Patrice | Der Verschollene

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Wir haben den Regen als Weigerung im Haar & die Kälte wie Splitter unter der Haut; uns rinnt die Straße auseinander beim Blinzeln. Rote Flecken rechts & links, ein nervöses Neonlichtgeflacker vor Hinterköpfen: Patrice & ich stehen unter einem Dachvorsprung, der uns beiden nicht reicht, der uns zu Nähe zwingt, zu bedächtigem Zehenspitzendribbeln, die Schuhe schmatzen feuchten Asphalt. Wie geht es weiter, fragt er & zupft am Schal, der wallt, schwarz & weiß gestreift, über seine Schultern nach unten bis zur Hüfte, zerfasert, wird da von seinen Fingern aufgenommen & verknotet, fallen gelassen, aufgenommen, fallen gelassen – ein unermüdliches Verknoten & Aufknüpfen. Ich weiß nicht, & weiß es genau.

Wir gehen das schmale Treppenhaus hinauf in den vierten Stock, meine Beine zittern auf den letzten Stufen. Beim Reinkommen riecht es nach Kaffee & Zigaretten, es ist ein alter, muffiger Dampf, der weniger menschliche Anwesenheit verrät als vielmehr natürliche Prozesse, ein Zerfallen & Vermodern: vielleicht Schimmel zwischen feuchten Kacheln, Tellerstapel mit Essensresten im Spülbecken, & tatsächlich – im Flur stehend schließt Patrice schnell die Tür zur Küche. Da sieht’s aus wie im Krieg.

Bücher im Flur, Bücher als Türstopper, Bücher auf Büchern, ich laufe durch eine Bibliothek aus Rauch & Papier & streife sacht mit den Fingern allen Staub von den Rücken. Wir gehen erst nach links, in einen Raum ohne erkennbaren Nutzen, denn hier stehen Kisten & Kartons wahllos aufeinander, & ich sehe einen Teppich, zusammengerollt, in einer der Ecken, einige Stühle, als Kreis arrangiert, eine alte Stehlampe mit eingerissenem Schirm. Durch eine Flügeltüre geht es in einen weiteren Korridor, der sich links & rechts verzweigt, & wir gehen erst nach links & dann durch eine weitere Tür nach rechts. Bilderrahmen ohne Bilder, blinde Spiegel. Ich sehe Schränke voller Schallplatten, Bücher als Tische, Bücher als Stühle, Bücher als Kleiderständer. Es riecht nach Leder. Wie viele Leute wohnen hier, frag ich stolpernd, da liegen Socken ineinander gestülpt & schwere Stiefel ohne Schnürsenkel, wahlloser Krempel. Gerade? Ich glaube, er zögert, elf? Okay.

In seinem Raum stehen Pflanzen, so viele, dass ich nicht weiß, ob sie echt sind oder nicht – ich greife ungläubig nach den dicken, fleischigen Blättern. Echt, alle. Das Bett ist ungemacht, das Kissen ein eingestürztes Haus. Ein, zwei, drei Aschenbecher – alle voll. Auf dem Sims einer, neben dem Plattenspieler der zweite, auf dem Sofa steht dritte. Auf das Sofa setz ich mich übrigens, vor allem, weil Patrice mit einer ausholenden Geste dazu einlädt, ich selbst würde vermutlich den Boden bevorzugen, aber ich will nicht unhöflich sein. Der grobe, gelbe Stoff ist verblichen, da sind Brandlöcher, vermutlich von den nachlässig im Aschenbecher drappierten Kippen; ich schnippe einen roten Garnfaden von der Lehne & neige mich nach vorn, das Holz knirscht. Kaffee, fragt Patrice. Ich nicke.

Wir reden bis die Nacht fällt, sie ist wie ein Messer. Die Nacht dreht sich auf einer Spitze so scharf & fein, dass uns die Trennung nicht mal auffällt, die sie uns aufzwingt: Der Tag graut langsam, müde, ohne Farben. Wir haben uns erst die T-Shirts, dann die Hosen ausgezogen, wir saßen im Schwülen, in der Hitze bis mir der ganze Körper klebte vom eigenen Schweiß. Die Heizung ist defekt, sagt Patrice. Die ist immer auf volle Pulle, deswegen sind auch die ganzen Pflanzen hier, das Zimmer ist wie ein Glashaus. Er deutet auf eine Blume mit weißen, kelchigen Blüten, die ich nicht kenne; sie wirkt tropisch & fremd. Sie will ebenso wenig in diese Umgebung passen wie Patrice selbst, dessen Haut im Gegenlicht der Pflanzen grünlich schimmert – seine Glutaugen – sein schwarzes Haar. Die ist ganz hübsch, oder?

