Janus, Pt. 1

Ich sitze zwischen den Bildschirmen & zupfe mir tote Haut von den gesprungenen Lippen. Alles ist bunt hier, die Tische & Stühle, die Lampen, der ganze Raum – ein Regenbogen. Das ist Skepsis, dieses Lippenhautpfriemeln. Ich weiß nicht, was ich hier soll. Ich: schwarz – der Pulli, die Hose, das Shirt, die Briefs – & weiß – Haut & Haare –, die Augen rot vom Sehen, trocken & schwer; ich bin Ausgeschnittenes, ein Negativ. Meine Finger entsperren zum fünften Mal das Handy. 15:34 Uhr. Keine Nachrichten. Stattdessen: Jobangebote auf LinkedIn, Zahlungsbestätigungen von PayPal, Event-Einladungen & Freundschaftsanfragen, Kinotickets. Ich: die Digital Unit, das Reziprok. Wie traumhaft, wie unwirklich das ist – dieser Kaffee: ein dunkelbraunfastschwarzer Rand im Inneren der Tasse, das orangefarbene Buch von Cory Doctorow daneben; ich spüre Kleingeld in der Hosentasche, Türschlüssel, zerknittertes Papier. Wie nah sie ist, wie Rasierklingen auf die Haut gedrückt – die Realität als Klinge dicht über dem Puls – & ich, Schlafwandler, spüre sie nicht, sehe nur. Höre:

Als Donovan kommt, ist es Viertel nach vier. Er bringt einen Streifen Licht mit ins Café, die Sonne funkelt auf Glas. Er bringt die Kälte mit herein, einen warmen Hauch Luft, der nach Minze schmeckt. Hi, sagt er. Hi. Donovan trägt einen gelben Pullover, das Hemd darunter ist rot; da sind die schwarzen Jeans & die weißen Sneaker, da sind seine dicken, braunen Locken, sein feiner, schmaler Mund; da ist das Kinn – ein rechter Winkel, der Kiefer wie mit dem Lineal gezogen. Ich kann mich nicht satt sehen, nein, vielmehr sehe ich mich hungrig an diesem Gesicht. Donovan sättigt nicht. Wie auch? Er selbst ist ja auch immer hungrig – kaut schon, schau, greift nach dem Brownie, der Tasse Kaffee, greift über den Tisch mit der einen Hand, schüttelt mir mit der andren die Hand. Wir lagen nackt zwischen Tüll & Kartons, hinter der Bühne auf dem Gorillakostüm, ich kenne das Muttermal auf seiner Hüfte, das aussieht wie eine Sichel, ich kenne den Geschmack seiner Eier, den Geruch seiner Achseln, aber hier gibt er mir nur die Hand. Unsere Finger berühren sich kaum.

Wie geht’s? Gut. Mir geht’s gut. Die Brille ist neu. Ja. Du siehst gut aus, sagt er & kaut. Anders, irgendwie. Anders, ein Gefühl ohne konkrete Tiefen & Höhen, eine Schraffur. Wer bin ich? Ein Hamlet vielleicht. Ein König & Krieger. Oder auch: Ein Bettler. Ein Heuchler. Morgens: Der Kampf des Opportunisten um den besten Stehplatz. Ich streife mir eine weiße Strähne zurück in die Stirn, lächle – oder nein: grinse, ja, ich grinse seinetwegen, weil er so isst – den Brownie zwischen beiden Händen, den Tisch voller Brösel –, als gehörte ihm stets jeder Bissen, als wäre die Welt ein Buffet & er der einzige mit Besteck & Serviette. Erzähl mir – was tust du?

