Maschinenstürmer

1.
Ich träume vom Untergang der Insel. Ich sehe alles ganz genau, sehe, wie es passiert. Als die See sich plötzlich in die Höhe wirft. Wasser wird Finger & Hände, ragt hinauf bis zum Himmel – weiße Gischt, dein tollwütiger Kuss –, & stürzt dann laut hinab, wälzt sich kreischend über Sandburgen, Handtücher, Sonnenschirme, & verschlingt die Promenaden. Die Palmen verbeugen sich unter dem Applaus der Wellen. Als ich aufwache, schmecke ich verbrannte Schokolade. Das Zimmer ist leer. Das Bett streckt sich gleichmäßig in jede Richtung. Ich bin noch immer in Berlin.

2.
In der Küche dampft die Espressokanne auf dem Herd; es riecht nach Sonntag: nach aufgebackenen Brötchen & Kaffee. Der weiße Tisch ist leer. Hier frühstückt niemand. Nur den Kaffee, den gibt es wirklich. Ich tapse barfuß durch den Flur, an den Bildern vorbei, dem Goldspiegel, den Weißweinflaschen in der Ecke, den Fusseln am Teppichrand, puste in die Tasse. Wie still es ist. Wie weich das Licht. Ich setze mich ins Dritte Zimmer, ein Ort, den ich mir langsam schaffe, den ich mir einrichte. Hier stehen Pflanzen auf dem Fenstersims, ein Sessel mit Ausblick auf den Hinterhof; die Wände sind weiß. Es gibt keine Ablenkungen. Ich halte den Schreibtisch so aufgeräumt wie möglich. Nie erschien mir das Konzept der Leere wichtiger als in diesem Zimmer. Lässt sich’s so leben? Arbeiten?

Thoreau. Wieder. Ein Mann über den ich nichts weiter weiß als seinen zivilen Ungehorsam, seine Lebensökonomie, an ihn muss ich plötzlich denken. Nicht an den echten Menschen, nein. Ich habe ja keine Vorstellung von ihm als Person, ich weiß nichts von seinen biografischen Eckdaten, weigere mich, ihn zu googeln, Bildern nachzujagen, Fragmenten, die kein Ganzes ergeben werden. Ich konstruiere ihn vielmehr, mache Thoreau zur Schablone meiner Ideen. Ist das einfachere Leben das bessere? Muss ich erst Luddit werden, um glücklich zu sein? In der U-Bahn sehe ich die Bildschirmwände, auf den Straßen, in den Cafés. Überall bilden sich Menschentrauben, zusammengehalten von Bluetooth- & AirDrop-Übertragungen. Die Cloud schwebt wie ein Damoklesschwert über unseren Köpfen, verschlingt mehr als 1.000 Terawattstunden pro Jahr für unsere Inszenierungen. & wozu? Für Likes, Shares, Followers.

Ich bedaure eine Generation, die keine zwei Stunden ruhig sitzen kann, ohne sich im dunklen Spiegel selbst betrachten zu müssen. Selbst im Kino checken welche ihre Handys. Zähneknirschend seh ich das Weiß & Blau in Menschenmengen leuchten, in den abgedunkelten Konzertsälen: ein künstlicher Sternenhimmel – die Allgegenwart eines digitalen Gottes, der alles sieht & alles weiß. (Ist unsere Sucht nach & Abhängigkeit von Technologie wirklich so anders als eine Sehnsucht nach Gott?).

3.
Im Wind sitz ich, der zum Fenster reinkommt, & schmecke den Frühling. Was heißt einfach leben überhaupt? Was braucht ein Mensch – heute? Das, was er immer schon gebraucht hat? Ein Dach über dem Kopf, ausreichend Essen & Trinken, Bewegung, Intimität & Zärtlichkeit, Geborgenheit? Was heißt das in einer Zeit, in der das alles nicht genug ist? In der es um MEHR geht, um GRÖSSER & SCHNELLER, um skalierbare Modelle, erreichbare Ziele, um die Optimierung, die kein Prozess mehr sein will, sondern ein finaler Zustand? (Keiner will trainieren, jeder will shredded sein. Keiner will lesen, alle wollen alles wissen).

