Au·to·da·fé̱

Wiedergeboren werden, darum geht es. Aufzuerstehen. Die letzten Tage, Wochen, Monate – sie alle lagen wie Ruinen zwischen uns, trennten rote Fäden von zweierlei Herzen, wohin mit dir? Wer die Geschichte nicht kennt, lacht nicht an den richtigen Stellen, der begreift das Lachen nicht. Ich habe also vergebens erzählt. Auch darum geht es. Ich habe die wichtigsten Stellen ausgelassen – das weiße Geschrei, die bunten Lichter, ich habe die Nacht zum Schweigen gebracht. & zu welchem Preis? Es kamen nur Plagen: der Küchenbrand, die verstopften Rohre, die Rechnungen aus allen Himmelsrichtungen, rote Pusteln zwischen Hüfte & Wangen, die totale Entstellung. Ich bin als Aussätziger – das Gesicht hinter Schminke –, durch Berlin gerannt, als sei der Teufel hinter mir her, dabei war niemand mehr Teufel als ich. Da, morgens in Pankow, als der Ire auf mir saß, mein Schwanz vergraben in heißer Haut, in einem Körper wie ausgedacht, & er kam & ich kam & die Flugzeuge über uns dröhnten, da gab es kein Zurück von den Entscheidungen, da gab es nur die fremde Begierde, ein wildes Tier an zwei Leinen, das sich aufbäumte wie im Todeskampf. Mich gab es nicht. Wer aber bin ich noch, überhaupt? Wer ist übrig geblieben nach all den Grabenkämpfen – nach dem lückenlosen Niedergang ganzer Königreiche?

Ich stehe als Wiedergänger auf, als Kopie; ich verlasse um 7 Uhr 40 das Haus, ich gehe mit brennendem Kopf. Von morgens bis abends dröhnt mir die Musik, ich ertränke jeden Gedanken. In welcher Welt lebt das Original? Mein Gesicht brennt, mein Mund ist nichts als eine Linie. Wer mich ansieht, versteinert, Gorgos Haupt kennt keine Gnade. Strom pulsiert mir stattdessen durch Muskeln & Fleisch, ich renne gierig, stemme wütend, jedes Gewicht zerschlägt mir den Körper, aber ich will nichts weiter als das, will nicht mehr als Göttlichkeit, als eine Erschütterung, die mich vom Menschsein trennt. Nachts, wenn der Hunger kommt, hole ich mir Brasilianer & Norweger ins Bett, die mich einlullen mit ihren fremden Zungen, in die ich fahren kann wie ein böser Geist – ich schüttle & rüttle, einen ganzen Staat bring ich gegen mich auf, wenn ich da so einen Wikinger, so einen Konquistadoren zwischen die Kissen werfe, was soll’s, ich habe die Maßlosigkeit ja nicht erfunden.

Wiedergeboren werden, das geht nur unter Schmerzen. Das geht nur unter der Einwirkung der Elemente. Einer muss erst brennen, um aus der Asche aufzuerstehen. Also lege ich mich ab zwischen Reisig & Holz, lege mich als Funkenregen zwischen die Körper. Die Freiheit, denk ich, ist das wichtigste, wie konnt ich das bloß vergessen? Wie konnte ich mit allen zehn Fingern nur ständig auf alle Hürden zeigen, statt sie mit zwei Händen aus dem Weg zu räumen? Wie ich mich verbogen habe, um dem Bild zu entsprechen, dem Entwurf eines Menschen, dem guten Boyfriend, dem Vorzeige-Mann, der alles überwindet in der Selbstüberwindung, der nach nichts mehr streben darf, der nicht mehr wollen kann, der sich selbst nicht wichtig nehmen darf angesichts des Anderen. Also folgt das Unglück in mehreren Nebenrollen. Heute: Eine Aufführung in 12 Akten, jeder ein Monat zwischen März & März, eine Geschichte der Auslöschung.

Wer aber spielt nur dieses Stück, wer hat es geschrieben? Im Juni gehen wir auseinander mit dem Sturm über unseren Köpfen, jeder total bestürzt & fassungslos, dabei habe ich nur mal davon gesprochen, was ich denke, was ich empfinde. Davon, dass ich langsam wieder der werde, der ich gewesen bin, dass ich mich erinnere, & dass es diesmal kein Zurück gibt, keine Korrektion meiner Person. Ich bin kein Schulaufsatz, ich bin keine Gedichtsinterpretation. Du streichst nicht einfach in mir rum, nimmst dir heraus, was dir passt & lässt das andere zurück, das Ich ist. Das ist jetzt schon zu oft passiert, ich habe diese Erzählung in der Endlosschleife abgespult, es ist doch auch mal genug, oder nicht? Es reicht doch irgendwann, nein?

