Laterna magica

Wenn wir gehn, geht die Welt: Asphalt, endlos, rollt sich ab unter uns; sie können gar nicht so viele Straßen nachlegen, wie sie unter unseren Füßen ab- & auslaufen: Elberfelder Straße, Alt-Moabit, Zwinglistraße, Gotzkowskystraße, Turmstraße – Moabit, das ist dein Februar, dein Sonntagnachmittag. Wir tanzen unter grauen Himmeln. Rechts: die Blattlosen, die graue Wächter der Stadt stehn stumm & tatenlos. Dazwischen: Kinderwägen, Fahrräder, Passanten ohne Gesichter – Finger, die über Screens & Displays wischen: Wir sind Gottes ruhelose Augen. Links: Häuser, eins nach dem andren aus Fels & Stein gehauen, Lärm aus allen Fenstern. Die Fassaden sprechen fremde Sprachen – schwarz & orange, rot & blau: Irgendwer hat atemlos den Beton besprüht – jetzt dröhnen alle Farben.

Wenn wir gehn, gehn Herz & Knochen: Hier pumpt mein, dein, unser ––

Ich ziehe die Schuhe aus in einem Flur ohne Dielen, die Wände sind grün. Dem Mund seh ich nach, dem Schnurrbart; ich sehe den Haaren nach, die aus dem Hemdkragen schauen; mein Mund ist trocken & rissig, aber ich bin nicht durstig, ich habe gefühlt mein ganzes Leben lang getrunken. Jetzt geh ich, den Rücken gestreckt, in den Purpurnen Raum, die Wände sind hoch, die Decke vier Menschen entfernt, & seh auf der Couch nach draußen zum Hof, sehe gelbe Streifen, weiße Vierecke, eine Symmetrie ohne Sinn & Verstand – ein Ausschnitt Welt: Zimmerpflanzen, ein Vorhang – eingeklemmt im gekippten Fenster, Alltag.

Wir liegen aufeinander wie belegte Stullen. Hier: zwei nackte Körper, einer haarig & dunkel, der andere haarig & weiß. Schwänze drücken gegeneinander, Oberschenkel, Nippel. Nie war einer mehr Mensch als am Menschen. Alles wirkt so herrlich zerbrechlich & gleichzeitig: schwer & massiv. Unverwüstlich. Was haben wir gebraucht, was verloren? Was haben wir gerufen & bestellt, was haben wir verbannt?

Als ich gehe – zerzaust & mit hungrigen Augen –, hängt mir das schwarze Shirt aus der Hose & die Schnürsenkel sind auf. Schließe ich die Augen –– schließ mir die Augen –– dann hör ich Stimmen & Licht, höre die letzten Worte, die stets auch die ersten sind, & im Hintergrund, fern, ganz fern: das Klavier. Die Episoden dauern an… Wie lange dauer ich noch? Denk ich ans Sterben, wird mir leicht, viel zu leicht für dieses zurecht gezupfte Leben. Alles, was ich fühle, sagt Dr. H, sind Echos. Wann war ich – nicht? Wann gab es dieses & jenes, wann gab es mich? Mit irgendetwas muss das doch alles angefangen haben. Oder nicht?

In Episoden: Montag & Dienstag, Mittwoch & März. Ein Sprung zu Juli, Oktober, 2019, 2020. Aus Baustellen werden Häuser, aus Menschen werden Gräber. Hier: Blumen, hier: die Sonne, die kreist wie gejagt. Auf den Simsen: Fliegen & Staub, die Fingerabdrücke. Ich gieße mir Wasser ein & neue Gedanken, ich stelle ein Buch zurück ins Regal, ein neues & wieder eins bis die Regale alle voll sind & die Wände bestellt. An der Kinotür lächelt – wer? Ein Spanier, ein Rumäne, ein Franzose. Hände, wie Sandpapier, reiben mich ab, reiben mich fort, & ich, gierig, verlange nach mehr.