Kann ich einfach leben in einer komplexen Welt? Kann ich minimalistisch leben in einer maximalistischen Welt? Wie bleibe ich verbunden ohne mich zu verwickeln? Der Rückzug ins Private funktioniert nicht. Thoreau konnte früher vielleicht alleine sein, in seinem Wald am See. Heute geht das nicht. Heute hast du Trampelpfade, Geheimtipps, YELP-Empfehlungen. Je mehr wir werden, desto weniger gibt’s noch zu entdecken. Die Entzauberung der Welt? Sie ist gerade live auf Facebook. Der Lärm ist immer da, viele von uns hören ihn nur nicht mehr.

4.
Eine Rückkehr ist ausgeschlossen. Es gibt kein Zurück. Ich sitze mit der Kaffeetasse am Fenster, tausendmal gelebtes Staging: draußen strahlt der Hinterhof in der Sonne. Die Local Natives schmettern im Hintergrund. Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe nichts begriffen. Mich nicht, meine Träume nicht, & schon gar nicht die Welt.

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I – H – R

Es ist schwierig zu verstehen, sag ich – & verschlucke mich an der Reiswaffel, an hauchdünner Margarine auf Styropor. Man serviert meinen Tod mit ungesalzenen Tomaten aus Holland & einem Schälchen entkernter Oliven. Hoffentlich hab ich kein‘ Schnittlauch zwischen den Zähnen, denk ich so beim Ersticken, nichts ist schlimmer als Schnittlauch zwischen den Zähnen.

Außer vielleicht… das richtige Sterben. In Wahrheit nämlich, da ersticke ich nicht. Ich schlucke runter. Würgend zwar & mit tränenden Augen, nee, geht schon, echt jetzt, danke, aber ich schaffe es, schnappe nach Luft, lebe. Fuck. Dem Tod gerade nochmal vom Plastiklöffel voll veganem Aufstrich gesprungen. Glück im Unglück sozusagen. Oder umgekehrt. Immerhin komm ich jetzt nicht mehr ums Verstehen rum, das so schwierig zu erklären ist. Große Augen glubschen mich an, mustern mein rotes Gesicht, meine tätowierte Haut unter den hochgekrempelten Pulloverärmeln, den Regenbogenfaust-Pin an meinem Jeansjackenrevers, wieder: mein rotes Gesicht, das langsam blass wird – blasser –, & rutschen über die Wand hinter mir zurück über den Hals, suchen den Kopf anhand von Haaren, finden das Weiß meiner Haut. So eine Atemnot irritiert alle Beteiligten. Mein Nahtoderlebnis verlangt nicht umsonst eine dramatische Pause – eine Stille, so tief & bleiern wie der Meeresgrund –, die ich versehentlich mit Mineralwasser auflöse, das viel zu laut ins viel zu kleine Glas gluckert. Als ich aufsehe, blinzeln mich wieder diese Augen an, lauernd. Augen wie gemacht zum Durchschauen. Also gut.

Ich habe alles geordnet, sag ich. & lebe doch im Chaos. Mein Leben ist eine Folge klarer Fehleinschätzungen. Ich stecke das Messer in die Spülmaschine, obwohl ich’s eine Minute später wieder brauche. Ich habe immer Senf im Kühlschrank, aber nie genügend Ketchup. Mir brechen Buchstaben aus der Tastatur, über die ich nie nachgedacht habe – & jetzt tu‘ nicht so, als hättest du je darüber nachgedacht, wie oft du so ein I – H – R tippst. Ich ersticke an Reiswaffeln & huste Asbest über den Frühstückstisch. Da ist kein Maß in meiner Sucht & Suche, in meinen niederen Alltäglichkeiten, aber ein zeitloses Verlangen nach Balance. Kein Wunder ich lese jetzt sechs Bücher gleichzeitig – über Feminismus & den Zweiten Weltkrieg, über Literatur, Essentialismus & Minimalismus, über Bäume –, & denke wie ein Räderwerk über die Verbindung all dieser Dinge nach, bin Maschine, gelebter Androismus. Vergesse alles wieder. Im Hintergrund dröhnt Mashrou‘ Leila: كل الآلات بتغنيله وبتكبله بانابيب, & mein Herz pumpt – dröhnend – Liebe mir durch alle Adern. Wie ist das möglich?

