Deinetwegen

Das Diktat von Wäsche & Besteck, das Diktat der schmutzigen Dinge. Immer gibt es Staubflusen zwischen den Türen, es sammelt sich Dreck unter den Fenstern, die Teller im Spülbecken, die Pfandflaschen im Eck. Ich trinke zu viel Cola. Ich esse zu wenig Gemüse. Ich, ein Mann im biblischen Alter. Mit 33 hing Jesus am Kreuz. Ich hänge vor Netflix – fahre jeden Tag zur Hölle für Nichtbegangenes, für Versäumtes; es gibt kein anderes Paradies als das derzeitige: Wenn du mich morgens umarmst,
ein fester Griff mit zwei Armen,
Händen, die,
wenn sie könnten,
die ganze Welt umarmten,
& dein Atem in meinem Nacken, ein Säuseln, ein Beinahe-Küssen, & ich, der noch müde dem Schlaf nachhängt, ein Nachtwächter fremder Träume, ein von der Erholung Abgehängter, spüre deinen Körper im Rücken, dein Herz, das anklopft an Muskeln & Rippen, ein ganzes Leben in dieser Berührung – eine Zukunft. Das ist Wahrheit. Das ist echt. Alles andere hingegen…

Diese Gegenwart ist unruhig, wie Kerzenflackern.

Wenn ich daran denke, wie ich früher war, wie ich nachts am Schreibtisch saß & schrieb, wie ich den Dingen nachging
– ein Spürhund, ein Geigerzähler –,
als wär ich besessen davon. Ich sehe noch heute das blaue Rechteck über mir, das Fenster zum Himmel – in der Ferne die Dachpyramiden der Nachbarhäuser; ich habe oft da gesessen, unter dem Fenster, habe den Blick ins Ziellose geschmissen, ins Unbestimmte. Da gab es Äste irgendwo, vielleicht Sterne. Ich erinnere mich dunkel an Sterne, aber möglicherweise denk ich mir die auch nur nachträglich dazu, verfuge die Erinnerungen neu, romantisiere. Ich habe damals viel geschrieben, war jeden Tag ans Schreiben gebunden. Wie leicht mir das fiel. Wenn sich heute einer ein Glas Wasser eingießt, hat der mehr Probleme als ich damals beim Schreiben. & jetzt? Die Sätze wie Stacheldraht. Ich poltere durch einzelne Wörter, zähle auf; mir gelingt selten ein Absatz, der mir gefällt. Alles, was ich schreibe, liest sich wüst & fremd, gedankenlos. Als müsse mich gleich einer unterbrechen, als wäre mir das Schreiben lästig, ein Herzenszwang, schau doch, wie schwer der sich tut.

In manchen Momenten ist mir, als hätte ich das Leben angefangen & dann irgendwann – plötzlich –, abgebrochen. Die Erzählungen aber, die brodeln mir immer noch auf beiden Lippen,
von Labyrinthen & Fäden,
den roten,
geborgten,
von den Gewittern & Stürmen, den Gezeiten,
den großen Dingen,
& den kleinen,
vom Wahnsinn & von Rache,
vom Verlassensein & Gefundenwerden,
von der Liebe, die wie ein Zug entgleist & – ungebremst – alles mit sich reißt,
hörst du’s nicht? es ist alles noch da!,

& all diese Gefühle, die tief in mir treten & stampfen, die mir, wie zu scharfer Kaugummi, wie Wasabi auf einmal in der Nase brennen, die sich nachts freikämpfen, wenn die Himmel groß sind & die Kleidung viel zu eng, viel zu nah dran am Menschen, wenn das Herz ansetzt zum großen Schlag, wenn deine Finger meine suchen –
wenn alles wegfegt,
das Kleinliche, das Bestehenmüssen,
die Sorgen um ein Morgen, das niemals kommt,
weil die Gegenwart, ein Kerzenflackern, heller brennt als die dunkelsten Gedanken – hier:

Am Meer sitz ich, an den Klippen, & höre die Möwen. Unten spielen sie im Wasser, springen kopfüber ins Türkis, ins Azur, springen wie sie’s vor tausend Jahren schon taten, & die Wellen – brechen – wirbeln – spritzen weiße Gischt an weiße Felsen. Über mir tun sich blaue Rechtecke auf, da sind Sterne. Was ist, was war? Ich will, federleicht, aufspringen, will mich in die Luft stürzen &