Ich poliere alle Oberflächen, entferne jeden Fingerabdruck. Meine Welt ist ohne Flecken. Ich habe mich selbst entfernt, möchte ich sagen & grinse stattdessen. Ich, sag ich, kämpfe mich nach oben. Wohin? Raus, sag ich. Aus Berlin? Nein. Ich spüre seine Hand in meinen Haaren – Fingernägel auf Kopfhaut –, seine Zähne an meinen Lippen. Raus aus diesem klebrigen Sumpf, diesem Zwischenstand. Was meinst du? In meinen Träumen brennen Städte; Leichen treiben in unruhigen Gewässern; da sehe ich grelle Lichter, von Helikoptern auf fliehende Menschen geworfen, & Leuchtraketen, die neonpink zwischen den Wolken zerschellen; da sind Warnrufe, Warnschüsse, aber die Toten warnt man schlecht vorm Leben – hier, hinter all dem, ist ein dunkler Spiegel angebracht, & durch den schimmert die Zerstörung. Ich höre das Sirren der Drohnen, höre Hundegekläff.

Donovan bestellt sich gerade eine Tasse Matcha – dazu bitte einen Bagel, ja, gerne mit Frischkäse –, & ich, stumm, versuche nicht zu schweigen, versuche nicht auszusparen, was ich sagen will, aber – ein Bild drängt ein anderes nach; da ist eine Flut der Bilder: Szenen von Manufacturing Consent (von Noam Chomsky & Edward S. Herman) & die Stimme des Tschetschenen auf meinem Handy, der atemlos vom Verschwinden erzählt, von Folterungen & Tod – eingebettet in den beruhigenden Klang von Kuchengabeln auf dicken Keramiktellern & Ella-Fitzgerald-Songs im Hintergrund. Ich, der ich zwischen all dem hin- & hergehe, zwischen den toten Trans*identen & gefolterten Homosexuellen, zwischen syrischen Flüchtlingen & Alice Weidel, die süffisant im Mundwinkel lächelnd aus ihren Facebook-Posts auf all das hinabschaut – wie reizend, eine Unberührbare, eine Harpyie –, ich fühle mich zergliedern… Was bleibt? Was schwemmt davon? Was ist das wert?

Donovan sieht mich an, die buschigen Brauen zusammengezogen, die Stirn in Falten. Du hast mir nicht geantwortet. Ich weiß. Sag ich & atme tief ein.

Advertisements

Patrice | Der Verschollene

green

Wir haben den Regen als Weigerung im Haar & die Kälte wie Splitter unter der Haut; uns rinnt die Straße auseinander beim Blinzeln. Rote Flecken rechts & links, ein nervöses Neonlichtgeflacker vor Hinterköpfen: Patrice & ich stehen unter einem Dachvorsprung, der uns beiden nicht reicht, der uns zu Nähe zwingt, zu bedächtigem Zehenspitzendribbeln, die Schuhe schmatzen feuchten Asphalt. Wie geht es weiter, fragt er & zupft am Schal, der wallt, schwarz & weiß gestreift, über seine Schultern nach unten bis zur Hüfte, zerfasert, wird da von seinen Fingern aufgenommen & verknotet, fallen gelassen, aufgenommen, fallen gelassen – ein unermüdliches Verknoten & Aufknüpfen. Ich weiß nicht, & weiß es genau.

Wir gehen das schmale Treppenhaus hinauf in den vierten Stock, meine Beine zittern auf den letzten Stufen. Beim Reinkommen riecht es nach Kaffee & Zigaretten, es ist ein alter, muffiger Dampf, der weniger menschliche Anwesenheit verrät als vielmehr natürliche Prozesse, ein Zerfallen & Vermodern: vielleicht Schimmel zwischen feuchten Kacheln, Tellerstapel mit Essensresten im Spülbecken, & tatsächlich – im Flur stehend schließt Patrice schnell die Tür zur Küche. Da sieht’s aus wie im Krieg.

Bücher im Flur, Bücher als Türstopper, Bücher auf Büchern, ich laufe durch eine Bibliothek aus Rauch & Papier & streife sacht mit den Fingern allen Staub von den Rücken. Wir gehen erst nach links, in einen Raum ohne erkennbaren Nutzen, denn hier stehen Kisten & Kartons wahllos aufeinander, & ich sehe einen Teppich, zusammengerollt, in einer der Ecken, einige Stühle, als Kreis arrangiert, eine alte Stehlampe mit eingerissenem Schirm. Durch eine Flügeltüre geht es in einen weiteren Korridor, der sich links & rechts verzweigt, & wir gehen erst nach links & dann durch eine weitere Tür nach rechts. Bilderrahmen ohne Bilder, blinde Spiegel. Ich sehe Schränke voller Schallplatten, Bücher als Tische, Bücher als Stühle, Bücher als Kleiderständer. Es riecht nach Leder. Wie viele Leute wohnen hier, frag ich stolpernd, da liegen Socken ineinander gestülpt & schwere Stiefel ohne Schnürsenkel, wahlloser Krempel. Gerade? Ich glaube, er zögert, elf? Okay.