Die Frage geht hoch hinaus, über die entkernten Oliven & die Reste vom Asbest, schießt über den Tellerrand gegen Augen & Lider, drückt sich als Hand gegen seine Stirn. Ist das Seufzen? Seufzt du? Vermutlich. Ginge ich einen Schritt zurück, einen Moment nur, & griffe ins Räderwerk nach hinten, was sähen wir dann? Zwei Männer an einem Tisch. Drumherum: Eine Wohnung unbestimmter Größe. Draußen? Blattwerkgeflimmer. Ein blauer Himmel ohne Grenzen, diffuses Stadtleben in Andeutungen: Autotürenfensterscheibenmenschenkolonnen, Mülltonnenrumpeln. Ich. Du.

Die Wahrheit ist, ich begreife selbst nicht, was da eigentlich passiert. Mit mir & dir, mit dem Plural meines Lebens, mit meinen zahnlos-bissigen Projekten. Letztes Jahr noch, da hab ich einen Job zu Grabe geworfen, über die Klippe hinaus in eine aufgepeitschte See, & habe mich in meiner Wut als das begriffen, was ich sein wollte: Ein entfesseltes Tier. Also habe ich gebissen & gefaucht, habe das Bisschen Freiheit verteidigt bis zum Bittersten. Hier: eine Weigerung, ein klares Nein! Hier: Die Erfindung eines neuen Menschen.

& jetzt? Ist alles anders. Diesmal wirklich. Stil & Rhythmus, Klang & Semantik, Denkweise & Wortwahl, alles sieht anders aus in diesem Ausschnitt WELT, fühlt sich anders an. Die Möbel stehen woanders, die Gerüche sind neu. Mein Leben zwischen zwei Wohnungen – nein: mein Leben zwischen zwei Entwürfen – nein: mein Leben zwischen Politik & Wahnsinn, zwischen Tabletten, Staaten & Musik. Ich gehe auf Styroporplatten durch Luftpolsterfolie – & zwar als Messer.

Erklär das mal einem Menschen. Dass ich manchmal vor Wut laut heulen möchte; dass da ein Wolf eingenäht ist & keine Steine. Die Ungerechtigkeit rammt mich manchmal aus dem U-Bahn-Schacht meiner Wahrnehmung raus ins offene Gleisbett. Hier herrscht nichts als Krieg. Da sterben Menschen. Drüben leben sie in konzentrischen Kreisen, saufen Matcha-Latte & sprechen vom Frieden ihrer überteuerten Yogakurse, da wird lang & ausführlich diskutiert, wie sich heute wer selbst verwirklichen kann, & anderen schneidet man halt den Kopf ab. Ich bin manchmal so endlos ohnmächtig in meinen Privilegien, dass ich Amok durch jeden Supermarkt laufen möchte. Ich fühle Strom in meinen Nerven.

Verstehst du das?

Shell Shock

Es ist der Lärm der Dinge, das schreckliche, nicht enden-wollende Sich-Mitteilen-Müssen – die Nachrichten, Updates, Neuigkeiten, alle an dicke Ausrufezeichen geschraubt, mit kleinen, roten Zahlen in die Ecke gedrängt an den Rand des Sichtbaren, des Bildschirms, wo das Nichts lauert, ein lautes, ein gewissermaßen ohrenbetäubendes Nichts an Gegenständen & Orten & Menschen, die sich runter- & wieder hochscrollen lassen – übergangslos. Stundenlang. Bis die Augen brennen…

Das ist es. Das.