Wir kämpfen alle, es liegt nicht nur an diesem Jahr. Wie viele Brücken brennen da schon hinter uns, wie viele Dörfer & Städte? Unzählige. & auch die Ketzer – sie brennen lichterloh. Die Aufrührer, die Kritiker. Jene, die nicht schweigen, die es nicht über sich ergehen lassen, die doch irgendwann einfach aufstehen & sagen: Ich hab genug gehört von deiner Ichbezogenheit! Ich bin doch nicht für dein Glück verantwortlich, das bist du selbst, verstehst du das nicht? Nein. Du nicht. Du nimmst lieber dein Fahrrad, fährst zwischen den Sturm wie ein Blitz & lässt mich an meinem Geburtstag allein unter dieser Markise zurück, reißt die Fäden, reißt die Brücken, reißt alles ein, was du dir aufgebaut hast von mir, & ich, ich spüre den Strom in meinen Adern, spüre den Wahn & die Kraft, die er mir gibt, spüre die Erinnerungen, die aus der Tiefe quellen – die Bilder von Abschied & Trennung, die Tränen unter der Dusche & die Klingen, die mir den Kopf kahl scheren; sehe, wirbelnd, den Sand & die Sonne, sehe das Grün & das Weiß, die Küsse zwischen Küssen, die Blätter & Wolken, in die Luft Geschossenes, die Straßen von Madrid & Prag, Tel Avivs weite Himmel, was ein Tanz, was ein Irrsinn, die Nächte, die klackernd Gläser stoßen, rot & blau & gelb, ein Feuerwerk, das über uns zerspringt, & unsere Hände, immer unsere Hände, die nicht lassen können vom andren, glaub mir, ich seh es, seh alles – die Bilder überlagern einander, aber ich suche mich darin, suche den Mann, der Tränen lacht statt sie zu weinen, der begehrt ohne zu zögern, den Schriftsteller, der sich nicht den Mund verbieten lässt, der nicht vor dir sitzt wie vor einer Wand. Ich suche mich in mir, nicht in dir, darin unterscheiden wir uns. Darin unterscheidet sich mein Fegefeuer von deinem.

& sieh wie ich brenne, sieh mich als Stichflamme zwischen den Steingewordenen. Der Vesuv ist nichts gegen meine Feuer. Hier: die Fehler, die Vergehen – ein Fick ohne Kondom, eine Panikattacke zwischen zwei Kerlen, die mir verlegen Traubenzucker geben, weil sie sich um meinen Kreislauf sorgen, die Drogen, die mir die Augen weiten & das Herz, die Stille, wenn ich vom Dunkel rede, das mir als Glitter auf der Zunge liegt; ich spucke Gold & Eisen, kratze mich bis aufs Blut & zerbeiße einen Mund, der zu schön zum Küssen ist. Ich gehe renne falle – hungrig, mein Hunger ist maßlos. Also findest du mich nachts zwischen den Wölfen. & ich weiß, ich weiß alles, was du dir denkst & was du empfindest; ich habe dein Mitleid gegen jeden Wind gerochen, selbst inmitten der Stürme. Dein Aber Alex, dein tieftrauriges Ach. Dass du dann arrogant bist, du als König im Exil, merkst du nicht, du schüttelst nur den Kopf über meine Eskapaden. Als wüsstest du etwas besser, als wüsstest du mehr als ich. Wie viel wiegt dein Glück mehr als meines? Wer gewinnt dein Wettrennen um das bessere Leben – insbesondere, wenn du der einzige bist, der daran teilnimmt?

Du hast mein Recht auf diesen Wahnsinn nicht akzeptiert, das hast du nie. Dabei ist genau das, ist dieses Schieben & Geschoben werden, ist dieser Raketenstoß durch tausende Universen, mein Wesen. Mein innerster Kern ruht nicht, ich kenne keine Mitte. Was du festhalten willst, bricht auseinander, zerfließt unter Händen & Blicken, rauscht. Zu lange habe ich versucht, einem Bild zu entsprechen, das nicht nur gefällig ist, sondern das als normal verstanden wird, hier: ein mustergültiger Typ, ein Vorbild, schau, wie der funktioniert, ein Uhrwerk tickt nicht so entschlossen wie der, aber ich ticke nicht. Schieb dir deinen regelmäßigen Sport, deine gesunde Ernährung, deine Meditation, schieb dir deine ganzen beschissenen Rituale & dein besseres Wissen sonst wohin; sprich mir nicht von Heilung, von Normalität. Ich kann keinen Tag länger in deinen Kerkern sitzen. Ich, das ist eine Zumutung, ja, meinetwegen, aber so will ich leben, wild & frei, ohne deine Ränder & Rahmen, ohne deine begradigten Flüsse – ich bin das, was über alle Ufer tritt, ich akzeptiere keine Widerstände.