Unter uns: die Räder, die Schienen – bodenlos: eine Welt außer Atem. Ich stehe nie still, bin Zugwind & Welle; suche, suche, suche. Wünschte ich mir ruhigere Hände, ein stilleres Herz? Oder ist es vielmehr ein Mehr, ein lauteres Wollen, das mich auffrisst bis nichts mehr bleibt als ein knurrender Magen? Ich gehe durch Moabit – ein entgleisender Zug könnte keinen größeren Schaden anrichten als ich: Hier – gebrochene Herzen, zerbissene Lippen, Schnitt- & Prellwunden, angebrochene Knochen. Ich bin dein Seitenstechen. Dein Sodbrennen. & dort? Ein Junge mit schmalen Hüften, der seinen Kopf auf meine Schulter legt & seufzt, der seine Hand in meine legt, der mich vermisst.

Früher, sagt Abraham, wolltest du genau all das, was du heute hast. Ist doch verrückt, oder nicht? Ich lache, drücke ihm einen Kuss auf den Mund & denke: JA! In der Sturmhöhe saß einst ein Mann, denk ich, & –– Nichts. Kylie Minogue brandet hundertfach verstärkt durch die Halle – Discoklugelflimmern, der Bass als Erdbeben –, & drei Männer in kurzen Hosen greifen schieben drücken mich – ich als bunter Schaum auf schwarzer Erde –, in die vorderste Reihe. Da vibrieren Haut & Haar, da reißt mir die Musik jedes Wort von den Lippen & zergliedert zu Konfetti. Wo bin ich eigentlich? Neukölln, sagt er. Ja, Neukölln, das ist dein Juni, das ist deine Sommersonnenwende, dein Rad der ewigen Wiederkehr.

Wenn wir gehn, scheint das gelbe Ziffernblatt über uns, die Himmel sind grau. Beim Späti läuft Cool Savas. Wohin gehst du eigentlich?, fragt er mich, die Hände tief in den Hosentaschen, die dunkelblaue Jacke bis zum Kinn hochgezogen. Rechts: Tote Plastikhüllen in grell ausgeleuchteten Schaufenstern, kitschige Brautkleider –
rote Spitze, gelber Tüll, lila Pailletten –, Dönerfleisch, das im eigenen Fett verbrennt. Links: Unermüdliches, Bewegtes – Autos, die sich gegenseitig anhupen, weitertreiben. Wohin? Als ich mich zu ihm umdrehe, dreht sich die ganze Welt: Rollbergstraße, Karl-Marx-Straße, Hermannstraße. Der U-Bahn-Schacht stöhnt Züge aus, atmet Menschen ein. Ich weiß nicht, wohin ich will. Es gibt keine Ziele mehr. Nur einzelne Etappen. Den Löffel in der Kaffeetasse. Vollgewichste Handtücher. Dein Lächeln.

Da ist immer dein Lächeln.

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Die Suche

things that should have been 

Dein Rücken gegen das Licht
– wenn ich meine Augen schließe,
seh ich zuerst deinen Rücken,
die nackte Haut,
& Leberflecke;
ich seh dein braunes Haar,
das sich lockt an beiden Ohren.
Wie leicht –
deine Hand auf den Tasten liegt;

erst dann seh ich das Licht.

Hör.
Er kommt zur Tür rein wie gerufen, aber eigentlich hat gar niemand was gesagt. Er ist einfach da, groß & weiß, ein Mann wie ein Dreieck, die Schultern ganz grade – er steht in der Küche: Barfuß, in grauen Jogginghosen, & rollt sich ein weißes T-Shirt über die weiße Brust, den weißen Bauch – er ist so weiß, man könnte Schnee nach ihm benennen –, & lächelt, lächelt, oh Gott, wie er lächelt. Hi, sagt er. Nur Hi. & geht sich durchs Haar.

Wir haben uns
immer gekannt, nie getroffen;
wir haben uns seit Jahren stets verloren.