In der Ecke sitz ich, zwischen Pflanzen, in Ruhe, zum ersten Mal in Ruhe, & versuche –

– draußen rauschen die Autos – von links nach rechts, von rechts nach links, von der großen Geraden in die kleine, scharfe Kurve – da fährt die S-Bahn – Schienen kreischen – irgendwer ruft – Besoffene müssen immer rufen, was ihnen gerade durch den Kopf geht, das muss zum Mund wieder raus, als hauchte ihnen der Alkohol plötzlich Weisheiten ein, hier: deine Idee, hier: dein dummes Geschrei – & im Nebenzimmer stöhnen sie Liebe, stöhnen Alleinsein & Angst, & die Decke vibriert unter fremden Sohlen.

Damit hat es angefangen, oder? Mit dem Lärm der Dinge. Mit der Allgegenwärtigkeit des Lärms. Selbst die Bücher schreien. Die Spotify-Listen. Die Netflix-Empfehlungen. Das E-Mail-Postfach: Ein Angriff auf alles, was uns heilig – war. Das Internet als konstante Belastung, als Artilleriebeschuss. Ich, das ist das Verhältnis von Input & Output, von Feed & Fed, von Likes, Shares & Gruppenchats. Ich, die Summe des Lärms, die Grenzerfahrung hunderter Erinnerungen. [Ich bin Saurons allsehendes Auge]. Mit dem Geschrei endet das Ich.

Stattdessen: Vorhang auf für die Bedürfnisse.

Ich sitze in der Ecke, zwischen Pflanzen, denke an Thoreau. An die Ökonomie des Lebens, ein ganzes Kapitel des Aufwiegens: Ist es das wert, all das, mein ich, dieses Getrieben-Sein, das Sich-Anpeitschen. Die Optimierungszwänge, unsinnig aufgeschichteter Perfektionismus: Ich kann nur als Übermensch menschlich sein. Muss meinen Zeitplan abhaken, muss glücklich sein, funktionieren, auf Fragen antworten & gegebenenfalls – rhetorisch verspielt – mit Gegenfragen reagieren können. Ich muss mir immerzu Zeiten nehmen, für alle. Für jede Begegnung, für jede Berührung, für jeden Moment der Stille muss ich selbst lärmen, damit sie mich nicht doch noch bekommt am Ende, diese Ewige Leere, der Horror vacui.

& so blubbere ich also, schütte Kaffee um Kaffee um Kaffee in mich, damit ich alles unter einen Hut bekomme, dieses & jenes Leben, diesen & jenen Entwurf, diesen & jenen Menschen, & blubbere Gischt & blubbere Tollwut, & sitze mit sieben Büchern am Schreibtisch der Nacht, blättere blubbernd heißes Blut auf den Lippen, lese, lese, lese, sehe, scrolle, denke, denke, denke – & nirgends ist Thoreau & nirgends bin ich, sondern da ist nur die Skizze, nur Gekritzeltes, wirre, chaotische Linien & Striche, & ich, der ich klein anfange, wird ins Große gestoßen – auf die Straße, wo der Verkehr lärmt. Wo die Menschen sind. Wo alles zerrt & zieht. Das Verlangen, der Hunger.

Manchmal schrecke ich auf, so wie jetzt. Als hätte ich nur böse geträumt. Da reibe ich mir müde die trockenen Augen, die immer rot sind & brennen, & starre irritiert auf die Tastatur, die langsam, aber beharrlich auseinanderfällt (erst das R, dann das I, jetzt das H), & weiß überhaupt nicht mehr, was ich eigentlich wollte. Um was es ursprünglich ging.