In deinen Augen also bin ich ein Ketzer, denn ich dulde deine Autorität ebenso wenig wie deine Dogmen. Ich dulde deine Regeln nicht, deine Erlösung. & du hast in dieser einen Sache auch tatsächlich einmal Recht. Ich bin ein Ketzer. Dafür habe ich mich entschieden, ja. Meinetwegen brenne ich für meine Sünden. Es gibt nichts, von was du mich befreien kannst, deine Himmel bleiben mir verwehrt. Ich brauche sie nicht. Wie gesagt. Ich muss erst in Flammen aufgehen & Asche werden, um aufzuerstehen. & das tu ich ohne dich.

Große Gesten

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Was verändert das Wesen eines Menschen? Du sitzt am Fenster, rollst Tabak & Gras, & lächelst ein Lächeln, das unbestimmt ist, nicht geheimnisvoll, du bist keine Mona Lisa, nein, du lächelst, als lauerte ein Witz über uns, ein Damoklesschwert des Gelächters, ein fernes, ein erinnertes Lachen, das die ganze Welt erschüttert. Deine Augen sind glasig. Traumata, sagt der Junge in grün, sagt Jonas, oder Janosch, ich habe seinen Namen vergessen, obwohl er sich bereits 2x bei mir vorgestellt hat; jedes Mal mit einem Grinsen.

Er trägt diesen grünen Pullover wie eine Uniform, ein Heldenkostüm: der Stoff, dünn wie Papier, liegt ihm eng auf der Brust, zeichnet seinen Körper nach, die Muskeln & Knochen – Arme & Bauch wie gemeißelt –, & reicht ihm knapp bis zur Gürtelschnalle, dem Totenkopf aus Silber, der protzig funkelt. Jonas, oder Janosch, geht, wenn er geht, mit den Hüften voraus, die Beine breit, die Füße schief – es fehlen Pistolen an diesem Gürtel –, & ich kann nicht aufhören auf seinen Schritt zu starren. Die Liebe, sagt Marlene, die rote Strähne zwischen den Fingern.

Marlene brennt heute, & es sind nicht nur die frisch gefärbten roten Haare. Das Kleid, der Lippenstift, die Schuhe – die Rottöne schreien sich an, übertrumpfen einander; sie sitzt im roten Lärm & dreht sich die Strähne bis sie unter ihren Händen zerfasert.

Traumata, sagt Jonas, oder Janosch wieder, & sein Grinsen knallt wie eine Peitsche über seine Lippen. Man verletzt sich an diesem Mund. Ich kann kaum hinsehen. Ereignisse, die einen kaputt machen. Er setzt sich neben mich – ich? Ach ja, wo bin ich – ich bin hier, sitze auf dem Boden, schwarz & grau & schwarz, meine Jeans sind staubig. Ich habe kalte Hände & einen trockenen Mund, ich denke ans Vögeln. Denke an J.s Körper unter mir, die bronzene Haut, das dichte, schwarze Haar. Er blitzt auf, wenn ich blinzle. Ist es nicht viel mehr einfach nur der Wille zur Veränderung?, sagst du, die Kippe im Mund. Der Wille ganz generell.

Seit Jahren die gleiche Frage: Was ist dieses Ich, dieses zurecht geschüttelte, dieses Kopfkissen der Erinnerungen? Ein Widerspruch. Halb Teilchen, halb Welle – ein reisender Lichtstrahl. Ich habe nichts gesehen von mir in all meinem Leben als einzelne Zustände. Als Fragmente, die zusammengenäht nicht Ich sagen zu sich, sondern Vergangenheit. Ich, das ist ein Klangteppich, ein emotionales Würfelspiel. Ich, das ist eine Kugel im Revolver, nichts als russisch Roulette. Sind meine Entscheidungen frei gewesen in den letzten Jahren? Oder war Berlin die wirklich letzte, vielleicht die einzige freie Wahl? Bin ich getrieben von Ängsten & Süchten, von Begierden, die mich selbst völlig übersteigen? Oder kann ich mich überwinden in den großen Gesten der (Selbst-)Verweigerung? & ist das letztlich Ich? Ein Nein-Sager?