Die Träume, sag ich. Nur diese zwei Wörter. Als würde sofort jemand verstehen, was ich damit meine, aber niemand versteht mich. Besonders Bea nicht. Die tupft sich weiter die Wangen mit Rouge & nickt; es ist ein unbestimmtes, ein herrenloses Nicken, etwas, das ganz ohne ihr Zutun passiert, eine Geste der Höflichkeit. Die Träume? Nein, es sind keine Träume. Was dann? Es sind Erinnerungen. Erinnerungen an was? Ich weiß es nicht. Da ist immer dieses Zimmer, die weißen Vorhänge, ein Klavier. Der Mann am Klavier. Ein Mann? Ja, ein Mann. Jemand, den du kennst? Ja. Zögern. Nein. Ja, was denn nu? Nichts. Ach egal. Nein, sag doch. Nein. Bea schaut mich im Spiegel an & ihr Blick – ein Messerwerfer kann keinen schärferen Dolch werfen als sie diesen Blick –, trifft mich zwischen den Augen. Meine Ohren brennen, sind rot. Ich weiß es nicht.

Warum bist du hier?
Ich bin immer hier.

ich sitze am fenster, die stadt ist klein & gelbstichig, wie alter rauch. draußen irren lichter, trambahnen, autos. smartphones gehen auf & ab. ich saß lange nicht mehr hier. habe lange nicht – gedacht, gefühlt, gelebt. als wäre es pausiert gewesen, dieses harlekin-leben.

die gedanken, das, was einem selbst, was mir gehört, ist wie verschoben. stattdessen: gefühle, die wie regen niedergehen; ich fühle zu viel.

nur wenn du bei mir bist, sag ich ins leere zimmer, finde ich frieden. Komm, sagt er. nur Komm. & wenn ich dann meine augen schließe, die wund sind & rot, die trocken knistern beim blinzeln, dann seh ich ihn,
die hand auf den tasten,
den kopf leicht geneigt,
dann riech ich ihn,
ihn & den sommer,
hier: der staub in der luft, glitzernd wie silber,
& das licht – dieses licht, das nirgends sein wird,
nur hier, in diesem zimmer,
& ich, der ins leere blickt, die zunge trocken am gaumen, fühle ihn, er ist auf der anderen seite, als müsste ich bloß durch die tür, nur gibt’s hier keine seiten. vor mir: die stadt, trübe & gelb. irgendwer schmeißt in der küche ein glas zu scherben. ich sitze am fenster, höre das klavier, höre die finger auf den tasten, der fuß tippt, tippt, tippt die pedale, ich höre dich, denk ich. & höre nichts.

Sagen Sie – haben Sie eine Todessehnsucht?
– (zögernd): Nein.

wie kann ich dich vermissen – dich & nicht all die andren? jene, die wirklich da waren? wie kann das andere, das gedachte leben, so viel realer sein als das eigentliche?

es bleibt
haltloses,
fragmentiertes.

ich sitze zitternd am fenster. Komm. wie einfach alles wäre, wenn es diesen sommer gäbe. du am klavier. dieses licht, das alles heilt. Komm. dein rücken gegen das licht, mein kopf auf deiner schulter, meine hand auf den tasten.

Xibalbá.

mein letztes wort.

The Mixed State

1.
Am Fenster, er raucht am Fenster, & die Welt, als ein Viereck, steht wie vor ihn hingestellt – ein Gebäude an Welt: Autos & Regen & Licht. Wie glücklich ich bin. Wie leicht & lose, Daunenfedern aus der Jacke. Ich liege als schwarzes Komma im weißen Bett, sehe: Rauch, kräuselnd, am Fenster, die Kippe – ein roter Punkt. Er lehnt sich gegen den Sims & lehnt sich der Nacht entgegen. Wie traurig ich bin. Wie schwer & zäh, angebrannte Bohnen in der Pfanne. Wie fern das alles ist, wie weit weg. Ich sehe ihn wie durch einen langen Gang.

2.
Es fällt mir schwer zu reden. Die Wörter sitzen nicht. Stattdessen: Die Gefühle, die wie Stürme über mich kommen. The Mixed State, was heißt das überhaupt, dieses glückliche Zerschmettertsein, dieses tieftraurige Lachen? Er legt sich neben mich – ein Drittel Rauch, ein Drittel Chanel, ein Drittel Weichspüler, ein Duft wie eine Droge –, & ich vergrabe mein Gesicht in seinem Rücken, in die Haut zwischen seinen Schulterblättern, der perfekte Platz für meinen Kopf; ich atme ihn.