Bis die Tür unten knallt – der Fernseher dröhnt – hier kommt laute Musik aus zu schnellen Autos – hier die Touristengruppe aus Sydney, Liverpool, Madrid: Rollkoffer & Bierflaschenscheppern, zerbrochenes Glas auf zu kantigen Steinen – Gelächter, verstärkt im Schacht der Hinterhäuser zu barbarischem Gebrüll. Ohnmacht. Wahnsinn. Untergang.

Intro: klein

Dem Leben irgendeine Art des Vorrangs geben, sag ich, die Türen stets geöffnet halten. Darum ging’s mal. Morgens früh aufstehen, Sport treiben, abwechslungsreich frühstücken, genug trinken, optimistisch bleiben, zur Arbeit gehen, Wartezeiten gekonnt überbrücken, lesen. Die Arbeit als sinnstiftendes Element im Leben sehen, als Bereicherung, nicht als Belastung, nein – mehr noch: als herausgetrenntes & jetzt – zum Glück! – wiedergefundenes Organ. Überlebenswichtig – überlebensgroß: Auf Plakate gedruckte Konsumvielfalt, die sich auf Kreditkartenformat zusammenstauchen lässt. Hier ist dein beschissener Instagram-Account, erstick doch endlich in deiner Plastikperfektion, du dumme Sau. Wenn Klaus Kinksi das wüsste. Dabei kommt mir nichts als Staub ins Haus, vergessene Zeilen. Mir klebt nichts als Druckerschwärze an den Fingern & die Stempel der vergangenen Nacht an beiden Handgelenken; ich träume
vom Unbekannten;
umarme den SmartBoy mit beiden Armen & hauche mich in sein bettwarmes Haar. Dem Leben irgendeine Art der Bedingungslosigkeit geben, sagst du, die Wäsche erst vom Haken nehmen, wenn sie nicht mehr klamm ist, sondern trocken wie Papier. (Denn nichts ist schlimmer als nasses Papier). Darum geht’s jetzt. Ich trinke schales Wasser aus geschliffenen Whiskygläsern, knistere Tabletten aus weißen Folien – vergesse, dass ich nicht Teil der Ausstellung bin. Das hier um mich, das ist immer noch mein Leben. Diese zusammengerollten Kabel hier am Tisch, die leere Mateflasche, all die Bücher, die mittlerweile drohend wanken sobald wer durchs Zimmer geht – es ist kein Setting. Die Realität trifft mich jeden Tag ganz unvermittelt. Schokoladenkrümel auf dem Küchentisch & der Geruch von frischem Kaffee. Die Einhornkondome in der Glasschale, daneben: Nasenspray. Das existiert. All diese Abzählreime meiner Wahrnehmung, die Aneinanderreihung von Gegenständen. Das habe ich als Leben verstanden. Oder nicht?
Sein Körper neben meinem, seine Hände,
wenn wir uns küssen, selbst wenn’s nur flüchtig ist,
sein Ich liebe dich; ein Blitzschlag, das Glück ist wie ein Blitzschlag, & ich liege sitzend – erst vor dem schlechten Bildschirm, dann vorm guten, sehe Freunden bei der systematischen Vernichtung ihrer Herzen zu, Emoji, gif, gif – & wieder liked wer ein Bild, es ist ganz egal, diese Herzen bricht dir niemand, die kann man nur zurücknehmen, dann ist’s so, als wär‘ nie was gewesen – jeden Tag bin ich Kronzeuge. Ich weiß genau, wer die Liebe gestohlen hat, Euer Ehren, hier: Close-up auf den attraktiven 34-jährigen Mann mit Bart im Zeugenstand. Es ist egal, wie abhängig wir geworden sind; wir kannten die Prophezeiung. Wir kennen den Tathergang. Ein Experte meldet sich aus dem Hauptstadtstudio: Wir leben durch die kapitalistischen Strukturen in einer masochistischen Gesellschaft, die sich permanent selbst bestraft; es gibt keine Erlösung, nur das ewige Fressen bis wir an unserer Kotze ersticken. Vielen Dank, Professor Doktor Sargnagel. Zurück zu mir. Zurück zum Lebensentwurf, dem verworfenen. Das war mal Schreiben. Also, sagt die Therapeutin, es ist schon die zweite, dann schreiben Sie doch, setzen Sie sich wieder hin, was hindert Sie, & ich, was hab ich zu erwidern? Nichts als schlaue Ausreden. Ich kann mich ganz aus dem Häuschen reden, dumm & dämlich, bis mir die Zunge taub wird & die Zähne wackeln, reden bis zum Sauerstoffmangel, Kreislaufkollaps, Nervenzusammenbruch; wenn ich nur wieder so schreiben könnte, wie ich reden kann. Stattdessen: Zerfaserung. Als hätte ich alles verlernt, als hätte es nichts vor jetzt gegeben. Die Dutzend Anläufe. Die inneren Zwänge. Das Zähneknirschen. Dann machen Sie langsam, geben Sie Ihre Perfektion auf. Good is good enough. Hätte ich eine Zigarette, ich zerdrückte sie jetzt nachdenklich im Glasschälchen auf dem Fenstersims. Draußen: Die Stadtsilhouette. In meinem Kopf spielt Klaviermusik, eine Katze streicht über die Feuerleiter. Die Neonreklame auf der anderen Straßenseite wirbt für Cola, Nutten, Lungenkrebs.
Das passiert, wenn ich ohne dich bin, denk ich. Wenn das Bett plötzlich zu groß ist für mich ganz allein. Wenn zwischen dir & mir die ganze Stadt liegt – ein Abgrund aus Gleisen, Schotter, Kronkorken. Hier bin ich, am Schreibtisch mit den Büchern & Tabletten, mit dem schweren Whiskyglas. Ich soll klein anfangen? Gut. Bitte schön: klein.