Ja. Nein. Ja. Ich trommle Morsesignale aufs Parkett, die ich selbst nicht verstehe. Kurz, kurz, lang, lang, kurz, kurz. Das ist kein SOS. Jonas, oder Janosch sieht mich an. Auf was wartet der eigentlich? Was verändert dich? Meine Augen brennen, meine Lippen, mein Herz. Der Tod & die Ahnung des Todes. Das sag ich nicht, ich denke es nur. Meine Augen suchen dabei Jonas‘, oder Janoschs Hosennaht, die Ausbeulung im Schritt. Das Leben verändert das Wesen eines Menschen. Das ist zu generisch, das bedeutet nichts, sagt Marlene & zieht an deinem Joint. Ihr sitzt jetzt beide auf dem Sims & stemmt die Füße gegen den Boden als würdet ihr andernfalls durchs Fenster hinaus & hinauf ins Weltall stürzen. Du musst schon genauer werden, wenn du mit solchen riesigen Begrifflichkeiten wie dem Leben ankommst. Das Gelächter, ich höre das Gelächter dicht über unseren Köpfen.

Haben wir je wirklich begriffen, wer wir sind? Können wir das Ausmaß der Geschwindigkeit erahnen, mit dem wir uns verändern – jeden Tag? Jede Entscheidung kennt ihr Muster, ja, aber die Muster variieren. Wer als Feigling geboren ist, kann als Held sterben. Wer die Wölfe ins Dorf lässt, kann sie auch zähmen. Ich spüre das Gift der Nattern in meinen Adern & doch, ich beiße nicht, vergifte nicht. Ich lasse mich selbst am Leben & auch die Träume, die, egal wie unwahrscheinlich sie auch sein mögen, mir genügend Halt geben, um alles wieder aufzubauen, was ich vor Wochen selbst kaputt geschlagen habe. Ich, Shiva der Zerstörer, gehe als Weltenbauer durch Ruinen. Wofür? Weil es meine Entscheidung ist.

Die Freiheit, sag ich trotzig & sehe über Köpfen & Schultern die Wolken über der Stadt. Für mich ist es Freiheit.

Auf der Höhe des Herzens

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& dann die Rückkehr, dieses komische Gefühl von Begrenztheit, von Kleinheit, hab ich denn immer hier geschlafen? Stand ich je an diesem Fenster, saß in jenem Sessel? Nein. Es gab immer ein Zwischendurch, ein Woanders. Ich habe diese 25 Quadratmeter durchquert wie ein Reisender. Es gab immer eine Unterbrechung zwischen Sonntag & Montag, eine Pause zwischen 6 Uhr 30 & 10; ich habe hier gelegen, geschlafen, manchmal geträumt, ja, aber wirklich hier gelebt hab ich nicht, nein.

Ich betrete mein Zimmer durch die Tür, die angelehnt blieb, & rieche – Lavendel. Zitronengras. Bergamotte. Mandarinen. Erinnerungen an Sommernächte, Kleidung, die in der Sonne hängt zum Lüften, sonnengetränktes – Leben. Wie fern das alles wirkt, wo es doch gerade jetzt passiert. Die Möwenschreie über Westhafen. Das Rauschen der Pappeln. Ich, wie ich den Teller Pasta zum Tisch trage, mich setze. Es ist zu spät für Pasta, & Nudeln hab ich seit Monaten nicht mehr gegessen, aber ich esse trotzdem. Gierig. Ausgehungert. Wie winzig der Tisch ist, wie überladen mit Büchern. Platz für den Teller musste ich erst schaffen. Ist denn hier nichts frei von jeder Bedeutung?