In seinem Raum stehen Pflanzen, so viele, dass ich nicht weiß, ob sie echt sind oder nicht – ich greife ungläubig nach den dicken, fleischigen Blättern. Echt, alle. Das Bett ist ungemacht, das Kissen ein eingestürztes Haus. Ein, zwei, drei Aschenbecher – alle voll. Auf dem Sims einer, neben dem Plattenspieler der zweite, auf dem Sofa steht dritte. Auf das Sofa setz ich mich übrigens, vor allem, weil Patrice mit einer ausholenden Geste dazu einlädt, ich selbst würde vermutlich den Boden bevorzugen, aber ich will nicht unhöflich sein. Der grobe, gelbe Stoff ist verblichen, da sind Brandlöcher, vermutlich von den nachlässig im Aschenbecher drappierten Kippen; ich schnippe einen roten Garnfaden von der Lehne & neige mich nach vorn, das Holz knirscht. Kaffee, fragt Patrice. Ich nicke.

Wir reden bis die Nacht fällt, sie ist wie ein Messer. Die Nacht dreht sich auf einer Spitze so scharf & fein, dass uns die Trennung nicht mal auffällt, die sie uns aufzwingt: Der Tag graut langsam, müde, ohne Farben. Wir haben uns erst die T-Shirts, dann die Hosen ausgezogen, wir saßen im Schwülen, in der Hitze bis mir der ganze Körper klebte vom eigenen Schweiß. Die Heizung ist defekt, sagt Patrice. Die ist immer auf volle Pulle, deswegen sind auch die ganzen Pflanzen hier, das Zimmer ist wie ein Glashaus. Er deutet auf eine Blume mit weißen, kelchigen Blüten, die ich nicht kenne; sie wirkt tropisch & fremd. Sie will ebenso wenig in diese Umgebung passen wie Patrice selbst, dessen Haut im Gegenlicht der Pflanzen grünlich schimmert – seine Glutaugen – sein schwarzes Haar. Die ist ganz hübsch, oder?

Angenommen, sag ich, das Gespräch von zuvor aufnehmend, wir stünden alle auf, das ganze dreckige Dutzend – angenommen, wir würden morgen früh alle einfach nicht mehr zur Arbeit, sondern stattdessen den Verkehr der Innenstadt lahmlegen. Was dann? Patrice drückt die Zigarette aus, er dreht ihr regelrecht den Hals um. Was soll schon sein, die nehmen uns fest, klick-klack, Handschellen & Schluss. Die Revolution kommt nicht in der Weigerung, sie kommt als Marketing – als Newsletter & Push-Notification. Sie wird fabriziert. Auch Patrice schwitzt, ich seh das deutlich, einzelne Schweißperlen rinnen ihm die Brust hinab, die ganz schmal ist, mit einem Arm zu umgreifen, & dann weiter, den Bauch hinunter, bis in seine Schamhaare, verschwinden. Für eine Weile konnte ich dem Gespräch nicht folgen – das lag vor allem an seinem Schwanz, der müde & dick zwischen seinen Schenkeln lag, & jetzt, da er aufsteht um die Schallplatte zu wechseln, fällt mein Blick wieder zwischen seine Beine. Fuck, sag ich & wisch mir über die Stirn. Fuck.