Deinetwegen

Das Diktat von Wäsche & Besteck, das Diktat der schmutzigen Dinge. Immer gibt es Staubflusen zwischen den Türen, es sammelt sich Dreck unter den Fenstern, die Teller im Spülbecken, die Pfandflaschen im Eck. Ich trinke zu viel Cola. Ich esse zu wenig Gemüse. Ich, ein Mann im biblischen Alter. Mit 33 hing Jesus am Kreuz. Ich hänge vor Netflix – fahre jeden Tag zur Hölle für Nichtbegangenes, für Versäumtes; es gibt kein anderes Paradies als das derzeitige: Wenn du mich morgens umarmst,
ein fester Griff mit zwei Armen,
Händen, die,
wenn sie könnten,
die ganze Welt umarmten,
& dein Atem in meinem Nacken, ein Säuseln, ein Beinahe-Küssen, & ich, der noch müde dem Schlaf nachhängt, ein Nachtwächter fremder Träume, ein von der Erholung Abgehängter, spüre deinen Körper im Rücken, dein Herz, das anklopft an Muskeln & Rippen, ein ganzes Leben in dieser Berührung – eine Zukunft. Das ist Wahrheit. Das ist echt. Alles andere hingegen…

Diese Gegenwart ist unruhig, wie Kerzenflackern.

Wenn ich daran denke, wie ich früher war, wie ich nachts am Schreibtisch saß & schrieb, wie ich den Dingen nachging
– ein Spürhund, ein Geigerzähler –,
als wär ich besessen davon. Ich sehe noch heute das blaue Rechteck über mir, das Fenster zum Himmel – in der Ferne die Dachpyramiden der Nachbarhäuser; ich habe oft da gesessen, unter dem Fenster, habe den Blick ins Ziellose geschmissen, ins Unbestimmte. Da gab es Äste irgendwo, vielleicht Sterne. Ich erinnere mich dunkel an Sterne, aber möglicherweise denk ich mir die auch nur nachträglich dazu, verfuge die Erinnerungen neu, romantisiere. Ich habe damals viel geschrieben, war jeden Tag ans Schreiben gebunden. Wie leicht mir das fiel. Wenn sich heute einer ein Glas Wasser eingießt, hat der mehr Probleme als ich damals beim Schreiben. & jetzt? Die Sätze wie Stacheldraht. Ich poltere durch einzelne Wörter, zähle auf; mir gelingt selten ein Absatz, der mir gefällt. Alles, was ich schreibe, liest sich wüst & fremd, gedankenlos. Als müsse mich gleich einer unterbrechen, als wäre mir das Schreiben lästig, ein Herzenszwang, schau doch, wie schwer der sich tut.