3.
Als er weg ist, reiße ich das Fenster auf; da ist der Regen, da ist das Licht. Das Bett ist ungemacht. Ich rieche an meinen Händen, aber ich rieche ihn nicht. Hier ist nichts, nichts –– nur Virginia — wieso Virginia, wieso jetzt? Sie steht am Fenster – das weiße Kleid wie ein Sack, viel zu weit, viel zu weit für diesen schmalen Körper; sie ist nur Haut & Knochen, eine Wolke, die sich langsam löst, die sich auflöst, ein Hauch genügt & sie ist fort –, am Fenster steht sie & richtet ihr Haar. Fear no more, ihre Stimme ist statisch, Fear no more. Was ist denn noch zu fürchten? All of this, sagt sie, The inability to speak & write, the inability to love, the madness. Sie steckt sich eine Haarklammer zwischen die Strähnen & lächelt. I will keep losing them, won’t I? Dann kommt der Wind & der Regen, & das Licht, flackernd, wischt sie wieder fort.

4.
Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, zu meditieren?, fragt mich Dr. H & lächelt dabei. Ich meditiere seit 127 Tagen – jeden Tag. Es sind Ausschnitte der Stille, in die ich schlüpfe wie in übergroße Pullover. Ich wattiere mich – jeden Tag, 127 Tage lang. Trainiere & lese, ernähre mich gesund. Ich trinke drei Liter Wasser am Tag. Nehme keine Medikamente. Es sollte besser werden, sagen sie, mit der Zeit sollte alles besser werden, immer besser, bis es zu gut zum Leben ist, unlebbar perfekt also, das ist der Zustand der Heilung. Die Therapie.

5.
Herr Da sagt, ich solle schreiben. Also schreibe ich:

In moments like this, & I think I never shared them with you, does life feel like a fountain, a never-ending spark – something marvellous, but frightening, something beautiful, but massive; a turbulence, a fall towards the sky. I feel fragments of fragments, like tiny bits of memories – the sun catching dust over a piano; white linen, freshly spread over a bed; strawberries eaten at a window –, but also memories of all the things that never happened – opportunities that were never taken; a multitude of people, conversations, feelings; cities that ceased to exist, etc. & everything is right & out of order at the same time; the feeling of seeing life as it is – all at the same time, like a glance through mirrored glass.

In moments like that I am filled with pictures, I can’t contain them, they espace me without intentions; every word has a melody now, a meaning; everything turns real, solid, as if I would have lived life staring into the void before & now, after I started to feel my heartbeat again – dark & from afar, like someone’s calling my name – I feel pushed out in the open, a god filled with fire & with an earthshaken clearity, & I feel inspired, high. Poems are burning on my tongue.

Als ich wieder zu mir komme, ist es schon dunkel. Mein Kopf fühlt sich schwer an, wie abgeschlagen & falschrum wieder drangenäht. Meine Hände sind kalt. Wen meine ich, wenn ich sage: Ich vermisse dich?

re: backlog

Zurück – an die Arbeit: zum Schreiben zurück, das mir mal alles war. Atem. Herzschlag. Ein Grund, morgens aufzustehen. Jetzt löffle ich Erdbeermarmelade aus dem Glas. Wie von Sinnen. Ich erinnere mich kaum mehr daran, was vor den weißen Haaren war. Als hätte ich mit der Blondierung den bösen Geist der Vergangenheit ausgetrieben, das Wesen des Mannes, der vor mir hier war, in diesem Körper. Was aber blieb?

Ich bin zwischen die Tage geraten. To-Do-Listen. Ich arbeite nicht, nein. Vielmehr bin ich Konsument meiner Arbeit geworden. Bildschirme haben meine Augen ersetzt, meine Hände fühlen nichts als das Weiß der Tasten. Es gibt immer etwas zu erledigen: Da sind Telefonate zu führen, Kontakte zu knüpfen, Facebook-Posts zu schedulen, Workshops vorzubereiten, Bücher zu lesen, Texte zu lektorieren, Ads zu schreiben. Das Chaos kennt keine Leerzeichen, das Chaos schreibt alles zusammen. & klein. Ein Alptraum also? Auch nicht, nein. Morgens, wenn ich aus dem Bett steige, will mich stets eine Hand zurück ins Warme ziehen. Ich aber gehe. Der Junge versucht es immer wieder, jeden Tag.