Als ich gehe, da ist mein Kopf leicht vom Marihuana & die Beine schwer. Ich gehe zickzack durch die Straße, von der Bäckerei zum Friseur & zur nächsten Bäckerei – führt das alles irgendwohin? Für einen Moment weiß ich nicht mehr, wie ich hierher gekommen bin, habe vergessen, was mich nach Neukölln gebracht hat, in diese Wohnung, zu diesem Mann. Wie hieß er noch? Ach ja. Patrice. & warum war ich da? Achja. Um frei zu sein. In den Autos sitzen kleine Versionen von Menschen, Menschenkopien, & die sehen alle so finster durch ihre Fensterscheiben, dass man meinen könnte, sie seien mit Benzin betrieben & nicht ihre Wagen, als würden sie alle innerlich verbrennen. Drüben am Obst- & Gemüsemarkt ruft wer Melonen, Melonen, Melonen, immerzu, dabei ist Anfang Dezember, warum ruft er das? Wer braucht denn jetzt Melonen?

In der S-Bahn isst einer Döner, zwei streiten sich, ich weiß nicht um was, aber da ist ein Hund, der sich nervös im Kreis dreht. Ich fühle genau, wie die Grenzen verschmieren, zwischen denen & mir, ich kann meine Haut nicht spüren, sie ist wie weggewischt; ich fliege als Wolke durch die Bahn, versuche mich an Kafka festzuhalten & greife durch ihn hindurch. Der Verschollene wird mir heute nicht helfen. Ich erinnere mich an Patrice, an seinen sehnigen Körper, an seine Augen. Ich erinnere mich an die Fiktion seiner Versprechen. An die Kommune, in der er lebt, an das besetzte Haus. Die einzelnen Teile fliegen mir durcheinander als die S-Bahn losstottert – so, als hüpfte sie auf einem Bein. Das enge Treppenhaus, das Zeitungspapier zwischen den Fenstern, damit die Kälte nicht reinkommt, & das zerbrochene Waschbecken. Ich schmecke die Asche, schmecke Leder & Papier, die Prozesse. Am Ende denk ich tatsächlich nur an die Prozesse. Ein Aufnehmen & Fallenlassen & wieder: Aufnehmen.

An dich, der ging & an mich, der blieb

kompass

Ich habe nichts gesucht,

im Leintuch nicht die Falten,
nicht die Flecken, den müden Geruch,
ich habe nichts gesucht, was sich auflesen ließ
von meinen grauen Träumen.

Gestern, denk ich, gestern war ich noch hier. Da hab ich irgendwas gemacht. Ich sehe Buchtitel, die sich senkrecht in die Luft jagen wie Raketen; ich muss ständig den Kopf neigen, um lesen zu können, was da in den Himmel schießt, aber mein Kopf ist so schwer, viel zu schwer zum Neigen, also sehe ich den Farben nach, Symbolen – Unverständliches. Das könnte ebenso mein Leben sein, was da aufsteigt, was unverstanden verschwindet. (Nein).

Was alles anders ist, & anders wird, jeder ist verwandelt. Morgens, wenn mir der Tag klebrig in den Augen hängt, hat sich die Nacht mir auf die Haut gelegt wie Staub; ich gehe im Staub der Nächte, in ihrem Altkleidermief. Unter der Dusche wasche ich nichts ab, alles bleibt an mir dran. Du, der du nicht mehr da bist, & ich, der ich selbst verloren ging zwischen den Tagen, irgendwer, der mit großen Kopfhörern in kleinen Räumen sitzt, bewusstlos geschlagen vom vielen Wollenmüssen & den Tabletten. Ich habe keine Ahnung, was passiert, das lass ich jeden wissen. Ich weiß nichts, nichts, was hilft. Ich kann dir Borchert vorlesen. Ich kann dir erzählen, wie es war, als die Drag Queens die Bühne eroberten. Da gibt’s viel vom Vermissen, viel vom Staubgewordenen, einer Museumsliebe, die hinter Glas gesetzt, vergilbt. Ich selbst werde ganz gelb manchmal. Wenn die Lieder traurig sind & die Nächte dauern – viel zu lang dauern die Nächte alleine im Bett, Nächte, die traumlos sind, & nichts bewegt sich im Bett außer mir selbst, dann geht meine gelbe Hand ins Schwarz & greift mit gelben Fingern in den Ausschnitt, der mir in den Augen brennt, ins Fehlgewordene, das zurückblieb von dir, & findet nichts. Niemanden. & das ist alles, die ganze Geschichte. (Nein).