Orkanwind, Graupelschauer

niedergehen wie Hagel,

als Sintflut über diese Straßen brechen, die mich von dir trennen,

als Verräter überlaufen an allen Stellen:

Hinter mir die Ewigkeit, vor mir – dein Herzschlag unter meinen Fingerkuppen – das Dreieck deiner Haare – die Grübchen – das Bernstein deiner Augen – die Gegenwart als Stichflamme: Wohin, wenn nicht zurück zu dir? Als ich über die Wurzeln springe, die Treppe hinauf & die Straße hinab, diesen einen Weg entlang, an der kroatischen Küste, da verstehe ich, verstehe, was mir vom Schreiben blieb, von der Wucht der Gefühle, die in mir treten & stampfen, denn hier:

an Schultern & Hals,
zwischen Ohren & Nabel
hier sind die roten Fäden,
& sie führen zu dir,
dir,
immer nur zu dir
zurück & immer zurück,

& ich muss aufpassen, dass ich nicht renne, dass ich die letzten Meter nicht überstürze, dass ich diesen Weg nicht so nehme wie die letzten Jahre, aber ich bin schon an den Bäumen vorbei, spüre noch Rinde & Gras, das wilde Leben, das als Ameise mir über die Haut gekrabbelt ist, gehe als weiße Gischt auf weißem Stein, als du dich umdrehst –

du sitzt auf diesem blauen Rechteck,

Leuchtturm, Lichtermeer

die bunte Mütze schief auf deinem Kopf, die Sonnenbrille vorne auf der Nasenspitze, so hast du dich umgedreht zu mir, hast dich zwischen all den Menschen zu mir gedreht, & ich – Träumer – komme endlich aus meinem Labyrinth heraus, komme zurück zu dir, immer nur zurück. Zu dir.

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Räume

monster

Ich habe den Atem nicht, sagen sie, die Welt sei zu scharfkantig & ich zu sensibel, nicht eigentlich zerbrechlich, nein, viel eher zeichne mich meine Dünnhäutigkeit aus: die Haut, die ich trage, bedecke allenfalls die Blöße, sie schütze aber nicht. Einen wie mich, den die Schwäche zeichne, fräße die Meute ohne zu zögern. Mit Haut & Haaren.

& dann, wenn ich atme, ist der Raum plötzlich zu klein, den ich begrenze.
& wenn ich denke – die Gedanken: zügellos wie wilde Pferde –, geht mir der Kopf durch & ich weiß nichts zu erwidern.

Ich, der Stumme. Der am Bettrand steht & niederschaut auf den Niedergang, eine Wiederholung mit anderen Statisten – auf ein Unglück, das heraufzieht mit den Tagen, die uns drohen, uns, den Systemtreuen, wie sie uns nennen, uns, den Verblendeten. Aber ich bin nicht blind. Ich bin zum Sehen geboren. Da, am Bettrand steh ich, wo sich Staub & Schmutz sammeln, & suche die Reste zerbrochener Träume zusammen. Ich sehe täglich Welten auseinanderfallen – & unsere gehört dazu –, die von den Schlafenden zur Seite gewischt werden mit bitteren Mienen. Das ist nicht die Gesellschaft, die ich kenne. Nein. Das sind nicht die Freunde, die ich brauche. Das sind nicht die Männer, die ich ficke, die ich liebe, die ich verloren habe. Andere haben ihre Plätze eingenommen – als wäre etwas unter ihre Haut gekrochen als sie schliefen, etwas, das sich eingegraben hat in ihre Herzen. Ich vermute, durch die Nacht ist es gekommen, ein namenloser Schrecken, der vor Jahren schon umging in diesen Ländern, & der jetzt wieder, ganz langsam, sehr beharrlich, Besitz ergreift von ihren Mündern.

Denn ich höre – alles. Da ist das Ticken, unermüdlich: ein Schicksalsklopfen an unseren Türen, das keine Zeit bemisst, sondern die Verbrechen & Toten, die verlorenen Hoffnungen. Hört: die Menschen auf den Straßen, das Murmeln der Aufmärsche, ihr wütendes Rumoren. Ich höre von den Weißen, die sie in Anführungszeichen setzen mit gekrallten Fingern, & den Flüchtlingen, denen sie viele Namen geben; ich höre die eingeschlagenen Fenster & das Knirschen der Scherben unter den Schuhen. Dass der Zornige immer lauter sein muss als der Weinende. Dass die schlagende Hand immer so viel mehr Lärm macht als die Hand, die einem vom Boden aufhilft. Hätte das Böse eine Stimme – welche Parolen riefe es? Arbeit macht frei? Merkel, das sind deine Toten? Das Böse, eine Abstraktion. Was aber ziehen wir ab vom Guten, was bleibt von uns übrig?