& manchmal, wenn ich noch müde bin, gebe ich nach. Dann drücke ich meine Brust gegen seinen Rücken, spüre: Herzschlag. Atem. Meine Hand in seiner. Da ist er mir so nah wie selten einer.

& manchmal verliere ich mich in diesen 8 Minuten – 8 Minuten bis der Wecker, bis die S-Bahn & die U-Bahn & die ganze Welt wieder was will, von diesem Mann mit den weißen Haaren -, in diesen Honiggläsern der Zeit, da verliere ich mich, in seiner Hand in meiner, in meiner Brust in seiner, & finde mich auch nach dem Aufstehen nicht.

Das ist nicht schlimm, sagt – ja, wer eigentlich? Ich kann den nicht sehen, der ist immer außerhalb, im toten Winkel. Schlimm ist es nicht. Es funktioniert, das alles funktioniert tatsächlich: Morgens & mittags & abends & nachts, meditieren & trainieren & essen & lesen & küssen & ficken & tanzen, das klappt. Nur das Schreiben, das Denken & Schreiben – das ist wie weggewischt. Als hätte ich’s nie getan. Wenn ich mir selbst auf die Finger sehe, sehe ich nichts als Funktionen. Optimierungsmaßnahmen. Ratschläge des allwissenden Erzählers aus dem Off: 5 Daily Habits That Will Change Your Life, How To Make Your Writing Suspenseful, 11 Creative Ways To Save Even More Money. Nur mich sehe ich nicht. Die Gedanken sind stumm geschaltet. Das Sprechen fällt schwer; es ist wie ein Captcha-Code mit verzerrten Sonderzeichen. Erkennen & Rastern & Gliedern – fehlen. Statt der (Denk-)Prozesse gibt es nur Statusmeldungen, Zustandsbeschreibungen, Rückkopplungen. Die Wiederholung des Gesehenen & Gehörten als Unberührtes. Oder: Unberührbares. Die Welt perlt ab. Die Spuren: verwischt.

Übrig bleibt das dumpfe Gefühl eines Vermissens. Die leere Stelle zeigt dabei keinen konkreten Fehlstand. Hier war nie einer. Es ist viel eher ein Soll: Hier müsste einer sein.

Au·to·da·fé̱

Wiedergeboren werden, darum geht es. Aufzuerstehen. Die letzten Tage, Wochen, Monate – sie alle lagen wie Ruinen zwischen uns, trennten rote Fäden von zweierlei Herzen, wohin mit dir? Wer die Geschichte nicht kennt, lacht nicht an den richtigen Stellen, der begreift das Lachen nicht. Ich habe also vergebens erzählt. Auch darum geht es. Ich habe die wichtigsten Stellen ausgelassen – das weiße Geschrei, die bunten Lichter, ich habe die Nacht zum Schweigen gebracht. & zu welchem Preis? Es kamen nur Plagen: der Küchenbrand, die verstopften Rohre, die Rechnungen aus allen Himmelsrichtungen, rote Pusteln zwischen Hüfte & Wangen, die totale Entstellung. Ich bin als Aussätziger – das Gesicht hinter Schminke –, durch Berlin gerannt, als sei der Teufel hinter mir her, dabei war niemand mehr Teufel als ich. Da, morgens in Pankow, als der Ire auf mir saß, mein Schwanz vergraben in heißer Haut, in einem Körper wie ausgedacht, & er kam & ich kam & die Flugzeuge über uns dröhnten, da gab es kein Zurück von den Entscheidungen, da gab es nur die fremde Begierde, ein wildes Tier an zwei Leinen, das sich aufbäumte wie im Todeskampf. Mich gab es nicht. Wer aber bin ich noch, überhaupt? Wer ist übrig geblieben nach all den Grabenkämpfen – nach dem lückenlosen Niedergang ganzer Königreiche?