Angenommen, sag ich, das Gespräch von zuvor aufnehmend, wir stünden alle auf, das ganze dreckige Dutzend – angenommen, wir würden morgen früh alle einfach nicht mehr zur Arbeit, sondern stattdessen den Verkehr der Innenstadt lahmlegen. Was dann? Patrice drückt die Zigarette aus, er dreht ihr regelrecht den Hals um. Was soll schon sein, die nehmen uns fest, klick-klack, Handschellen & Schluss. Die Revolution kommt nicht in der Weigerung, sie kommt als Marketing – als Newsletter & Push-Notification. Sie wird fabriziert. Auch Patrice schwitzt, ich seh das deutlich, einzelne Schweißperlen rinnen ihm die Brust hinab, die ganz schmal ist, mit einem Arm zu umgreifen, & dann weiter, den Bauch hinunter, bis in seine Schamhaare, verschwinden. Für eine Weile konnte ich dem Gespräch nicht folgen – das lag vor allem an seinem Schwanz, der müde & dick zwischen seinen Schenkeln lag, & jetzt, da er aufsteht um die Schallplatte zu wechseln, fällt mein Blick wieder zwischen seine Beine. Fuck, sag ich & wisch mir über die Stirn. Fuck.



Als ich gehe, da ist mein Kopf leicht vom Marihuana & die Beine schwer. Ich gehe zickzack durch die Straße, von der Bäckerei zum Friseur & zur nächsten Bäckerei – führt das alles irgendwohin? Für einen Moment weiß ich nicht mehr, wie ich hierher gekommen bin, habe vergessen, was mich nach Neukölln gebracht hat, in diese Wohnung, zu diesem Mann. Wie hieß er noch? Ach ja. Patrice. & warum war ich da? Achja. Um frei zu sein. In den Autos sitzen kleine Versionen von Menschen, Menschenkopien, & die sehen alle so finster durch ihre Fensterscheiben, dass man meinen könnte, sie seien mit Benzin betrieben & nicht ihre Wagen, als würden sie alle innerlich verbrennen. Drüben am Obst- & Gemüsemarkt ruft wer Melonen, Melonen, Melonen, immerzu, dabei ist Anfang Dezember, warum ruft er das? Wer braucht denn jetzt Melonen?

In der S-Bahn isst einer Döner, zwei streiten sich, ich weiß nicht um was, aber da ist ein Hund, der sich nervös im Kreis dreht. Ich fühle genau, wie die Grenzen verschmieren, zwischen denen & mir, ich kann meine Haut nicht spüren, sie ist wie weggewischt; ich fliege als Wolke durch die Bahn, versuche mich an Kafka festzuhalten & greife durch ihn hindurch. Der Verschollene wird mir heute nicht helfen. Ich erinnere mich an Patrice, an seinen sehnigen Körper, an seine Augen. Ich erinnere mich an die Fiktion seiner Versprechen. An die Kommune, in der er lebt, an das besetzte Haus. Die einzelnen Teile fliegen mir durcheinander als die S-Bahn losstottert – so, als hüpfte sie auf einem Bein. Das enge Treppenhaus, das Zeitungspapier zwischen den Fenstern, damit die Kälte nicht reinkommt, & das zerbrochene Waschbecken. Ich schmecke die Asche, schmecke Leder & Papier, die Prozesse. Am Ende denk ich tatsächlich nur an die Prozesse. Ein Aufnehmen & Fallenlassen & wieder: Aufnehmen.

Von einem, der auszog…

liebster-award

Wer die Gewinner sind in Zeiten wie diesen, frage ich mich, wer die Goldherzen hat, die Oscars, aufgereiht zwischen müden Organen, & weiß nichts – rein gar nichts –, so spontan zu erwidern, was sinnvoll wäre, oder, ach, wenigstens nur sinnvoll klingt. Dabei wurde ich erneut, genauer: bereits zum zweiten Mal!, mit dem Liebster Blog Award ausgezeichnet, & zwar von Yuliya. Jetzt bin ich sehr stolz & auch verlegen (allerdings auch sehr verwundert), & versuche mein Bestes – in Zeiten wie diesen.

Liebster Blog Award

Man sagt mir nach, ich würde die Dinge nur verkomplizieren. Ich würde es den Menschen schwer machen, schwer mit dem Essen & schwer mit dem Lieben. Ich würde immer & überall ein Gewicht mit mir herumtragen, das ich in den ungeeignesten Momenten den anderen auf die Füße fallen ließe – manchmal, mit einem schelmischen Grinsen. Ich wäre ein Verwüster, ein Tunichtgut, einer, der auszog, um das Fürchten zu lernen – obwohl er am Ende keinen Eimer mit Fischen ins Gesicht geschüttet bekommt, weil neben ihm keine Frau im Bett liegt, sondern ein anderer Kerl. Ich müsse immer alles kritisieren – nur nicht die eigenen Superlative, & rupfe oftmals solange an den wenigen, guten Haaren bis keine mehr blieben. Wer da also so haarlos durch die Straßen Berlins zieht, ist halb Fabelwesen, halb Hirngespinst, was beides, sind wir mal ehrlich, oftmals rein gar nichts miteinander zu tun hat, aber in meinem Fall angeblich ganz viel. Das aber nur so als Intro. Damit klar ist, wer antwortet.