Ich drifte. Stunden werden Wochen, Monate. Jahre gehn hin. & die Traurigkeit? Wird zum Fossil, sie versteinert, geht verschütt. Diese Liebe ist ein Ammonit. Ich fühle die Ablagerungen, fühle die Erde, die uns presst. Sind wir denn Öl? Sind wir wie Gas? Ich erkenne mich nicht, wenn ich die Spiegelungen sehe, also seh ich erst gar nicht auf, ich geh mir selbst aus dem Weg in den Spiegeln & Löffeln & Gläsern, ich bin bloß Arme & Beine, ein Bauch, eine Brust, ich bin Aufzählbares, aber ein Mensch bin ich nicht – ist das nicht verrückt? (Nein).

Manchmal, da löst sich der Boden unter meinen Füßen, alles löst sich auf. Ich denke an Marty McConnels Gedicht, denke an die Zeile, die mir immer & immer wieder auf leisen Sohlen durch den Kopf geht, leaving is not enough; you must / stay gone. & ich bin optimistisch manchmal & glücklich, für einige Zeit bin ich auch glücklich, ja, ich weiß nur nie wie lange, aber es ist dann auch egal, & ich sitze da, trinke den Tee, den ich mir eigentlich nicht leisten kann, & lächle, denn der Verkäufer im Café schenkt ihn mir mittlerweile ein, ohne zu fragen, was ich will, & im Hintergrund läuft Bon Iver, läuft mein Skinny Love, da läuft: Tell my love to wreck it all / Cut out all the ropes and let me fall –, & ich bin verortet, bin hier in Berlin, das immer da ist, wenn ich es brauche, diese Wilde, Unbezähmbare, die Durchgeknallte, die Vogelfreie, Berlin, du Heimat.

Ich lebe. Das ist verrückt.

& ich denke daran, dass dies zu mir gehört, dass es meins ist, dieser Moment mit Bon Iver, mit Borchert in der Jackentasche, das alles – dieser Tag & auch der nächste, die Nächte im Glitter, dieses Lachen, das mal poltert & mal kracht, die Gedichte, die ziellos sind, aber nicht ziellos bleiben, die Musik –, das alles davon mir gehört. & ich denke an dich, der du ebenfalls zu mir gehörst, auf andere Weise. Du bist Teil meiner Geschichte, & das macht mich leicht, für einen Moment oder zwei, denn ich denke an dich & an das, was wir hatten, & es war Liebe, eine flüchtige, eine ambivlanete, eine Liebe wie eine Naturgewalt, aber Liebe. Ist das ein Lächeln, lächle ich jetzt, weine ich?

Ja. Immer nur Ja.
Zu allem, was gewesen ist.

Ja.

Ich habe mehr gefunden, als ich je wollte.

 

Der Steinbruch

Ich sitze im 15. Stock, die ganze Stadt liegt mir zu Füßen. Unter mir – Berlin, Berlin zu allen Seiten; ihre diesigen Himmel, ihr orange-farbener Glanz. Welche Richtung ist das, welche Seite? Ich sitze in einem Würfel, der stets nach Norden fällt.
Da bist du.
Ich bin im Exil. Ich bin ausgewandert, geflohen. Ich bin nirgends.
Wie, sag, wie mach ich weiter mit diesem angebrochenen Leben, mit dieser Halbwertszeit? Wie lange kann ich das im Kühlschrank lassen bevor es schlecht wird, bis es schimmelt? Ich mag mein Leben frisch, ich mag es von Bäumen gepflückt & von der Muse geküsst. Nicht vakuumisiert & in Plastik eingeschweißt. Aber – –

Ich sehe den Autos nach, die auf den Fensterscheiben fahren, nicht auf den Straßen, & sitze im Dunkeln, weil ich mich nicht sehen will – die kurzen Haare, die Ringe unter den Augen. Sehen sich Gespenster denn im Spiegel? Seh ich mich?