In manchen Momenten ist mir, als hätte ich das Leben angefangen & dann irgendwann – plötzlich –, abgebrochen. Die Erzählungen aber, die brodeln mir immer noch auf beiden Lippen,
von Labyrinthen & Fäden,
den roten,
geborgten,
von den Gewittern & Stürmen, den Gezeiten,
den großen Dingen,
& den kleinen,
vom Wahnsinn & von Rache,
vom Verlassensein & Gefundenwerden,
von der Liebe, die wie ein Zug entgleist & – ungebremst – alles mit sich reißt,
hörst du’s nicht? es ist alles noch da!,

& all diese Gefühle, die tief in mir treten & stampfen, die mir, wie zu scharfer Kaugummi, wie Wasabi auf einmal in der Nase brennen, die sich nachts freikämpfen, wenn die Himmel groß sind & die Kleidung viel zu eng, viel zu nah dran am Menschen, wenn das Herz ansetzt zum großen Schlag, wenn deine Finger meine suchen –
wenn alles wegfegt,
das Kleinliche, das Bestehenmüssen,
die Sorgen um ein Morgen, das niemals kommt,
weil die Gegenwart, ein Kerzenflackern, heller brennt als die dunkelsten Gedanken – hier:

Am Meer sitz ich, an den Klippen, & höre die Möwen. Unten spielen sie im Wasser, springen kopfüber ins Türkis, ins Azur, springen wie sie’s vor tausend Jahren schon taten, & die Wellen – brechen – wirbeln – spritzen weiße Gischt an weiße Felsen. Über mir tun sich blaue Rechtecke auf, da sind Sterne. Was ist, was war? Ich will, federleicht, aufspringen, will mich in die Luft stürzen &

Orkanwind, Graupelschauer

niedergehen wie Hagel,

als Sintflut über diese Straßen brechen, die mich von dir trennen,

als Verräter überlaufen an allen Stellen:

Hinter mir die Ewigkeit, vor mir – dein Herzschlag unter meinen Fingerkuppen – das Dreieck deiner Haare – die Grübchen – das Bernstein deiner Augen – die Gegenwart als Stichflamme: Wohin, wenn nicht zurück zu dir? Als ich über die Wurzeln springe, die Treppe hinauf & die Straße hinab, diesen einen Weg entlang, an der kroatischen Küste, da verstehe ich, verstehe, was mir vom Schreiben blieb, von der Wucht der Gefühle, die in mir treten & stampfen, denn hier:

an Schultern & Hals,
zwischen Ohren & Nabel
hier sind die roten Fäden,
& sie führen zu dir,
dir,
immer nur zu dir
zurück & immer zurück,

& ich muss aufpassen, dass ich nicht renne, dass ich die letzten Meter nicht überstürze, dass ich diesen Weg nicht so nehme wie die letzten Jahre, aber ich bin schon an den Bäumen vorbei, spüre noch Rinde & Gras, das wilde Leben, das als Ameise mir über die Haut gekrabbelt ist, gehe als weiße Gischt auf weißem Stein, als du dich umdrehst –

du sitzt auf diesem blauen Rechteck,

Leuchtturm, Lichtermeer

die bunte Mütze schief auf deinem Kopf, die Sonnenbrille vorne auf der Nasenspitze, so hast du dich umgedreht zu mir, hast dich zwischen all den Menschen zu mir gedreht, & ich – Träumer – komme endlich aus meinem Labyrinth heraus, komme zurück zu dir, immer nur zurück. Zu dir.