Ich stehe als Wiedergänger auf, als Kopie; ich verlasse um 7 Uhr 40 das Haus, ich gehe mit brennendem Kopf. Von morgens bis abends dröhnt mir die Musik, ich ertränke jeden Gedanken. In welcher Welt lebt das Original? Mein Gesicht brennt, mein Mund ist nichts als eine Linie. Wer mich ansieht, versteinert, Gorgos Haupt kennt keine Gnade. Strom pulsiert mir stattdessen durch Muskeln & Fleisch, ich renne gierig, stemme wütend, jedes Gewicht zerschlägt mir den Körper, aber ich will nichts weiter als das, will nicht mehr als Göttlichkeit, als eine Erschütterung, die mich vom Menschsein trennt. Nachts, wenn der Hunger kommt, hole ich mir Brasilianer & Norweger ins Bett, die mich einlullen mit ihren fremden Zungen, in die ich fahren kann wie ein böser Geist – ich schüttle & rüttle, einen ganzen Staat bring ich gegen mich auf, wenn ich da so einen Wikinger, so einen Konquistadoren zwischen die Kissen werfe, was soll’s, ich habe die Maßlosigkeit ja nicht erfunden.

Wiedergeboren werden, das geht nur unter Schmerzen. Das geht nur unter der Einwirkung der Elemente. Einer muss erst brennen, um aus der Asche aufzuerstehen. Also lege ich mich ab zwischen Reisig & Holz, lege mich als Funkenregen zwischen die Körper. Die Freiheit, denk ich, ist das wichtigste, wie konnt ich das bloß vergessen? Wie konnte ich mit allen zehn Fingern nur ständig auf alle Hürden zeigen, statt sie mit zwei Händen aus dem Weg zu räumen? Wie ich mich verbogen habe, um dem Bild zu entsprechen, dem Entwurf eines Menschen, dem guten Boyfriend, dem Vorzeige-Mann, der alles überwindet in der Selbstüberwindung, der nach nichts mehr streben darf, der nicht mehr wollen kann, der sich selbst nicht wichtig nehmen darf angesichts des Anderen. Also folgt das Unglück in mehreren Nebenrollen. Heute: Eine Aufführung in 12 Akten, jeder ein Monat zwischen März & März, eine Geschichte der Auslöschung.

Wer aber spielt nur dieses Stück, wer hat es geschrieben? Im Juni gehen wir auseinander mit dem Sturm über unseren Köpfen, jeder total bestürzt & fassungslos, dabei habe ich nur mal davon gesprochen, was ich denke, was ich empfinde. Davon, dass ich langsam wieder der werde, der ich gewesen bin, dass ich mich erinnere, & dass es diesmal kein Zurück gibt, keine Korrektion meiner Person. Ich bin kein Schulaufsatz, ich bin keine Gedichtsinterpretation. Du streichst nicht einfach in mir rum, nimmst dir heraus, was dir passt & lässt das andere zurück, das Ich ist. Das ist jetzt schon zu oft passiert, ich habe diese Erzählung in der Endlosschleife abgespult, es ist doch auch mal genug, oder nicht? Es reicht doch irgendwann, nein?

Wir kämpfen alle, es liegt nicht nur an diesem Jahr. Wie viele Brücken brennen da schon hinter uns, wie viele Dörfer & Städte? Unzählige. & auch die Ketzer – sie brennen lichterloh. Die Aufrührer, die Kritiker. Jene, die nicht schweigen, die es nicht über sich ergehen lassen, die doch irgendwann einfach aufstehen & sagen: Ich hab genug gehört von deiner Ichbezogenheit! Ich bin doch nicht für dein Glück verantwortlich, das bist du selbst, verstehst du das nicht? Nein. Du nicht. Du nimmst lieber dein Fahrrad, fährst zwischen den Sturm wie ein Blitz & lässt mich an meinem Geburtstag allein unter dieser Markise zurück, reißt die Fäden, reißt die Brücken, reißt alles ein, was du dir aufgebaut hast von mir, & ich, ich spüre den Strom in meinen Adern, spüre den Wahn & die Kraft, die er mir gibt, spüre die Erinnerungen, die aus der Tiefe quellen – die Bilder von Abschied & Trennung, die Tränen unter der Dusche & die Klingen, die mir den Kopf kahl scheren; sehe, wirbelnd, den Sand & die Sonne, sehe das Grün & das Weiß, die Küsse zwischen Küssen, die Blätter & Wolken, in die Luft Geschossenes, die Straßen von Madrid & Prag, Tel Avivs weite Himmel, was ein Tanz, was ein Irrsinn, die Nächte, die klackernd Gläser stoßen, rot & blau & gelb, ein Feuerwerk, das über uns zerspringt, & unsere Hände, immer unsere Hände, die nicht lassen können vom andren, glaub mir, ich seh es, seh alles – die Bilder überlagern einander, aber ich suche mich darin, suche den Mann, der Tränen lacht statt sie zu weinen, der begehrt ohne zu zögern, den Schriftsteller, der sich nicht den Mund verbieten lässt, der nicht vor dir sitzt wie vor einer Wand. Ich suche mich in mir, nicht in dir, darin unterscheiden wir uns. Darin unterscheidet sich mein Fegefeuer von deinem.