1. Wie kamst du zum Schreiben?

Das ist einfach: Ich kam nicht, ich war bereits da. Oder anders: Das Schreiben war es, das mir zulief, nicht andersherum. Nein. Vielleicht war das Schreiben eher etwas, das angeflogen kam, wie eine Brieftaube, oder vielleicht war es wie ein Geysir, der mir urplötzlich unter den Füßen ins Freie brach & mit sich mir in die Glieder. Kann das Schreiben etwas wie eine Fähigkeit sein, die man entwickelt – ähnlich dem Schnürsenkelbinden? Oder ist das Schreiben ein Talent, ein angeborenes, wie Gefühlssynästhesie oder Farbenblindheit? (Schau, ich fühle dich beim Tippen, du sinkst in mich ein beim Lesen, wir sind eins in den Wörtern).

Die Wahrheit ist: Ich weiß es nicht. Das Schreiben war schon immer da, war gewissermaßen vor mir. Es zeigte sich als bauchige Buchstaben auf liniertem Papier – in Form meines Namens, & immer: im Namen eines Fremden –, & in der alten Schreibmaschine meiner Mutter, oder Tante, die, grünlich-bläulich, auf dem Küchentisch stand, wo ich auf sie einhämmerte mit ungelenken Fingern & großer Frustration. Das Schreiben war in mir & um mich, noch bevor ich die Bücher entdeckte, es ging mir nach bis zur Schule & saß mir im Unterricht stets zuvorderst auf der Zunge. Wenn ich in der Schule schrieb, schrieb das Schreiben. Nicht ich. Man könnte somit also behaupten, das Schreiben sei im Grunde nicht untrennbar mit mir verbunden, sondern viel eher, dass das Schreiben & ich deckungsgleich – dasselbe – sind.

2. Bevorzugst du eine Art des Schreibens (Lyrik, Prosa, freie Gedanken etc.) & wenn ja, wieso?

Oh, & was, wenn nicht? Ich klopfe stets die Eventualitäten ab, die Möglichkeiten der Sprache. Falls ein Nein fehlt, so könnte doch wenigstens ein Vielleicht – ein Möglicherweise – ein Gegebenenfalls in die Zwischenräume schlüpfen & sie, atmend & im Atmen wachsend, erweitern bis sie groß genug sind, um alles zu fassen, was Sprache ist. Ich bevorzuge, was möglich ist. Alles andere ist eine Zumutung. Andererseits bin ich ein furchtbarer Amateur & weiß von den Arten des Schreibens ungefähr so viel wie vom Kriegführen: Wer die falschen Waffen wählt, verliert. Warum also nicht einfach alle wählen?

3. Hast du ein Lieblingswort?

Nicht eines, viele. Hagelzucker beispielsweise, eine süße Härte, eine Gewalttat der Sinne. Davor war es Shoah, die trug ich bitter zwischen den Zähnen. Dass die Wörter oftmals nur in einem furchtbaren Kontext existieren können & dabei Grausames in sich verstecken, macht sie umso reizvoller für mich. Was nicht heißt, dass ich nur Tod & Verderben sammle. Ich mag Schlüsselwörter & Allegorien, mag den Geschmack der Sehnsucht im Mund & die Weberknechte als Wimpern an beiden Augen.

4. Welche drei Lieder oder Musikstücke hörst du zurzeit am liebsten?

Aus meiner Spotify-Musikliste, chronologisch zur Sucht gestapelt:


1. Romare – Come close to me


2. SOHN – Conrad


3. Muddy Monk – Si l’on ride


5. Hast du mal selbst Musik gemacht oder machst du Musik?

Ich habe mal in einem Traum eine Oper geschrieben, ich hab sie sogar aufgeführt. Sie war ein Meisterwerk. That’s it.

6. Welches Buch hat dich besonders inspiriert?

Inspiriert? Zum Schreiben, zum Leben? Ich wünschte, ich könnte das auf irgendwas begrenzen, könnte mit Garn bespannte Stöckchen in die Erde rammen, um den Rahmen abzustecken – stattdessen fallen mir nur ganze Namenslawinen ein, die alles unter sich begraben: Die Stöckchen, das Garn, mich. Ich kann mich nicht entscheiden. Es beginnt vermutlich mit Virginia Woolfs Mrs. Dalloway, das hat mich beeindruckt, gleichzeitig aber auch die Biografie von Hermione Lee über Virginia Woolf; ich wurde elektrisiert von Bolaños Wilden Detektiven, von Kafkas Verwandlung (& auch von seiner Strafkolonie, über die seltsamerweise immer noch viel zu wenige Menschen reden); Elias Canettis Blendung hat mich schlichtweg aus den Socken gehauen, ebenso wie Safran Foers Everything is illuminated. So gut wie alles von Herta Müller hat mich inspiriert. & die Kassandra von Christa Wolf. Ich kann aber vermutlich endlos Büchernamen & Autoren aneinander reihen. Das Buch, was mich (bisher) am meisten beeindruckt hat – wenn ich das so sagen kann –, war allerdings Adrienne Mesurat von Julien Green.

