Die Suche

things that should have been 

Dein Rücken gegen das Licht
– wenn ich meine Augen schließe,
seh ich zuerst deinen Rücken,
die nackte Haut,
& Leberflecke;
ich seh dein braunes Haar,
das sich lockt an beiden Ohren.
Wie leicht –
deine Hand auf den Tasten liegt;

erst dann seh ich das Licht.

Hör.
Er kommt zur Tür rein wie gerufen, aber eigentlich hat gar niemand was gesagt. Er ist einfach da, groß & weiß, ein Mann wie ein Dreieck, die Schultern ganz grade – er steht in der Küche: Barfuß, in grauen Jogginghosen, & rollt sich ein weißes T-Shirt über die weiße Brust, den weißen Bauch – er ist so weiß, man könnte Schnee nach ihm benennen –, & lächelt, lächelt, oh Gott, wie er lächelt. Hi, sagt er. Nur Hi. & geht sich durchs Haar.

Wir haben uns
immer gekannt, nie getroffen;
wir haben uns seit Jahren stets verloren.

Die Träume, sag ich. Nur diese zwei Wörter. Als würde sofort jemand verstehen, was ich damit meine, aber niemand versteht mich. Besonders Bea nicht. Die tupft sich weiter die Wangen mit Rouge & nickt; es ist ein unbestimmtes, ein herrenloses Nicken, etwas, das ganz ohne ihr Zutun passiert, eine Geste der Höflichkeit. Die Träume? Nein, es sind keine Träume. Was dann? Es sind Erinnerungen. Erinnerungen an was? Ich weiß es nicht. Da ist immer dieses Zimmer, die weißen Vorhänge, ein Klavier. Der Mann am Klavier. Ein Mann? Ja, ein Mann. Jemand, den du kennst? Ja. Zögern. Nein. Ja, was denn nu? Nichts. Ach egal. Nein, sag doch. Nein. Bea schaut mich im Spiegel an & ihr Blick – ein Messerwerfer kann keinen schärferen Dolch werfen als sie diesen Blick –, trifft mich zwischen den Augen. Meine Ohren brennen, sind rot. Ich weiß es nicht.

Warum bist du hier?
Ich bin immer hier.

ich sitze am fenster, die stadt ist klein & gelbstichig, wie alter rauch. draußen irren lichter, trambahnen, autos. smartphones gehen auf & ab. ich saß lange nicht mehr hier. habe lange nicht – gedacht, gefühlt, gelebt. als wäre es pausiert gewesen, dieses harlekin-leben.

die gedanken, das, was einem selbst, was mir gehört, ist wie verschoben. stattdessen: gefühle, die wie regen niedergehen; ich fühle zu viel.

nur wenn du bei mir bist, sag ich ins leere zimmer, finde ich frieden. Komm, sagt er. nur Komm. & wenn ich dann meine augen schließe, die wund sind & rot, die trocken knistern beim blinzeln, dann seh ich ihn,
die hand auf den tasten,
den kopf leicht geneigt,
dann riech ich ihn,
ihn & den sommer,
hier: der staub in der luft, glitzernd wie silber,
& das licht – dieses licht, das nirgends sein wird,
nur hier, in diesem zimmer,
& ich, der ins leere blickt, die zunge trocken am gaumen, fühle ihn, er ist auf der anderen seite, als müsste ich bloß durch die tür, nur gibt’s hier keine seiten. vor mir: die stadt, trübe & gelb. irgendwer schmeißt in der küche ein glas zu scherben. ich sitze am fenster, höre das klavier, höre die finger auf den tasten, der fuß tippt, tippt, tippt die pedale, ich höre dich, denk ich. & höre nichts.

Sagen Sie – haben Sie eine Todessehnsucht?
– (zögernd): Nein.

wie kann ich dich vermissen – dich & nicht all die andren? jene, die wirklich da waren? wie kann das andere, das gedachte leben, so viel realer sein als das eigentliche?

es bleibt
haltloses,
fragmentiertes.

ich sitze zitternd am fenster. Komm. wie einfach alles wäre, wenn es diesen sommer gäbe. du am klavier. dieses licht, das alles heilt. Komm. dein rücken gegen das licht, mein kopf auf deiner schulter, meine hand auf den tasten.

Xibalbá.

mein letztes wort.

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