Janus, Pt. 1

Ich sitze zwischen den Bildschirmen & zupfe mir tote Haut von den gesprungenen Lippen. Alles ist bunt hier, die Tische & Stühle, die Lampen, der ganze Raum – ein Regenbogen. Das ist Skepsis, dieses Lippenhautpfriemeln. Ich weiß nicht, was ich hier soll. Ich: schwarz – der Pulli, die Hose, das Shirt, die Briefs – & weiß – Haut & Haare –, die Augen rot vom Sehen, trocken & schwer; ich bin Ausgeschnittenes, ein Negativ. Meine Finger entsperren zum fünften Mal das Handy. 15:34 Uhr. Keine Nachrichten. Stattdessen: Jobangebote auf LinkedIn, Zahlungsbestätigungen von PayPal, Event-Einladungen & Freundschaftsanfragen, Kinotickets. Ich: die Digital Unit, das Reziprok. Wie traumhaft, wie unwirklich das ist – dieser Kaffee: ein dunkelbraunfastschwarzer Rand im Inneren der Tasse, das orangefarbene Buch von Cory Doctorow daneben; ich spüre Kleingeld in der Hosentasche, Türschlüssel, zerknittertes Papier. Wie nah sie ist, wie Rasierklingen auf die Haut gedrückt – die Realität als Klinge dicht über dem Puls – & ich, Schlafwandler, spüre sie nicht, sehe nur. Höre:

Als Donovan kommt, ist es Viertel nach vier. Er bringt einen Streifen Licht mit ins Café, die Sonne funkelt auf Glas. Er bringt die Kälte mit herein, einen warmen Hauch Luft, der nach Minze schmeckt. Hi, sagt er. Hi. Donovan trägt einen gelben Pullover, das Hemd darunter ist rot; da sind die schwarzen Jeans & die weißen Sneaker, da sind seine dicken, braunen Locken, sein feiner, schmaler Mund; da ist das Kinn – ein rechter Winkel, der Kiefer wie mit dem Lineal gezogen. Ich kann mich nicht satt sehen, nein, vielmehr sehe ich mich hungrig an diesem Gesicht. Donovan sättigt nicht. Wie auch? Er selbst ist ja auch immer hungrig – kaut schon, schau, greift nach dem Brownie, der Tasse Kaffee, greift über den Tisch mit der einen Hand, schüttelt mir mit der andren die Hand. Wir lagen nackt zwischen Tüll & Kartons, hinter der Bühne auf dem Gorillakostüm, ich kenne das Muttermal auf seiner Hüfte, das aussieht wie eine Sichel, ich kenne den Geschmack seiner Eier, den Geruch seiner Achseln, aber hier gibt er mir nur die Hand. Unsere Finger berühren sich kaum.

Wie geht’s? Gut. Mir geht’s gut. Die Brille ist neu. Ja. Du siehst gut aus, sagt er & kaut. Anders, irgendwie. Anders, ein Gefühl ohne konkrete Tiefen & Höhen, eine Schraffur. Wer bin ich? Ein Hamlet vielleicht. Ein König & Krieger. Oder auch: Ein Bettler. Ein Heuchler. Morgens: Der Kampf des Opportunisten um den besten Stehplatz. Ich streife mir eine weiße Strähne zurück in die Stirn, lächle – oder nein: grinse, ja, ich grinse seinetwegen, weil er so isst – den Brownie zwischen beiden Händen, den Tisch voller Brösel –, als gehörte ihm stets jeder Bissen, als wäre die Welt ein Buffet & er der einzige mit Besteck & Serviette. Erzähl mir – was tust du?

Ich poliere alle Oberflächen, entferne jeden Fingerabdruck. Meine Welt ist ohne Flecken. Ich habe mich selbst entfernt, möchte ich sagen & grinse stattdessen. Ich, sag ich, kämpfe mich nach oben. Wohin? Raus, sag ich. Aus Berlin? Nein. Ich spüre seine Hand in meinen Haaren – Fingernägel auf Kopfhaut –, seine Zähne an meinen Lippen. Raus aus diesem klebrigen Sumpf, diesem Zwischenstand. Was meinst du? In meinen Träumen brennen Städte; Leichen treiben in unruhigen Gewässern; da sehe ich grelle Lichter, von Helikoptern auf fliehende Menschen geworfen, & Leuchtraketen, die neonpink zwischen den Wolken zerschellen; da sind Warnrufe, Warnschüsse, aber die Toten warnt man schlecht vorm Leben – hier, hinter all dem, ist ein dunkler Spiegel angebracht, & durch den schimmert die Zerstörung. Ich höre das Sirren der Drohnen, höre Hundegekläff.

Donovan bestellt sich gerade eine Tasse Matcha – dazu bitte einen Bagel, ja, gerne mit Frischkäse –, & ich, stumm, versuche nicht zu schweigen, versuche nicht auszusparen, was ich sagen will, aber – ein Bild drängt ein anderes nach; da ist eine Flut der Bilder: Szenen von Manufacturing Consent (von Noam Chomsky & Edward S. Herman) & die Stimme des Tschetschenen auf meinem Handy, der atemlos vom Verschwinden erzählt, von Folterungen & Tod – eingebettet in den beruhigenden Klang von Kuchengabeln auf dicken Keramiktellern & Ella-Fitzgerald-Songs im Hintergrund. Ich, der ich zwischen all dem hin- & hergehe, zwischen den toten Trans*identen & gefolterten Homosexuellen, zwischen syrischen Flüchtlingen & Alice Weidel, die süffisant im Mundwinkel lächelnd aus ihren Facebook-Posts auf all das hinabschaut – wie reizend, eine Unberührbare, eine Harpyie –, ich fühle mich zergliedern… Was bleibt? Was schwemmt davon? Was ist das wert?

Donovan sieht mich an, die buschigen Brauen zusammengezogen, die Stirn in Falten. Du hast mir nicht geantwortet. Ich weiß. Sag ich & atme tief ein.

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