7. Was magst du am Tag, was an der Nacht?

Tags. Es gibt die Tage im Frühling, wenn der Himmel das erste Mal wieder aufbricht – gefühlt: seit Beginn der Wetteraufzeichnungen –, & die Sonne, wie gestoßen, zwischen die Wolken fällt als weißgelbe Kugel, & wenn es zuvor geregnet hat, dann riechen die Straßen wie frisch gewaschen. Ich mag den Geruch des Tages, die Bäckereien, mit denen alles beginnt, die jede Fußgängernase in Kaffee & frische Brötchen tunken, & ich mag auch die Geräusche des Tages: das eilige Rattern der S-Bahnen, ihr Fiepen, das Zeitungsrascheln zwischen den Tagmenschen, die ihrem Tagwerk nachgehen – so, als gingen sie endlos in Kreisen. Ich mag das Essen des Tages, das Auftischen zwischen Frühstück & Mittag, die Gedankenlosigkeit der Gabeln & Messer, dazwischen: ein verschmitztes Grinsen. Tags ist alles sichtbar, plastisch; ich mag das Greifbare des Tages, die Dreidimensionalität der Dinge. Es gibt kein Verstecken. Im Sommer: das Liegen an Seen & im kurzgeschorenen Gras, das einem zwischen den Fingern knistert wie Stroh. Das Licht, das über die Oberflächen brandet & sie vergoldet, das geschieht vor allem im Herbst. Ich mag das Licht des Tages.

Nachts. Mich hat die Nacht geraubt, ich war der erstgeborene Sohn. Ich mag die Geschwindigkeit der Nacht, ihr lautes Dröhnen, ihre Langsamkeit, ihr erstickendes Schweigen. Ich mag, was sie aus den Farben macht – Erscheinungen! – vor allem im Winter, wenn der Himmel & der Boden ziellos ineinander übergehen. Ich liebe die Gleichmacherei der Nacht; sie ist wirklich gerecht. Ich mag ihre Schatten & Geheimnisse, mag ihre Winkelzüge & Intrigen. Die Nacht wartet mit Messern, sie presst Herzen kaputt & steckt Körper zusammen wie Legosteine – die Nacht ist Mörderin & Geliebte: Sie reißt einem die Augen auf im Wahn & schüttet noch Wein nach in jedes unserer leeren Gläser. Ich mag die Ehrlichkeit der Nacht, ihre Gnadenlosigkeit. In der Nacht verlieren Menschen erst das Gesicht, dann ihre Unschuld. Ich mag ihre Gier & den Hunger, der einen überfallen kann, wenn man vom einen Club in den anderen taumelt, morgens um 4. & trotzdem: Es herrscht auch Stillstand, Ruhe, das Vakuum der Schatten. Die Sehnsucht nach dem eigenen Bett. Das Glück zu träumen.

8. Was für einen Blick hast du, schaust du Menschen viel in die Augen?

Manchmal: den Blick getriebener Tiere. Manchmal: den Blick der Manischen, der Depressiven, der Irren, die sich nackt noch angezogen fühlen. Manchmal: verständnislos, unruhig flackernd, ungeduldig. Oftmals: zornig. Selten: angekommen. Ich habe manchmal das Gefühl, ich sehe in Wahrheit weniger mit den Augen – & nein, bitte, kleiner Prinz, bleib wo du bist, ich seh mit dem Herzen auch nicht besser –, als vielmehr mit der Idee des Sehens. Manchmal habe ich das Gefühl, ich würde tatsächlich überhaupt nichts sehen. Das beginnt mit dem Fokussieren – & endet in Unschärfe.

Was den Augenkontakt anbelangt: Ja, oft. Oft aber auch nicht, nein. Manchmal erscheint es mir völlig absurd, dass sich Menschen anschauen müssen, um einander zu sehen (wo wir wieder beim Thema wären). Meine Augen sind gefährlich, oder zumindest wurde mir das damals, zu Uni-Zeiten, von Josh attestiert. In meinen Augen lauere Wahnsinn, sagte er. Wer meinem Blick zu lange standhalte, der verliere sich im Weißblausilberngrau & dem Schwarz meiner Pupillen. Damals habe ich noch darüber gelacht. Heute weiß ich nicht, ob er nicht doch vielleicht Recht damit hat.

9. Das Erste was dir einfällt, wenn ich frage: Was ist das Schönste, was du je gesehen hast?

Das Leben, glaub ich, die Summe der Einzelteile. Ein papierner Schmetterlingssturm des nachts & unter mir eine tanzende Menge. Ein lachendes Kind in der U-Bahn, das mit seinem Gelächter alle anderen Passagiere ansteckt & am Ende, da lachen sie alle. Ein azurblauer Himmel in Barcelona – darunter: kubanische Nutten in zu kurzen, zu bunten Röcken, die mit Don rauchen & mit mir lachen. Zwei Stühle, einer blau, der andere rot, die am Strand von Tel Aviv im Sand stehen, wo Herr Da & ich uns küssen – davor: ein Technicolor-Sonnenuntergang-Wunder.