Schweigen.

In meinen Träumen habe ich die Glut von Tausend Sonnen gesehen, den Feuersturm. Aleppo, das statuierte Exempel. In meinen Träumen spürte ich den Wind des Lkws im Nacken, der vorüberraste in den Tod; ich habe das Geschrei nicht gehört, das Wehklagen der Verletzten. Da waren nur Sirenen. Alles, was fällt, wird gestoßen von ihnen, wird zu Boden getreten, misshandelt & zum Opfer eines Systems erklärt, das sich hinter falschem Mitleid versteckt. Was aber ist Mitleid? Eine Fähigkeit – oder eine Schwäche? Werde ich, weil ich für Homophobe kein Verständnis zeige, zum Mitleidlosen? Dabei trenn ich doch meinen Müll. Ich habe nichts verbrochen außer den Wunsch zu hegen, frei leben zu wollen. Ich will mit meinem Freund Händchen haltend über den Kotti laufen, ohne als Schwuchtel, Nichtmensch, Monster deklariert zu werden. Will keine Angst haben müssen, dass meine Freunde geschlagen & bespuckt werden, dass sie sich einer Gefahr aussetzen, wenn sie einen Club betreten. Was verschließt uns denn die Lippen? Warum bleibt uns der eigene Aufschrei nur so tief im verstimmten Magen hängen? Wie können wir nur ohnmachten, während uns die Machtlosen entwürdigen, demütigen, bedrohen? Warum ist unsere Angst alles, was wir ihrer Wut entgegensetzen? Sie verlangen & fordern, zeigen ihre Mistgabeln & brennenden Fackeln, & wir, wie Tiere, treiben uns gegenseitig in die Ecken, schütteln missbilligend die Köpfe, schreiben, wütend, Kommentare, die keine Ressonanz erzeugen. Wir schreiben nicht unseretwillen, wir schreiben der Gerechtigkeit wegen. Aber wofür? Um Recht zu behalten?

Ich habe nichts vergessen. Auch damals haben die Leute geschwiegen.

Was, wenn wir es sind, die sich Gehör verschaffen müssen? Wenn es nicht reicht, bloß da zu sein – als Zeugen & Kommentatoren, als die unbeteiligten Dritten? Wenn das Dagegensein aufhören muss, komfortabel zu sein? Wir können aus der Distanz nichts verhindern. Weder die einen Unglücke, noch die anderen. Sie werden jetzt beispielsweise mehr Kameras installieren, werden weiter beobachten, schärfer, länger, das ist, was sie wollten. Dem Terror werden sie damit nicht die Existenzgrundlage nehmen, denn der Terror, der geschieht in den Köpfen, nicht auf den Straßen. All diese heiligen Krieger, die sich in die Luft sprengen & um sich schießen, die nichts hinter sich lassen als Tote, Zerstörtes – das sind bloß die Attacken. Die sind analog zu den Bomben & gelieferten Waffen. Sie sind, was uns auseinander treibt. Uns? Das ist nichts Homogenes. Wir, das ist die Summe der Einzelteile, die Gesellschafter, die begreifen müssen, dass das Politische keine bureaukratische Angelegenheit ist, die ohnehin nur in Ungerechtigkeit mündet, sondern dass das Politische, die Beschäftigung mit dem Politischen, der Raum ist, in dem wir leben. Leben können, müssen, dürfen.

Wenn ich also atme, & der Raum, der mich begrenzt, zu klein ist für mich, dann muss ich ihn weiten. Ich lasse mich nicht ersticken. Nein.

Stürme

busy.

