Ankunft, 17:51 Uhr

Morgen fahre ich fort. Du musst wissen: Ich bin jeden Tag in Bewegung, also ist das eigentlich nichts Besonderes. Ich fliege tagtäglich wie mit Katapulten geschossen durch die Stadt. Manchmal weiß ich nicht, wo mir der Kopf dabei steht, weiß nichts von oben oder unten – nur vom Schnaufen der Züge. Von Rucksäcken, die sich feucht in Rücken drücken. Von aufgeregten Gesichtern, verschoben von Alkohol & Hunger, die sich aneinanderreihen wie aufgespießte Schmetterlinge – eines exotischer als das andere. Aufscheuchen kann man hier keinen mehr. Die Flügel sind gestutzt. Draußen: blaue, fast türkisfarbene Himmel – Gelbgetupftes – Baumschatten, Umrisse meiner Augen. Um mich sind stets die Kometen fremder Wörter.

Morgen aber, morgen… Ein Zug, der aus Berlin rausführt wie eine Linie – ein Raum zwischen zwei Städten – ein Flur von einer Tür zur nächsten. Morgen: eine Tasche voll mit Liebesliedern. Sehnsucht, du kaust im hohlen Mund. Morgen: Ein Reisender, der sich ein Buch unter die Achsel klemmt, die Brille richtet, den Staub von beiden Schultern wischt. Ich also, ich. Einer, der seit Monaten nirgends war als nur in Bewegung.

Was also ist anders? Was unterscheidet morgen von all den andren Tagen? Vom Lärm der Liebe, vom Auf & Nieder der Wolken: den zerknautschten Kissen unserer Gesichter – Atem, von zwei Lippen zurückgehalten, die vom Küssen träumen – Haar, das sich in Haar verheddert: dein Körper, SmartBoy, der im Schlaf zu meinem wird –

vom Tanz zwischen Zimmern: ein Duft von Lavendel, flüchtig: Chanel auf Handgelenken, Mandeln als Rauch – zwischen zwei Betten, die sich morgens nach uns sehnen – ein Tanz zweier Leben, die kreisen, kreisen, kreisen, zwei Planeten auf der Jagd: Zurückgelassenes, Treibgut meiner Tage, ich, der sich ins weißblonde Haar greift – steifgeworden von Salzwasser, von Sperma & Schweiß –, ich würde mir gerne ins Gehirn greifen, die Gedanken richten, die wild sind & ohne Rast – & greife wieder nach deiner Hand… Greife, Erdbeben, nach allen Horizonten ––

Was unterscheidet diesen einen Tag von den letzten, den vorangegangenen, den Tagen, die alle stumm waren & eilig wie Regen? Als mir etwas unter der Hand kaputt gehen wollte, ein Lebensentwurf – mit 120 Sachen gegen die nächste Wand geworfen, & damit: ein Fühlen & Schreiben, ein Hören der eigenen Gedanken – & das dann doch heil blieb wider Erwarten? Was ist jetzt anders als damals – als die Stadt zur Skizze wurde & jeder Mensch nur ein Strich von vielen?

Morgen komme ich an.

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One Comment

  1. Da schreibst du doch wieder. Schön. Anders. Aber schön, dass da mal wieder was rausklapperte aus den Tasten, die da erst wieder reingedrückt werden müssen!

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