In Schöneberg sitz ich bei Eric mit C, in einem Café namens Heile Welt, & weiß plötzlich nicht weswegen. Ich wandere den ganzen Tag durch Gespräche, die nie beginnen, die nicht enden, die mittendrin verblassen, die ausgehaucht werden wie verbrauchte Luft. Ich atme schale Wörter. Ich atme altes Zeug.

Eric mit C sagt, er finde mich attraktiv, er finde Männer, die männlich sind, geil; er wolle jetzt nicht ficken, nein, aber ficken wolle er mich schon. Ich nippe am Espresso, der zu heiß ist, nicke. Das ist mir ganz egal. Jeder präsentiert sich anders, alle sind sie gleich. Eric mit C zeigt Arme, zwei, die an ihm dranhängen wie Stromkabel. Eric mit C sprüht Funken. Ich geh pinkeln. Allein. Zu Hause.

Dieser Moment ist geliehen, er ist von irgendwem geborgt.
Von wem?

Die Männer zeigen ihre Köpfe wie Büsten, sie reihen sich aneinander wie gemeißelt. Schön & stolz, ohne Makel. Mir fehlt die Nase, die Ohren, mir hat die Zeit die Lippen abgenagt. Ich umarme, armlos. Ich sitze ohne Unterleib. Berührt mich einer, berührt er eine korinthische Säule. Ich habe überdauert, überdauere noch; der Grabstein der Liebe ist längst verwittert, die Blumen längst verdorrt.

Unter mir ist die Faltstadt Berlin, die Lichtstadt, das ewige Wollen.
Aber ich – ich will nicht mehr. Will nicht gewollt haben müssen, um geliebt worden zu sein. Will nicht scheitern dürfen, um gelernt zu haben. (Ich will dich). Ich will gar nichts, das Zurück ist zerknüllt, es ist vom Block abgerissen & fallengelassen. Das Damals löscht sich selbst aus im Morgen. Nur der Schreiber sieht zurück – unentwegt. Wofür?

Es geht gegen Mitternacht, die Bilder fliegen stumm.

Könnte ich mir mein Herz doch still ficken, mir jedes Loch stopfen, das einst voller Liebe war, mich vergessen. Ich wünschte, ich könnte mich ins Verlangen stürzen & im klebrigen Sud ertrinken. Mich aufbrauchen in Körpern, die niemandem gehören, empfinden, was ist & nicht, was fehlt. Ich wünschte, ich könnte dich umarmen wie früher & mich nicht wieder lösen müssen, müsste nicht ungebeten über der Stadt wachen, ein Wasserspeier ohne Wasser, & dabei rastlos starren. Ich wünschte mir, das Chaos, das niemals schläft, würde einmal schlafen.

Nichts geschieht. Zucken mir die Mundwinkel sobald ich die Liebe seh? Werden meine Augen kalt & leer bei fremden Küssen? Gönn ich den Verliebten noch ihr Glück?

Wem nützen die Phantasien, wenn keiner mehr empfinden kann?

Ich wache ohne dich auf & muss mich dran gewöhnen.
Es gibt Momente, da denk ich nicht an dich. Das ist das schlimmste.
Was tun?

Ich sammle die Fragmente.

Schattenspielereien

Die Linien meines Körpers sind verwischt von deiner Hand.
Was Ich ist, ist aufgelöst.

Ich starre viel, liege viel, ich kann mich nicht bewegen. Meine Augen, die immer schwer sind, sehen immer den gleichen Ausschnitt Raum: Die Decke, die Vorhänge, den Schreibtisch. Ich sehe die Blätter der Pflanze, eine Ecke vom Fernseher. Wie seltsam klein das Zimmer jetzt plötzlich ist,… als hätte jemand etwas daraus ausgeschnitten, als fehlte ein Teil. Ich suche nicht. Ich warte nicht. Mir tut der Rücken weh vom Sport, vom Tanzen, von Sonntagnacht als die Gewalt einzog in mein Leben. Mir tut der Hals weh, das Gesicht. Alles, was ich ansehe & berühre, zergliedert zu Aufzählungen. Als gäbe es bloß noch Gegenstände & auf Gegenstände Reduzierbares. Diese zehn Finger, diese zwei Hände, Arme, Schultergelenke. Im Bett sitze ich, lese Herseys Hiroshima, das mich nachts heimsucht im Fieberwahn der schmelzenden Körper. Alles ist körperlich: Diese Brustwarzen, diese Narbe, dieser Schwanz – ein Todespfand. Ach.