A –
Stell dir ein Land vor, über das niemand herrscht. Ein Königreich ohne Könige, da will niemand deinen erstgeborenen Sohn. Stell dir vor, alle Tempel sind verfallen, die Kirchen sind leer. Sie stellt die Tasse zurück auf den Tisch & schaut hungrig durch ihr schwarzes Haar. Stell dir vor, es wäre egal, wie viel du verdienst, aber nicht, wer du bist. Ich meine, sagt sie, ist es nicht völlig absurd, dass wir noch immer Unterschiede machen – zwischen dir & mir, zwischen Frau & Mann, zwischen Sex & Sex. Wie kann eine Gesellschaft, der das Individuum so sehr am Herzen liegt wie unserer, gleichzeitig so hartnäckig durch anderer Menschen Schlüssellöcher schauen wollen? & was sie da nicht alles sehen & verurteilen… Wer heute einen Schwanz in den Mund nimmt, muss knien – ein ganzes Leben lang. Die Frauen vor Dankbarkeit, die Homos vor Scham. Warum überlebt sich so ein Denken nicht?

B –
Weil es zu anstrengend wäre, eigene Werte zu schaffen, also besinnt man sich vielmehr auf die ehernen Gesetze des Patriarchats, da wird kurzerhand die Mutter aus dem Gebot gestrichen, man ehrt die Väter, die allwissenden, die abwesenden, die gütig über uns zu Gericht sitzen wie Götter. Wer, wenn nicht Wir wissen, was gut für euch ist? Hat denn niemand begriffen, wie sehr sie sich ähneln, diese männlichen Gesellschaftsbilder? Sie verschleiern dich & schicken dich fünf Meter hinter sich, weil das ihr Wille ist; sie machen deine Röcke kürzer & dein Gesicht ganz bunt, weil das ihre Freiheit ist; sie verkaufen dir Schönheit, Liebe, Glück, weil sie was vom Marketing verstehen. Es ist völlig egal, ob es die fundamentalen Kapitalisten sind, die ihre Frauen nackt über die Catwalks jagen, weil sie Nacktheit als Zeichen der Selbstbestimmung verkaufen, oder die fundamental Religiösen, die ihren Frauen jedes Recht auf Selbstbestimmung absprechen. Am Ende, da entscheidet immer nur der Mann. So hat die AfD beispielsweise mit Salafisten mehr gemein als ihr lieb ist: Diese wie jene dulden weder alleinerziehende Mütter, Feminist*innen noch lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle, intersexuelle & queere Menschen.

Die Wut der Stammtisch-Besorgten schwappt in gestammelten Worten
aus ihren Gläsern, aus den Kneipen auf die Straßen allerorten
vielleicht wär es leicht die wahren Gründe zu ergründen
doch viel leichter ist es immer noch ’n Sündenbock zu finden
*

C –
Wenn die ARD einer Partei wie der AfD ein Zusatzwort wie populistisch streicht, verschiebt sie die Wahrnehmung. & es sind die kleinen Verschiebungen, die von der Mehrheit nicht bemerkt werden, die am Ende die großen Katastrophen nach sich ziehen. Wenn der Deutschtürke, der seit drei Generationen in Deutschland lebt – der Deutscher ist, & Türke –, sagt, er wolle weg aus Deutschland, denn das Land sei nicht mehr sicher… Wenn die Intellektuellen in ihren Elfenbeintürmen entsetzt aufhorchen, wenn auf AfD-Kundgebungen plötzlich Nietzsche zitiert wird (Was fällt, das muss man stoßen), aber die, die an der vordersten Front sitzen, schon seit Jahren ungehört um Hilfe rufen. Wenn Autos auf offener Straße stehen bleiben, um dem schwulen Pärchen Schwuchteln nachzuschreien. Wenn türkischen Frauen auf offener Straße die Hidschābs von den Köpfen gezerrt werden. Wenn in Hausfluren & an Straßenlaternen plötzlich Hakenkreuze auftauchen, Parolen, rechte Reden – überall –, die wie Gift ins Grundwasser sickern, in die abgestandenen Diskussionsrunden der Altvorderen, die nicht mehr wissen, was sie sagen sollen angesichts des moralischen Versagens der sogenannten Leitkultur des Deutschen Volkes. Wenn das Thema Politik am Tisch schnell tot ge-schhhht wird, weil über Politik redet man nicht, man streitet bloß, aber streiten will in diesem Land eigentlich auch niemand mehr. Man will nur Recht behalten.