Nach einer Woche mit 40 Grad Fieber wache ich also auf in einem Gedanken als sei ich weg gewesen. Es ist halb 5, das Handy vibriert, & mein Gesicht ist so tief zwischen den Kissen eingesunken, dass ich nichts anderes sehe als schwarze & weiße Balken zu beiden Seiten. Wo? Was? Ich erinnere mich nicht daran, wer ich war, als ich eingeschlafen bin. Jetzt schießen mir nur Fragmente durch den Kopf, Bilder, wie zerschnitten: J.s Kopf auf meiner Brust, seine Hände in meinen, meine nackten Füße im Sand, darüber: ein petrolblauer Himmel, dann: ein Rapsfeld & tanzend: Schmetterlinge, die zickzack fliegen. Ein Brennen auf der Höhe des Herzens – A. & Herr Da. Verlorene, Verschüttete, Fremde. Eine Aufnahme von Albert Camus, der über eine Schreibmaschine gebeugt, ein Blatt Papier einspannt, aufrollt, abrollt, wieder einspannt. Die schwarze Nadel, die mir Virginia Woolf auf den linken Oberarm, kurz oberhalb der Kottbusser-Tor-Narbe, in die Haut sticht. Zeilen von Orlando, Zeilen von To The Lighthouse, Zeilen von Mrs. Dalloway, die mir wie kalte Kiesel den Rücken hinunter rasseln. Als ich aufstehe, dreht sich die Decke leicht, aber die anderen Dinge bleiben alle, wo sie sind.

Das Treppenhaus ist kühl, die Luft ganz klar. Wer ist dieses Ich, das durch die Nacht reist, die an alle Tage grenzt? Meine Beine zittern noch, meine Arme sind schwer. Wer hat angefangen, wer hat nicht aufgehört? Ich gehe durch einen Garten, der mir nicht gehört, in einer Stadt, die ich nur durch YouTube kenne, & setze mich neben die rothaarige Frau auf die Decke, zu den bunten Kissen, in die Nähe der Tauben. Sie lächelt versonnen, legt ihr Buch zur Seite. Do you like to have a cup of tea? No, thank you very much. I need to leave. Also wischt die Zeit über uns, wischt Geschwindigkeit in die Wörter & Sätze, wischt uns fort in Bewegungen: Schuhe, die zu Reifen werden, die Turbinen sind. Unter uns zittert die Welt in den Wolken, aber die Wolken zittern nicht.

Meine Visionen, wie du sie nennst, werden nicht weniger, sie häufen sich. Unter der Erde sehe ich Wölfe aus dem Gleisbett steigen, die, heulend, durch die Gänge rennen. Wen sie jagen, seh ich nicht. Später steigt ein Schwarm Schwalben in die Tiefe, sie füllen die Decken & Wände, sie verdunkeln die Lampen. Beides, wie ausgedacht, erlischt. Ich sehe Alain, der ich ist, mit blutigem Lachen. Im Hintergrund dröhnt ein Herzschlag. Ich müsse Ruhe finden, sagst du, ich müsse raus aus der Stadt. Deine Ratschläge klingen wie Drohungen. Was, wenn du Recht hast? Was, wenn nicht? Du musst wieder anfangen zu schreiben. Ich muss? Sonst bist du verloren.

& so also kehre ich zurück. Als einer, der nicht verloren ist.

Von einem, der auszog…

liebster-award

Wer die Gewinner sind in Zeiten wie diesen, frage ich mich, wer die Goldherzen hat, die Oscars, aufgereiht zwischen müden Organen, & weiß nichts – rein gar nichts –, so spontan zu erwidern, was sinnvoll wäre, oder, ach, wenigstens nur sinnvoll klingt. Dabei wurde ich erneut, genauer: bereits zum zweiten Mal!, mit dem Liebster Blog Award ausgezeichnet, & zwar von Yuliya. Jetzt bin ich sehr stolz & auch verlegen (allerdings auch sehr verwundert), & versuche mein Bestes – in Zeiten wie diesen.

Liebster Blog Award

Man sagt mir nach, ich würde die Dinge nur verkomplizieren. Ich würde es den Menschen schwer machen, schwer mit dem Essen & schwer mit dem Lieben. Ich würde immer & überall ein Gewicht mit mir herumtragen, das ich in den ungeeignesten Momenten den anderen auf die Füße fallen ließe – manchmal, mit einem schelmischen Grinsen. Ich wäre ein Verwüster, ein Tunichtgut, einer, der auszog, um das Fürchten zu lernen – obwohl er am Ende keinen Eimer mit Fischen ins Gesicht geschüttet bekommt, weil neben ihm keine Frau im Bett liegt, sondern ein anderer Kerl. Ich müsse immer alles kritisieren – nur nicht die eigenen Superlative, & rupfe oftmals solange an den wenigen, guten Haaren bis keine mehr blieben. Wer da also so haarlos durch die Straßen Berlins zieht, ist halb Fabelwesen, halb Hirngespinst, was beides, sind wir mal ehrlich, oftmals rein gar nichts miteinander zu tun hat, aber in meinem Fall angeblich ganz viel. Das aber nur so als Intro. Damit klar ist, wer antwortet.