Mir fallen sofort dutzende, hunderte Augenblicke ein, manche davon schrecklich banal, andere groß & schwer & an den Rändern aus gleißendem Licht. Eine Liebe, die wie ein Blitz einschlägt & das Alte Rom bis auf die Grundmauern niederbrennt. Eine Liebe, die das Bett frisch bezieht. Eine Liebe aus Wahnsinn & Hunger. Meine damalige Mitbewohnerin Greta, die in ihrem seidenen Morgenmantel in der Küche stehend, ihren Minztee brüht & sich die Avocado aufs Brot schmiert. Goldflitter im Haar & Konfetti in jeder der Socken. Das Lächeln meiner Mutter, wenn sie mich nach über einem Jahr Abwesenheit wieder in die Arme schließt. Eine abgeschlossene Geschichte, ein vor Publikum vorgelesenes Gedicht. Ein Teenager in Madrid, der vor den vorüberziehenden Massen der Pride, am Straßenseitenrand, eine Regenbogenflagge hochhält & dahinter: der glückliche Vater.

Alles davon, gleichzeitig, übereinander gelagert, immer.

10. Was würdest du dir selbst gerne mitteilen?

Komm schon, setz dich hin & schreib dein Buch zu Ende. Keine Ausreden mehr. Begegne dem Unbequemen als Läuterung. Du hast genug Angst gehabt in deinem Leben. Es ist Zeit für die Liebe, & auch für die Revolution! Etc., etc.

11. Wie schwer wiegt das Leben?

Gar nicht. Das Leben ist nicht messbar – weder in Herzschlägen, noch in Atemzügen, schon gar nicht in Gewichten. So wie der Ozean keinen konkreten Anfang oder ein definitives Ende kennt, so stellt sich auch das Leben auf keine Waage.


Der Liebster Award kennt Regeln, die sind mir aber, ehrlich & mal ganz unkonventionell gesagt: wurscht, & zwar reichlich. Ich nominiere, wer mir am Herzen liegt. Das wären vor allem: 1. das Fräulein Artischocke, mein persönliches Fräulein Wunder; 2. die Wirsching, aka die Piratenbraut; & last, but not least: 3. die unnachahmliche Candy Bukowksi, die Zunderfrau, die mich immer aufs Neue begeistert.

Meine Fragen sollten harmlos sein, & ich möchte sie auch kurz fassen, damit sich niemand ganze Tage freinehmen muss zum Antworten:

1. Welcher Autor hat dich das letzte Mal berührt? (Im Zweifelfall auch unsittlich).
2. Was kann uns noch retten?
3. Was war dein größtes Scheitern?
4. & was dein kleinster Erfolg?
5. Was davon war im Nachhinein wichtiger & warum?
6. Was ist dein Lieblingsort (in deiner Stadt oder: in irgendeiner Stadt)?
7. Weswegen?
8. Welcher persönliche Gegenstand liegt dir am Herzen & warum?
9. Aus welchem Film bist du aufgestanden & gegangen?
10. 1x dein Beerdigungssong, bitte.

Stürme

busy.

A –
Stell dir ein Land vor, über das niemand herrscht. Ein Königreich ohne Könige, da will niemand deinen erstgeborenen Sohn. Stell dir vor, alle Tempel sind verfallen, die Kirchen sind leer. Sie stellt die Tasse zurück auf den Tisch & schaut hungrig durch ihr schwarzes Haar. Stell dir vor, es wäre egal, wie viel du verdienst, aber nicht, wer du bist. Ich meine, sagt sie, ist es nicht völlig absurd, dass wir noch immer Unterschiede machen – zwischen dir & mir, zwischen Frau & Mann, zwischen Sex & Sex. Wie kann eine Gesellschaft, der das Individuum so sehr am Herzen liegt wie unserer, gleichzeitig so hartnäckig durch anderer Menschen Schlüssellöcher schauen wollen? & was sie da nicht alles sehen & verurteilen… Wer heute einen Schwanz in den Mund nimmt, muss knien – ein ganzes Leben lang. Die Frauen vor Dankbarkeit, die Homos vor Scham. Warum überlebt sich so ein Denken nicht?

B –
Weil es zu anstrengend wäre, eigene Werte zu schaffen, also besinnt man sich vielmehr auf die ehernen Gesetze des Patriarchats, da wird kurzerhand die Mutter aus dem Gebot gestrichen, man ehrt die Väter, die allwissenden, die abwesenden, die gütig über uns zu Gericht sitzen wie Götter. Wer, wenn nicht Wir wissen, was gut für euch ist? Hat denn niemand begriffen, wie sehr sie sich ähneln, diese männlichen Gesellschaftsbilder? Sie verschleiern dich & schicken dich fünf Meter hinter sich, weil das ihr Wille ist; sie machen deine Röcke kürzer & dein Gesicht ganz bunt, weil das ihre Freiheit ist; sie verkaufen dir Schönheit, Liebe, Glück, weil sie was vom Marketing verstehen. Es ist völlig egal, ob es die fundamentalen Kapitalisten sind, die ihre Frauen nackt über die Catwalks jagen, weil sie Nacktheit als Zeichen der Selbstbestimmung verkaufen, oder die fundamental Religiösen, die ihren Frauen jedes Recht auf Selbstbestimmung absprechen. Am Ende, da entscheidet immer nur der Mann. So hat die AfD beispielsweise mit Salafisten mehr gemein als ihr lieb ist: Diese wie jene dulden weder alleinerziehende Mütter, Feminist*innen noch lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle, intersexuelle & queere Menschen.