Also fackeln sie nicht lang, nehmen die Fackeln in die Hand
jede Woche steht ein neues Asylantenheim in Brand
der Applaus treibt Söder, Seehofer & Scheuer hinters Pult
aber wer mit Worten zündelt, trägt am Feuer seine Schuld
*

D –
Also, was tun, sagt sie & nimmt einen weiteren großen Schluck aus ihrer viel zu kleinen Tasse & schaut in die Runde. Alle Probleme, seit Jahren thematisiert, fallen eins dem andren nach & uns auf die Füße. Aufstehen, sagt Patrice & lächelt. Nicht aufgeben, sagt Andrew & steckt sich die Zigarette an. Wir müssen tun, was wir am besten können, sagt Mathilde; ihre Augen sind groß & blau & strahlen im Licht. Unser Boden: Ein Wurzelgeflecht der Wut. Unsere Luft: Der Mief der Enttäuschten. Wir gehen mittig auf der Straße, hinter uns schwenken sie große Regenbogenfahnen. Fahrradklingeln, Autohupen. Ich höre Trommeln. Gerade jetzt, sagt sie & legt drei Euro auf die Untertasse, gerade jetzt ist es wichtig, das Ausmaß zu verstehen. Wir haben zu lange gewartet, zu lange gehofft, uns zu lange abgelenkt. Es ist Zeit, Position zu beziehen. Zeit, sich zu entscheiden. Neue Werte zu formen, sagt sie. Eine Meinung. Es ist Zeit, die Zusammenhänge zu verstehen. Verbindungen zu schaffen. Wir brauchen Gegengewichte. Brauchen die Homos genauso wie jede*n Feminist*in, wir brauchen die wütenden Drag Queens, die alleinerziehenden Papas, die Flüchtlinge – wir brauchen sie alle, die glücklichen Familien & die unglücklichen Singles – denn alle, wir inklusive, müssen verstehen, was hier eigentlich auf dem Spiel steht. & das ist nicht nur unsere Menschlichkeit oder die sogenannte Zukunft unserer Kinder. Es ist noch nicht mal die Demokratie. Es ist alles, was Wir ist & Wir sagt, es ist die Gesellschaft selbst. & wer das noch nicht begriffen hat, den wird der heraufziehende Sturm noch früh genug aus dem Schlaf reißen.

*Wir sind alle nicht von hier – Jennifer Rostock

Der Abgesang der Liebe

fuck you.

Wer flieht denn hier, fragt er, & geht zwischen die Menschen nach drinnen.

Mit der Tür im Rücken, hat man immer nur die Wände vor Augen, denk ich. Vor die Wand Gestellte: Du & ich, & die Versprechen, die wir uns geben.

Sag jetzt bloß nicht wieder Liebe, denk ich, sonst schlag ich mir selber die Fresse ein. Nein. Mit der Liebe hat das alles schon längst nix mehr zu tun. Es wurde genug zur Liebe gesagt. Wir haben uns den Mund fusslig & die Herzen wund geredet, wenn’s ums Lieben ging. Als gäb’s sonst keine Substantive mehr. Als wäre alles nur ein Strickmuster der Liebe, & wir die billige, flauschige Wolle, die beim Waschen eingeht zu knotigen Fasern. Sind wir aber nicht. Waren wir nie.

Schau mal: Vor der Bar schlage ich mir so vehement gegen die Brust, dass ich hustend drauf warte, jemand öffne mir von innen die Rippen. Auch das passiert nicht, nein, sorry, dass ich dich da so enttäuschen muss. Ich habe zu viele Märchen erzählt. Es ist Zeit für Schlagzeilen:

Stell dir vor, sag ich zu einem, der neben mir steht, da kommt wer rein & schießt alle tot. Angenommen gerade dann, wenn du auf der Toilette bist. Bäm-bäm-bäm. Draußen schießt wer deine Freunde tot & du faltest das Klopapier zum zweiten Mal. Was dann? Klingt völlig abstrakt. Ist aber passiert – im Sommer war das. Da hat einer 49 Menschen totgeschossen. (C’mon!, irgendwer wird’s auf Facebook schon geshared haben). & hier? In Deutschland haben wir 100 Menschen auf der Straße befragt, was sie eklig finden, & 40% meinten, schwule Männer, die sich küssen. Ach, schau? In diesem Land der Dichter & Denker, wo sie schwarzen Menschen Affenlaute nachspucken, wenn sie in die Kirche gehen – Gott, ja, in die Kirche –, da ist man sich nicht mehr zu fein, seinem Unmut endlich freien Lauf zu lassen. (Auch das ist tatsächlich passiert, in Dresden, am Tag der Deutschen Einheit 2016, ja). Wer will sich da schon den Vergleich gefallen lassen, man sei gar nicht mehr so weit weg von Hitlerdeutschland wie alle immer meinen.