1. Wie kamst du zum Schreiben?

Das ist einfach: Ich kam nicht, ich war bereits da. Oder anders: Das Schreiben war es, das mir zulief, nicht andersherum. Nein. Vielleicht war das Schreiben eher etwas, das angeflogen kam, wie eine Brieftaube, oder vielleicht war es wie ein Geysir, der mir urplötzlich unter den Füßen ins Freie brach & mit sich mir in die Glieder. Kann das Schreiben etwas wie eine Fähigkeit sein, die man entwickelt – ähnlich dem Schnürsenkelbinden? Oder ist das Schreiben ein Talent, ein angeborenes, wie Gefühlssynästhesie oder Farbenblindheit? (Schau, ich fühle dich beim Tippen, du sinkst in mich ein beim Lesen, wir sind eins in den Wörtern).

Die Wahrheit ist: Ich weiß es nicht. Das Schreiben war schon immer da, war gewissermaßen vor mir. Es zeigte sich als bauchige Buchstaben auf liniertem Papier – in Form meines Namens, & immer: im Namen eines Fremden –, & in der alten Schreibmaschine meiner Mutter, oder Tante, die, grünlich-bläulich, auf dem Küchentisch stand, wo ich auf sie einhämmerte mit ungelenken Fingern & großer Frustration. Das Schreiben war in mir & um mich, noch bevor ich die Bücher entdeckte, es ging mir nach bis zur Schule & saß mir im Unterricht stets zuvorderst auf der Zunge. Wenn ich in der Schule schrieb, schrieb das Schreiben. Nicht ich. Man könnte somit also behaupten, das Schreiben sei im Grunde nicht untrennbar mit mir verbunden, sondern viel eher, dass das Schreiben & ich deckungsgleich – dasselbe – sind.

2. Bevorzugst du eine Art des Schreibens (Lyrik, Prosa, freie Gedanken etc.) & wenn ja, wieso?

Oh, & was, wenn nicht? Ich klopfe stets die Eventualitäten ab, die Möglichkeiten der Sprache. Falls ein Nein fehlt, so könnte doch wenigstens ein Vielleicht – ein Möglicherweise – ein Gegebenenfalls in die Zwischenräume schlüpfen & sie, atmend & im Atmen wachsend, erweitern bis sie groß genug sind, um alles zu fassen, was Sprache ist. Ich bevorzuge, was möglich ist. Alles andere ist eine Zumutung. Andererseits bin ich ein furchtbarer Amateur & weiß von den Arten des Schreibens ungefähr so viel wie vom Kriegführen: Wer die falschen Waffen wählt, verliert. Warum also nicht einfach alle wählen?

3. Hast du ein Lieblingswort?

Nicht eines, viele. Hagelzucker beispielsweise, eine süße Härte, eine Gewalttat der Sinne. Davor war es Shoah, die trug ich bitter zwischen den Zähnen. Dass die Wörter oftmals nur in einem furchtbaren Kontext existieren können & dabei Grausames in sich verstecken, macht sie umso reizvoller für mich. Was nicht heißt, dass ich nur Tod & Verderben sammle. Ich mag Schlüsselwörter & Allegorien, mag den Geschmack der Sehnsucht im Mund & die Weberknechte als Wimpern an beiden Augen.

4. Welche drei Lieder oder Musikstücke hörst du zurzeit am liebsten?

Aus meiner Spotify-Musikliste, chronologisch zur Sucht gestapelt:


1. Romare – Come close to me


2. SOHN – Conrad


3. Muddy Monk – Si l’on ride


5. Hast du mal selbst Musik gemacht oder machst du Musik?

Ich habe mal in einem Traum eine Oper geschrieben, ich hab sie sogar aufgeführt. Sie war ein Meisterwerk. That’s it.