Die Wut der Stammtisch-Besorgten schwappt in gestammelten Worten
aus ihren Gläsern, aus den Kneipen auf die Straßen allerorten
vielleicht wär es leicht die wahren Gründe zu ergründen
doch viel leichter ist es immer noch ’n Sündenbock zu finden
*

C –
Wenn die ARD einer Partei wie der AfD ein Zusatzwort wie populistisch streicht, verschiebt sie die Wahrnehmung. & es sind die kleinen Verschiebungen, die von der Mehrheit nicht bemerkt werden, die am Ende die großen Katastrophen nach sich ziehen. Wenn der Deutschtürke, der seit drei Generationen in Deutschland lebt – der Deutscher ist, & Türke –, sagt, er wolle weg aus Deutschland, denn das Land sei nicht mehr sicher… Wenn die Intellektuellen in ihren Elfenbeintürmen entsetzt aufhorchen, wenn auf AfD-Kundgebungen plötzlich Nietzsche zitiert wird (Was fällt, das muss man stoßen), aber die, die an der vordersten Front sitzen, schon seit Jahren ungehört um Hilfe rufen. Wenn Autos auf offener Straße stehen bleiben, um dem schwulen Pärchen Schwuchteln nachzuschreien. Wenn türkischen Frauen auf offener Straße die Hidschābs von den Köpfen gezerrt werden. Wenn in Hausfluren & an Straßenlaternen plötzlich Hakenkreuze auftauchen, Parolen, rechte Reden – überall –, die wie Gift ins Grundwasser sickern, in die abgestandenen Diskussionsrunden der Altvorderen, die nicht mehr wissen, was sie sagen sollen angesichts des moralischen Versagens der sogenannten Leitkultur des Deutschen Volkes. Wenn das Thema Politik am Tisch schnell tot ge-schhhht wird, weil über Politik redet man nicht, man streitet bloß, aber streiten will in diesem Land eigentlich auch niemand mehr. Man will nur Recht behalten.

Also fackeln sie nicht lang, nehmen die Fackeln in die Hand
jede Woche steht ein neues Asylantenheim in Brand
der Applaus treibt Söder, Seehofer & Scheuer hinters Pult
aber wer mit Worten zündelt, trägt am Feuer seine Schuld
*

D –
Also, was tun, sagt sie & nimmt einen weiteren großen Schluck aus ihrer viel zu kleinen Tasse & schaut in die Runde. Alle Probleme, seit Jahren thematisiert, fallen eins dem andren nach & uns auf die Füße. Aufstehen, sagt Patrice & lächelt. Nicht aufgeben, sagt Andrew & steckt sich die Zigarette an. Wir müssen tun, was wir am besten können, sagt Mathilde; ihre Augen sind groß & blau & strahlen im Licht. Unser Boden: Ein Wurzelgeflecht der Wut. Unsere Luft: Der Mief der Enttäuschten. Wir gehen mittig auf der Straße, hinter uns schwenken sie große Regenbogenfahnen. Fahrradklingeln, Autohupen. Ich höre Trommeln. Gerade jetzt, sagt sie & legt drei Euro auf die Untertasse, gerade jetzt ist es wichtig, das Ausmaß zu verstehen. Wir haben zu lange gewartet, zu lange gehofft, uns zu lange abgelenkt. Es ist Zeit, Position zu beziehen. Zeit, sich zu entscheiden. Neue Werte zu formen, sagt sie. Eine Meinung. Es ist Zeit, die Zusammenhänge zu verstehen. Verbindungen zu schaffen. Wir brauchen Gegengewichte. Brauchen die Homos genauso wie jede*n Feminist*in, wir brauchen die wütenden Drag Queens, die alleinerziehenden Papas, die Flüchtlinge – wir brauchen sie alle, die glücklichen Familien & die unglücklichen Singles – denn alle, wir inklusive, müssen verstehen, was hier eigentlich auf dem Spiel steht. & das ist nicht nur unsere Menschlichkeit oder die sogenannte Zukunft unserer Kinder. Es ist noch nicht mal die Demokratie. Es ist alles, was Wir ist & Wir sagt, es ist die Gesellschaft selbst. & wer das noch nicht begriffen hat, den wird der heraufziehende Sturm noch früh genug aus dem Schlaf reißen.

*Wir sind alle nicht von hier – Jennifer Rostock

Der Abgesang der Liebe

fuck you.

Wer flieht denn hier, fragt er, & geht zwischen die Menschen nach drinnen.

Mit der Tür im Rücken, hat man immer nur die Wände vor Augen, denk ich. Vor die Wand Gestellte: Du & ich, & die Versprechen, die wir uns geben.

Sag jetzt bloß nicht wieder Liebe, denk ich, sonst schlag ich mir selber die Fresse ein. Nein. Mit der Liebe hat das alles schon längst nix mehr zu tun. Es wurde genug zur Liebe gesagt. Wir haben uns den Mund fusslig & die Herzen wund geredet, wenn’s ums Lieben ging. Als gäb’s sonst keine Substantive mehr. Als wäre alles nur ein Strickmuster der Liebe, & wir die billige, flauschige Wolle, die beim Waschen eingeht zu knotigen Fasern. Sind wir aber nicht. Waren wir nie.