Wir haben zu lange die Liebe besungen, ohne dabei zu merken, dass sie keiner mehr hört. Hier wütet der Lärm, der erstickt alles, begräbt alles, wälzt sich als Protestvolk durch die Straßen. Wir haben nicht begriffen, dass die Liebe uns nicht mehr ausfüllt. Dass sie uns nicht ganz macht, nicht heilt. Hier sind Menschen, die wollen keine Veränderung. Die wollen, dass sich alles gleicht. Bitte rettet doch irgendeine andere Sprache, aber nicht die deutsche. (Die Gebärdensprache bspw.).
Ein Bürgermeister sagt, die Demokratie müsse das erdulden, & lügt. Die Demokratie schaffe sich selbst ab, sagt ein Mann Mitte Vierzig & meint sich damit selber. Er schafft alles ab – die Homosexuellen (bekannt), die alleinerziehenden Mütter & Emanzen, die Ausländer (alle, aber vor allem den gemeinen Muslim). In Polen wollten sie, dass Frauen kein Recht mehr über ihre Körper haben, & in Deutschland klatscht die Mandy leis‘ Applaus, denn sie hat ja schon immer gewusst: Abtreibung is‘ nicht, der liebe Gott will Kinder, wie der Kevin, & da beides Männer sind, wissen beide eben auch Bescheid.

Wohin ich schaue, sehe ich die Furien – hundertköpfig. Ich sehe sie in den verzerrten Fratzen der Demonstranten, in Politikerinnen-Mienen, die milde lächeln, wenn einer sie fragt, wohin das noch gehen soll – in den Bundestag, wohin denn auch sonst? –, & grausig, wie von großen Händen in die Straßenschluchten gescheucht, haucht die Angst, das Monstrum, den Menschen weiter Spiegelscherben in die Augen. Nichts spiegelt mehr, alles zerrt.

Draußen auf der Straße höre ich das Hämmern von Fäusten, ich höre Helene Fischer, ich höre Leute lachen, da rückt wer Tische an die Wände & die Wände gegen Menschen. Das ist die Protestbewegung. Das ist der Widerstand. Wenn nichts mehr geht, denk ich, hilft bloß Gewalt. Es wird kalt & kälter, der Wind weht von links. Ah. Jetzt kommt er aus der Tür, dreht sich den Kopf in den Rücken & grinst zahnlückig den Zurückbleibenden nach als hätten sie gerufen. Haben sie nicht. Die machen jetzt klar Schiff zum Tanzen, sagt er. Wollten, dass ich helfe. Klar. Der Flüchtling soll helfen, wenn keiner hilft, hilft wenigstens der. Die interessieren sich einen Scheißdreck, ob du da warst oder nicht, Babe. In diesem Land finden sie es unmoralisch, wenn wir uns küssen, aber wenn sie einem Syrier den Kopf spalten, ist das voll ok. Du bist so zynisch. Nee, nur ehrlich. Warum ist dir die Party denn so wichtig? Er schaut mich an, der Blick völlig leer, der Mund wie zum Kuss. Weil ich die alle voll liebe.

Die Furien

orestes

Die Wut, ein Gewitter zwischen den Zähnen, überrollt mich von innen, sie rollt sich aus mir heraus mit dunklen Himmeln. Ich spucke Blitz & Donner, meine Wörter schlagen dir, grell, den Atem aus den Lungen. Ich hab es satt zu schweigen, satt den Kopf zu neigen, dieses Satt liegt mir fettig auf den Lippen. Ich kann das nicht kauen. Ich will es nicht mehr.

Die Geduld, letztes Jahr mühsam abgeschöpft, ist jetzt verschüttet.
Ich bin es müde, meinen Zorn in Zaum zu halten.