Einen Augenblick lang seh ich mich rauchend an einem Fenster, es könnte Paris sein – eine ferne Erinnerung an ein Paris ohne Jetzt: Eine Stadt ohne Tod –, & ein Buch zwischen den Fingern, das nicht vom Sterben handelt, sondern vom Leben, & ich sehe mich traurig & glücklich im Traurigsein, denn so sind sie alle, die Romantiker mit gebrochenem Herzen; sie sind ihre eigenen Sehnsüchte. Verwirklichte. Die warten nicht, die leben ihren Überschwang in beide Richtungen. Ich hingegen lebe nicht. Ich existiere. Esse im Schneidersitz die Samosas, tunke süße Sauce mir an beide Hände. Draußen ist’s schon dunkel, seit Stunden brennt das Licht. Wohin? Geradeaus!

Ich weiß vom Ende, das stets ein Anfang ist, ich kenne die Geschichten. Ich habe bereits zu viele traurige Hollywood-Filme gesehen, ich habe Shakespeare gelesen, ich weiß genau, wie es läuft. Ich bin ein Kind meiner Zeit, einer untergegangenen, analogen Epoche. Du machst mir nichts vor. Ich kenne all die Aufmunterungsversuche, die Relativierungen, unzählige Aufforderungen ans Eigene zu glauben, ans EGO, das nie zu kurz kommen darf nach Trennungen wie diesen. Ich weiß das. Ich habe auch nicht vergessen, wer ich bin & was ich kann. Die Phrasen, in denen man sich unweigerlich verheddert, sobald man mal durch den brennenden Reifen der Beziehung gesprungen ist, all die Schönfärberei & Nachjustierung, all die traurigen Liebeslieder & das Inskissengeheule, kurzum: der Monolog der Verlassenen – er hängt mir schon jetzt zum Hals heraus. Ach, das Leben geht weiter! Das Leben, ja? Was ein Scheißdreck. Das Leben kann nicht weitergehen, das ist allein inhaltlich schon blödes Zeug. Man selbst geht weiter, das Ich. Nicht das Leben. Was also rettet man aus dem brennenden Haus?

Ich durchleuchte die Tage & Wochen, das ganze Jahr röntge ich mit meinen roten Augen, die immer schwer sind, & nehme auseinander, was nicht an mir kleben bleibt. Das ist mein Fleisch & das ist mein Blut & das ist der Hunger nach einer Liebe, die immer ist & endlos, die nie vergeht – das ist das Märchen aller Liebenden, das ist ihr Fluch. & trotzdem: welche Süße!

An der Decke zieht das Licht seine Kreise, die Scheinwerfer, Straßenlaternen, Sonnen. Es ist Montag & Mittwoch & Freitag, ich bewege mich nicht. Ich friere ein in meinem Körper, der heiß ist & brennt, schmelze in mir zu Gletscherwasser, flute hinaus. Was ist? Was gehört noch dir? Was bleibt übrig sobald das Uns mal kaputt geht? Diese Bücher, ja, diese Träume. Was aber machst du damit? Draußen sehe ich Unglück heraufziehen, die Schlagzeilen der kommenden Tage; ich rieche oft den Krieg in meinen unruhigen Träumen, ich rieche die Feuerstürme, mir artverwandt, am anderen Ende der Welt, das bereits vor unseren eigenen Haustüren ist – in der Turmstraße unter den Zeltplanen. Ich, Prinz der Ängste, wittere die Panik auf den Straßen, ich lausche den Sirenen, deren Kreischen stets zu schnell ist für ihr blau-blinkendes Licht, höre das Rumoren in den S-Bahnen, die Leisetreterei der Menschen. Alle sterben. Irgendwann. Was also ist Welt, was ist Innerstes?

Selbst wenn ich es wüsste, ich könnte es nicht sagen, liege ich doch stumm, bewegungslos. Ich weiß nicht, wie lange noch.