& sieh wie ich brenne, sieh mich als Stichflamme zwischen den Steingewordenen. Der Vesuv ist nichts gegen meine Feuer. Hier: die Fehler, die Vergehen – ein Fick ohne Kondom, eine Panikattacke zwischen zwei Kerlen, die mir verlegen Traubenzucker geben, weil sie sich um meinen Kreislauf sorgen, die Drogen, die mir die Augen weiten & das Herz, die Stille, wenn ich vom Dunkel rede, das mir als Glitter auf der Zunge liegt; ich spucke Gold & Eisen, kratze mich bis aufs Blut & zerbeiße einen Mund, der zu schön zum Küssen ist. Ich gehe renne falle – hungrig, mein Hunger ist maßlos. Also findest du mich nachts zwischen den Wölfen. & ich weiß, ich weiß alles, was du dir denkst & was du empfindest; ich habe dein Mitleid gegen jeden Wind gerochen, selbst inmitten der Stürme. Dein Aber Alex, dein tieftrauriges Ach. Dass du dann arrogant bist, du als König im Exil, merkst du nicht, du schüttelst nur den Kopf über meine Eskapaden. Als wüsstest du etwas besser, als wüsstest du mehr als ich. Wie viel wiegt dein Glück mehr als meines? Wer gewinnt dein Wettrennen um das bessere Leben – insbesondere, wenn du der einzige bist, der daran teilnimmt?

Du hast mein Recht auf diesen Wahnsinn nicht akzeptiert, das hast du nie. Dabei ist genau das, ist dieses Schieben & Geschoben werden, ist dieser Raketenstoß durch tausende Universen, mein Wesen. Mein innerster Kern ruht nicht, ich kenne keine Mitte. Was du festhalten willst, bricht auseinander, zerfließt unter Händen & Blicken, rauscht. Zu lange habe ich versucht, einem Bild zu entsprechen, das nicht nur gefällig ist, sondern das als normal verstanden wird, hier: ein mustergültiger Typ, ein Vorbild, schau, wie der funktioniert, ein Uhrwerk tickt nicht so entschlossen wie der, aber ich ticke nicht. Schieb dir deinen regelmäßigen Sport, deine gesunde Ernährung, deine Meditation, schieb dir deine ganzen beschissenen Rituale & dein besseres Wissen sonst wohin; sprich mir nicht von Heilung, von Normalität. Ich kann keinen Tag länger in deinen Kerkern sitzen. Ich, das ist eine Zumutung, ja, meinetwegen, aber so will ich leben, wild & frei, ohne deine Ränder & Rahmen, ohne deine begradigten Flüsse – ich bin das, was über alle Ufer tritt, ich akzeptiere keine Widerstände.

In deinen Augen also bin ich ein Ketzer, denn ich dulde deine Autorität ebenso wenig wie deine Dogmen. Ich dulde deine Regeln nicht, deine Erlösung. & du hast in dieser einen Sache auch tatsächlich einmal Recht. Ich bin ein Ketzer. Dafür habe ich mich entschieden, ja. Meinetwegen brenne ich für meine Sünden. Es gibt nichts, von was du mich befreien kannst, deine Himmel bleiben mir verwehrt. Ich brauche sie nicht. Wie gesagt. Ich muss erst in Flammen aufgehen & Asche werden, um aufzuerstehen. & das tu ich ohne dich.