Als geprügelter Hund nagt man nur an Knochen. Hier: Der Exfreund, der sich an die Liebe erinnert als wäre sie ein Theaterstück, geschrieben für Besessene – eine Aufführung mit zu vielen Stimmen –, der das Begehren im Mund führt wie ein Messer. Ein Blick genügt & du schneidest dich an dem, zerschneidest dich in hauchdünne Scheibchen, wirst zum Horsd’œuvre für den Hungerkünstler. Hier: Die Stadt, die an den Rändern einsinkt ins Braun, in Urschlamm, der vor 71 Jahren schon zu viele Blasen warf; in der Ferne tragen sie Fackeln & Mistgabeln & jagen den Muslim aus dem Dorf. Jemand ruft nach Justiz & Sittlichkeit, jemand schreit nach Kultur – & trägt stolz das Blut an Lippen & Hand. Die Kannibalen sind die ersten, die um Vergebung betteln.

Heimlich, im Dunkel der Nacht, tragen wir Plakate durch die Straßen, sagen Nein zum Gift in deutschen Adern.

Wie langsam die Wut sich auftrennt in Vielheiten, wie sie sich verdoppelt & vervierfacht, einen Fuß von vielen in der Tür, drückt sie ihre hundert Glieder in den Raum. Die Wut folgt der Angst auf Schritt & Tritt. Jetzt brennt das ganze Land.

Wir haben das alles doch schon mal gesehen:
Die Wut als Kehrseite, als Medaille für Langstreckenhasser.

Was, wenn einer versucht, dem Hund den Knochen zu nehmen? Einer, der schwächer ist, mal angenommen. Oder, was noch schlimmer wäre: Wenn keiner den Knochen haben will, aber der Hund den Schwachen riecht? Wenn ihm die Schwäche in Hals & Rachen steckt wie frisches Fleisch? Wenn das Beißen nach Schwäche befriedigender ist als der Knochen selbst?

Hier: Ich – ich wie ich durch Straßen gehe, wie ich mich abmühe mit Schwerkraft & Leib, ich hebe mich hoch & gegen Widerstände, zürnend. Wie müde ich aussehe, morgens vor allem, wenn die Nacht mich ausspuckt – die Augen gerötet, die Lippen zerbissen. Meine Haut wird alt. Ich gleiche immer mehr dem zerwühlten Bett, dem ich kaum mehr entkomme. Ich halte mein Herz, hier, mach, was du willst, & die Zeit zwischen den Fingern – sie rinnt als Klingen, lässt Schnittwunden an Erinnerungen zurück –, hält nichts zusammen.

Ich begreife zu spät, was eigentlich passiert ist, habe das Erdbeben nicht gespürt, das jetzt die Welt zum Wanken bringt. Hier sind keine Träume mehr übrig, die uns vergessen lassen. Die Antipoden schlafen nicht mehr. Im Gegenteil. Sie haben sich erhoben. Wie die Titanen beugen sie Himmel & Erde unter ihren Händen. Freiheit – als Wehklage. Liebe – als Schimpfwort. Sie drehen alles um, drehen Steine & Geister, bis nichts mehr beieinander ist. Aufwachen – woraus? Aufwachen – worin?

Die Furien, die nachts kommen, legen mir ihren Krallen an den Hals. Wie untätig du bist, wie fahrlässig, wie verschwenderisch du bloß mit deinem Leben umgehst, wie du dich vergeudest, ein eingerissenes Glas bist du, das nichts mehr taugt. & so bin ich, gläsern, gehe als Sturmglas durch die Nacht, bin wie geworfen.

Hier: Du, der du mich am Telefon anbrüllst, weil der Brief ein Siegel trägt: Polizei, ein blaues Wort aus Sirenengeheul, ein weißes Greinen – das müsste nicht so laut sein, aber du regelst hier den Ton. Du sprichst mit mir wie mit einem Kind, scheuchst mich, grollend, von einem Satz zum nächsten, & ich, der ich nicht mehr nicken kann, verstumme, bin stumm zum ersten Mal seit Jahren, & spüre, heiß, die Wut auf meiner Zunge. Eisern, wie Blut. Ich kann das nicht mehr, das Alles, ich will es nicht mehr: All diese Geduld & das Beherrschen. Als Glas mit Riss, zerbreche ich. Es geschieht im Einatmen, beim Luftholen. Es ist nicht genug Raum übrig. Wohin? Ins Nichts, hinaus, ins Vakuum. Alles, was kaputt ging, tanzt plötzlich, wirbelt Staub & Tote auf. Was mir entkommt, ist dunkel-grell & voll Gewalt. Es reicht.

Die Wut, vielköpfig, vielgliedrig, dröhnt mir in den Ohren:

Narren, ihr hättet träumen sollen,…

Dann folgt das Lachen.