6. Welches Buch hat dich besonders inspiriert?

Inspiriert? Zum Schreiben, zum Leben? Ich wünschte, ich könnte das auf irgendwas begrenzen, könnte mit Garn bespannte Stöckchen in die Erde rammen, um den Rahmen abzustecken – stattdessen fallen mir nur ganze Namenslawinen ein, die alles unter sich begraben: Die Stöckchen, das Garn, mich. Ich kann mich nicht entscheiden. Es beginnt vermutlich mit Virginia Woolfs Mrs. Dalloway, das hat mich beeindruckt, gleichzeitig aber auch die Biografie von Hermione Lee über Virginia Woolf; ich wurde elektrisiert von Bolaños Wilden Detektiven, von Kafkas Verwandlung (& auch von seiner Strafkolonie, über die seltsamerweise immer noch viel zu wenige Menschen reden); Elias Canettis Blendung hat mich schlichtweg aus den Socken gehauen, ebenso wie Safran Foers Everything is illuminated. So gut wie alles von Herta Müller hat mich inspiriert. & die Kassandra von Christa Wolf. Ich kann aber vermutlich endlos Büchernamen & Autoren aneinander reihen. Das Buch, was mich (bisher) am meisten beeindruckt hat – wenn ich das so sagen kann –, war allerdings Adrienne Mesurat von Julien Green.

7. Was magst du am Tag, was an der Nacht?

Tags. Es gibt die Tage im Frühling, wenn der Himmel das erste Mal wieder aufbricht – gefühlt: seit Beginn der Wetteraufzeichnungen –, & die Sonne, wie gestoßen, zwischen die Wolken fällt als weißgelbe Kugel, & wenn es zuvor geregnet hat, dann riechen die Straßen wie frisch gewaschen. Ich mag den Geruch des Tages, die Bäckereien, mit denen alles beginnt, die jede Fußgängernase in Kaffee & frische Brötchen tunken, & ich mag auch die Geräusche des Tages: das eilige Rattern der S-Bahnen, ihr Fiepen, das Zeitungsrascheln zwischen den Tagmenschen, die ihrem Tagwerk nachgehen – so, als gingen sie endlos in Kreisen. Ich mag das Essen des Tages, das Auftischen zwischen Frühstück & Mittag, die Gedankenlosigkeit der Gabeln & Messer, dazwischen: ein verschmitztes Grinsen. Tags ist alles sichtbar, plastisch; ich mag das Greifbare des Tages, die Dreidimensionalität der Dinge. Es gibt kein Verstecken. Im Sommer: das Liegen an Seen & im kurzgeschorenen Gras, das einem zwischen den Fingern knistert wie Stroh. Das Licht, das über die Oberflächen brandet & sie vergoldet, das geschieht vor allem im Herbst. Ich mag das Licht des Tages.

Nachts. Mich hat die Nacht geraubt, ich war der erstgeborene Sohn. Ich mag die Geschwindigkeit der Nacht, ihr lautes Dröhnen, ihre Langsamkeit, ihr erstickendes Schweigen. Ich mag, was sie aus den Farben macht – Erscheinungen! – vor allem im Winter, wenn der Himmel & der Boden ziellos ineinander übergehen. Ich liebe die Gleichmacherei der Nacht; sie ist wirklich gerecht. Ich mag ihre Schatten & Geheimnisse, mag ihre Winkelzüge & Intrigen. Die Nacht wartet mit Messern, sie presst Herzen kaputt & steckt Körper zusammen wie Legosteine – die Nacht ist Mörderin & Geliebte: Sie reißt einem die Augen auf im Wahn & schüttet noch Wein nach in jedes unserer leeren Gläser. Ich mag die Ehrlichkeit der Nacht, ihre Gnadenlosigkeit. In der Nacht verlieren Menschen erst das Gesicht, dann ihre Unschuld. Ich mag ihre Gier & den Hunger, der einen überfallen kann, wenn man vom einen Club in den anderen taumelt, morgens um 4. & trotzdem: Es herrscht auch Stillstand, Ruhe, das Vakuum der Schatten. Die Sehnsucht nach dem eigenen Bett. Das Glück zu träumen.

8. Was für einen Blick hast du, schaust du Menschen viel in die Augen?

Manchmal: den Blick getriebener Tiere. Manchmal: den Blick der Manischen, der Depressiven, der Irren, die sich nackt noch angezogen fühlen. Manchmal: verständnislos, unruhig flackernd, ungeduldig. Oftmals: zornig. Selten: angekommen. Ich habe manchmal das Gefühl, ich sehe in Wahrheit weniger mit den Augen – & nein, bitte, kleiner Prinz, bleib wo du bist, ich seh mit dem Herzen auch nicht besser –, als vielmehr mit der Idee des Sehens. Manchmal habe ich das Gefühl, ich würde tatsächlich überhaupt nichts sehen. Das beginnt mit dem Fokussieren – & endet in Unschärfe.