Schau mal: Vor der Bar schlage ich mir so vehement gegen die Brust, dass ich hustend drauf warte, jemand öffne mir von innen die Rippen. Auch das passiert nicht, nein, sorry, dass ich dich da so enttäuschen muss. Ich habe zu viele Märchen erzählt. Es ist Zeit für Schlagzeilen:

Stell dir vor, sag ich zu einem, der neben mir steht, da kommt wer rein & schießt alle tot. Angenommen gerade dann, wenn du auf der Toilette bist. Bäm-bäm-bäm. Draußen schießt wer deine Freunde tot & du faltest das Klopapier zum zweiten Mal. Was dann? Klingt völlig abstrakt. Ist aber passiert – im Sommer war das. Da hat einer 49 Menschen totgeschossen. (C’mon!, irgendwer wird’s auf Facebook schon geshared haben). & hier? In Deutschland haben wir 100 Menschen auf der Straße befragt, was sie eklig finden, & 40% meinten, schwule Männer, die sich küssen. Ach, schau? In diesem Land der Dichter & Denker, wo sie schwarzen Menschen Affenlaute nachspucken, wenn sie in die Kirche gehen – Gott, ja, in die Kirche –, da ist man sich nicht mehr zu fein, seinem Unmut endlich freien Lauf zu lassen. (Auch das ist tatsächlich passiert, in Dresden, am Tag der Deutschen Einheit 2016, ja). Wer will sich da schon den Vergleich gefallen lassen, man sei gar nicht mehr so weit weg von Hitlerdeutschland wie alle immer meinen.

Wir haben zu lange die Liebe besungen, ohne dabei zu merken, dass sie keiner mehr hört. Hier wütet der Lärm, der erstickt alles, begräbt alles, wälzt sich als Protestvolk durch die Straßen. Wir haben nicht begriffen, dass die Liebe uns nicht mehr ausfüllt. Dass sie uns nicht ganz macht, nicht heilt. Hier sind Menschen, die wollen keine Veränderung. Die wollen, dass sich alles gleicht. Bitte rettet doch irgendeine andere Sprache, aber nicht die deutsche. (Die Gebärdensprache bspw.).
Ein Bürgermeister sagt, die Demokratie müsse das erdulden, & lügt. Die Demokratie schaffe sich selbst ab, sagt ein Mann Mitte Vierzig & meint sich damit selber. Er schafft alles ab – die Homosexuellen (bekannt), die alleinerziehenden Mütter & Emanzen, die Ausländer (alle, aber vor allem den gemeinen Muslim). In Polen wollten sie, dass Frauen kein Recht mehr über ihre Körper haben, & in Deutschland klatscht die Mandy leis‘ Applaus, denn sie hat ja schon immer gewusst: Abtreibung is‘ nicht, der liebe Gott will Kinder, wie der Kevin, & da beides Männer sind, wissen beide eben auch Bescheid.

Wohin ich schaue, sehe ich die Furien – hundertköpfig. Ich sehe sie in den verzerrten Fratzen der Demonstranten, in Politikerinnen-Mienen, die milde lächeln, wenn einer sie fragt, wohin das noch gehen soll – in den Bundestag, wohin denn auch sonst? –, & grausig, wie von großen Händen in die Straßenschluchten gescheucht, haucht die Angst, das Monstrum, den Menschen weiter Spiegelscherben in die Augen. Nichts spiegelt mehr, alles zerrt.

Draußen auf der Straße höre ich das Hämmern von Fäusten, ich höre Helene Fischer, ich höre Leute lachen, da rückt wer Tische an die Wände & die Wände gegen Menschen. Das ist die Protestbewegung. Das ist der Widerstand. Wenn nichts mehr geht, denk ich, hilft bloß Gewalt. Es wird kalt & kälter, der Wind weht von links. Ah. Jetzt kommt er aus der Tür, dreht sich den Kopf in den Rücken & grinst zahnlückig den Zurückbleibenden nach als hätten sie gerufen. Haben sie nicht. Die machen jetzt klar Schiff zum Tanzen, sagt er. Wollten, dass ich helfe. Klar. Der Flüchtling soll helfen, wenn keiner hilft, hilft wenigstens der. Die interessieren sich einen Scheißdreck, ob du da warst oder nicht, Babe. In diesem Land finden sie es unmoralisch, wenn wir uns küssen, aber wenn sie einem Syrier den Kopf spalten, ist das voll ok. Du bist so zynisch. Nee, nur ehrlich. Warum ist dir die Party denn so wichtig? Er schaut mich an, der Blick völlig leer, der Mund wie zum Kuss. Weil ich die alle voll liebe.

Die Furien

orestes

Die Wut, ein Gewitter zwischen den Zähnen, überrollt mich von innen, sie rollt sich aus mir heraus mit dunklen Himmeln. Ich spucke Blitz & Donner, meine Wörter schlagen dir, grell, den Atem aus den Lungen. Ich hab es satt zu schweigen, satt den Kopf zu neigen, dieses Satt liegt mir fettig auf den Lippen. Ich kann das nicht kauen. Ich will es nicht mehr.

