Die Träumer

death.

1.
Die Fledermäuse fliegen uns dicht durch die Äste; da rascheln Blätter, Flügel; da sind kleine, haarige Körper, die von links nach rechts zucken, so als schwinge sie jemand an Seilen durch die Luft. Das ist die Nacht – & sie kommt ganz plötzlich über uns.

2.
Hannah zeigt mir die Salbeibündel, die an beiden Fenstern hängen; zeigt mir das Schälchen mit Weihrauch, das Palo Santo, die zwei Messer links & rechts neben der Tür. Hier, sagt sie, kommt niemand ungebeten herein.

Sie geht barfuß durch das Haus – in ihrem weißen Sommerkleid sieht sie aus wie ein Gespenst; der Saum zittert um ihre Knie, tanzt. Von weitem könnte man meinen, sie schwebe durch die Räume. Hannah lässt das Licht ein – einen dicken Streifen Gold, der die Luft in weißes Glitzern taucht. Der Staub von hundert Jahren. Du wirst dich wohlfühlen hier, sagt sie & grinst.

Draußen ist der See – eine glatte, blaue Fläche, ein fallengelassener Spiegel –, Bäume, die sich vor dem Wind verbeugen, eine Sitzbank auf einem Hügel; ich seh dahinter ein Kreuz. Es gibt keinen Weg, der dorthin führt, nur Gräser & Blumen, Steine vielleicht. Wann ist das letzte Mal jemand hier gewesen? Hier ist immer wer, sagt Hannah. Ihre Finger spielen abwesend mit dem silbrig glitzernden Medaillon um ihren Hals. Man könnte meinen, jemand stünde hinter mir.

3.
Ich liege nackt unter Monden, die Sterne sind laut. Um mich vibriert die Luft wie angeschlagenes Glas: Dabei ist nichts da als der Sauerstoff in meinen Lungen, als mein Blut in den Venen. Ich, das ist eine Vibration ohne Erschütterung.

Als er aus den Büschen kommt, sind seine Haare wild & voller Efeu. Er geht wie besessen durch kleine Quader Helligkeit, verschwindet im Zwielicht, ertrinkt fast in Schatten – & kommt dann wieder zurück an die Grenze zum Licht. Er legt sich neben mich, das Gras seufzt unter seiner Haut. Willkommen zurück, sagt Joseph. Er ist älter geworden, schöner. Seine Hände schlagen Funken sobald sie die Erde berühren. Willkommen im — — 

4.
Als ich aufwache, halte ich SmartBoys Hände & sein Kopf liegt auf meiner Brust.
Berlin ist ganz still.

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