Was den Augenkontakt anbelangt: Ja, oft. Oft aber auch nicht, nein. Manchmal erscheint es mir völlig absurd, dass sich Menschen anschauen müssen, um einander zu sehen (wo wir wieder beim Thema wären). Meine Augen sind gefährlich, oder zumindest wurde mir das damals, zu Uni-Zeiten, von Josh attestiert. In meinen Augen lauere Wahnsinn, sagte er. Wer meinem Blick zu lange standhalte, der verliere sich im Weißblausilberngrau & dem Schwarz meiner Pupillen. Damals habe ich noch darüber gelacht. Heute weiß ich nicht, ob er nicht doch vielleicht Recht damit hat.

9. Das Erste was dir einfällt, wenn ich frage: Was ist das Schönste, was du je gesehen hast?

Das Leben, glaub ich, die Summe der Einzelteile. Ein papierner Schmetterlingssturm des nachts & unter mir eine tanzende Menge. Ein lachendes Kind in der U-Bahn, das mit seinem Gelächter alle anderen Passagiere ansteckt & am Ende, da lachen sie alle. Ein azurblauer Himmel in Barcelona – darunter: kubanische Nutten in zu kurzen, zu bunten Röcken, die mit Don rauchen & mit mir lachen. Zwei Stühle, einer blau, der andere rot, die am Strand von Tel Aviv im Sand stehen, wo Herr Da & ich uns küssen – davor: ein Technicolor-Sonnenuntergang-Wunder.

Mir fallen sofort dutzende, hunderte Augenblicke ein, manche davon schrecklich banal, andere groß & schwer & an den Rändern aus gleißendem Licht. Eine Liebe, die wie ein Blitz einschlägt & das Alte Rom bis auf die Grundmauern niederbrennt. Eine Liebe, die das Bett frisch bezieht. Eine Liebe aus Wahnsinn & Hunger. Meine damalige Mitbewohnerin Greta, die in ihrem seidenen Morgenmantel in der Küche stehend, ihren Minztee brüht & sich die Avocado aufs Brot schmiert. Goldflitter im Haar & Konfetti in jeder der Socken. Das Lächeln meiner Mutter, wenn sie mich nach über einem Jahr Abwesenheit wieder in die Arme schließt. Eine abgeschlossene Geschichte, ein vor Publikum vorgelesenes Gedicht. Ein Teenager in Madrid, der vor den vorüberziehenden Massen der Pride, am Straßenseitenrand, eine Regenbogenflagge hochhält & dahinter: der glückliche Vater.

Alles davon, gleichzeitig, übereinander gelagert, immer.

10. Was würdest du dir selbst gerne mitteilen?

Komm schon, setz dich hin & schreib dein Buch zu Ende. Keine Ausreden mehr. Begegne dem Unbequemen als Läuterung. Du hast genug Angst gehabt in deinem Leben. Es ist Zeit für die Liebe, & auch für die Revolution! Etc., etc.

11. Wie schwer wiegt das Leben?

Gar nicht. Das Leben ist nicht messbar – weder in Herzschlägen, noch in Atemzügen, schon gar nicht in Gewichten. So wie der Ozean keinen konkreten Anfang oder ein definitives Ende kennt, so stellt sich auch das Leben auf keine Waage.


Der Liebster Award kennt Regeln, die sind mir aber, ehrlich & mal ganz unkonventionell gesagt: wurscht, & zwar reichlich. Ich nominiere, wer mir am Herzen liegt. Das wären vor allem: 1. das Fräulein Artischocke, mein persönliches Fräulein Wunder; 2. die Wirsching, aka die Piratenbraut; & last, but not least: 3. die unnachahmliche Candy Bukowksi, die Zunderfrau, die mich immer aufs Neue begeistert.

Meine Fragen sollten harmlos sein, & ich möchte sie auch kurz fassen, damit sich niemand ganze Tage freinehmen muss zum Antworten:

1. Welcher Autor hat dich das letzte Mal berührt? (Im Zweifelfall auch unsittlich).
2. Was kann uns noch retten?
3. Was war dein größtes Scheitern?
4. & was dein kleinster Erfolg?
5. Was davon war im Nachhinein wichtiger & warum?
6. Was ist dein Lieblingsort (in deiner Stadt oder: in irgendeiner Stadt)?
7. Weswegen?
8. Welcher persönliche Gegenstand liegt dir am Herzen & warum?
9. Aus welchem Film bist du aufgestanden & gegangen?
10. 1x dein Beerdigungssong, bitte.