauer durch Ruinen. Wofür? Weil es meine Entscheidung ist.

Die Freiheit, sag ich trotzig & sehe über Köpfen & Schultern die Wolken über der Stadt. Für mich ist es Freiheit.

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