Die Geduld, letztes Jahr mühsam abgeschöpft, ist jetzt verschüttet.
Ich bin es müde, meinen Zorn in Zaum zu halten.

Als geprügelter Hund nagt man nur an Knochen. Hier: Der Exfreund, der sich an die Liebe erinnert als wäre sie ein Theaterstück, geschrieben für Besessene – eine Aufführung mit zu vielen Stimmen –, der das Begehren im Mund führt wie ein Messer. Ein Blick genügt & du schneidest dich an dem, zerschneidest dich in hauchdünne Scheibchen, wirst zum Horsd’œuvre für den Hungerkünstler. Hier: Die Stadt, die an den Rändern einsinkt ins Braun, in Urschlamm, der vor 71 Jahren schon zu viele Blasen warf; in der Ferne tragen sie Fackeln & Mistgabeln & jagen den Muslim aus dem Dorf. Jemand ruft nach Justiz & Sittlichkeit, jemand schreit nach Kultur – & trägt stolz das Blut an Lippen & Hand. Die Kannibalen sind die ersten, die um Vergebung betteln.

Heimlich, im Dunkel der Nacht, tragen wir Plakate durch die Straßen, sagen Nein zum Gift in deutschen Adern.

Wie langsam die Wut sich auftrennt in Vielheiten, wie sie sich verdoppelt & vervierfacht, einen Fuß von vielen in der Tür, drückt sie ihre hundert Glieder in den Raum. Die Wut folgt der Angst auf Schritt & Tritt. Jetzt brennt das ganze Land.

Wir haben das alles doch schon mal gesehen:
Die Wut als Kehrseite, als Medaille für Langstreckenhasser.

Was, wenn einer versucht, dem Hund den Knochen zu nehmen? Einer, der schwächer ist, mal angenommen. Oder, was noch schlimmer wäre: Wenn keiner den Knochen haben will, aber der Hund den Schwachen riecht? Wenn ihm die Schwäche in Hals & Rachen steckt wie frisches Fleisch? Wenn das Beißen nach Schwäche befriedigender ist als der Knochen selbst?

Hier: Ich – ich wie ich durch Straßen gehe, wie ich mich abmühe mit Schwerkraft & Leib, ich hebe mich hoch & gegen Widerstände, zürnend. Wie müde ich aussehe, morgens vor allem, wenn die Nacht mich ausspuckt – die Augen gerötet, die Lippen zerbissen. Meine Haut wird alt. Ich gleiche immer mehr dem zerwühlten Bett, dem ich kaum mehr entkomme. Ich halte mein Herz, hier, mach, was du willst, & die Zeit zwischen den Fingern – sie rinnt als Klingen, lässt Schnittwunden an Erinnerungen zurück –, hält nichts zusammen.

Ich begreife zu spät, was eigentlich passiert ist, habe das Erdbeben nicht gespürt, das jetzt die Welt zum Wanken bringt. Hier sind keine Träume mehr übrig, die uns vergessen lassen. Die Antipoden schlafen nicht mehr. Im Gegenteil. Sie haben sich erhoben. Wie die Titanen beugen sie Himmel & Erde unter ihren Händen. Freiheit – als Wehklage. Liebe – als Schimpfwort. Sie drehen alles um, drehen Steine & Geister, bis nichts mehr beieinander ist. Aufwachen – woraus? Aufwachen – worin?

Die Furien, die nachts kommen, legen mir ihren Krallen an den Hals. Wie untätig du bist, wie fahrlässig, wie verschwenderisch du bloß mit deinem Leben umgehst, wie du dich vergeudest, ein eingerissenes Glas bist du, das nichts mehr taugt. & so bin ich, gläsern, gehe als Sturmglas durch die Nacht, bin wie geworfen.

Hier: Du, der du mich am Telefon anbrüllst, weil der Brief ein Siegel trägt: Polizei, ein blaues Wort aus Sirenengeheul, ein weißes Greinen – das müsste nicht so laut sein, aber du regelst hier den Ton. Du sprichst mit mir wie mit einem Kind, scheuchst mich, grollend, von einem Satz zum nächsten, & ich, der ich nicht mehr nicken kann, verstumme, bin stumm zum ersten Mal seit Jahren, & spüre, heiß, die Wut auf meiner Zunge. Eisern, wie Blut. Ich kann das nicht mehr, das Alles, ich will es nicht mehr: All diese Geduld & das Beherrschen. Als Glas mit Riss, zerbreche ich. Es geschieht im Einatmen, beim Luftholen. Es ist nicht genug Raum übrig. Wohin? Ins Nichts, hinaus, ins Vakuum. Alles, was kaputt ging, tanzt plötzlich, wirbelt Staub & Tote auf. Was mir entkommt, ist dunkel-grell & voll Gewalt. Es reicht.

Die Wut, vielköpfig, vielgliedrig, dröhnt mir in den Ohren:

Narren, ihr hättet träumen sollen,…

Dann folgt das Lachen.