Die Probe, Teil 1: Von der Mitte in jede Richtung zugleich

November, Aschemonat.
Vor einem Jahr saß ich händchenhaltend im Kino, vielleicht nicht auf den Tag genau, aber so ungefähr; da hab ich mir die Liebe bunt gedacht. Ich saß schwer neben H., der leicht saß, & drehte mir den Kopf wund an einem kleinen, wunden Herzen. Seinem Herzen oder meinem – das weiß ich grade nicht mehr, aber im Grunde ist es auch egal. Ich saß da & es lief Blue Jasmine, auf den ich mich nicht konzentrieren konnte oder wollte, weil meine Hand sich so fremd anfühlte in dieser anderen Hand, & H. aß Gummibärchen oder Schokolade oder beides. Ich hatte rote, schwere Augen vom Sehen, von der Übermüdung & dem Wissen: H. ist einer, der rennt mit dir zusammen zum Bus, jederzeit. Nicht nur, weil wir noch in der Küchenzeile hatten rumknutschen müssen, ein bisschen verlegen & todesmutig vielleicht – weil zum Küssen braucht man immer Mut, vor allem dann, wenn man sich überhaupt nicht kennt, wenn man nicht weiß, wer das da eigentlich ist, den man festhält mit allen zehn Fingern, den Lippen & der Zunge -, & weil wir damit fast die Spätvorstellung um halb elf verpasst hätten. Der rannte auch mit mir, weil wir eine Idee vom Leben teilten, eine Theorie, die besagte: Man rennt um die Wette auf den letzten paar Metern, man flucht über die Schwerkraft & die verprasste Zeit & man genießt jede beschissene Sekunde davon – das Zuknappsein, das Beinaheverpassen, das bedeutet: Herzschlag! Adrenalin! Leben! Leben! Leben!

& so saßen wir schließlich ganz außer Atem im Bus, ganz hinten, ganz glücklich, in der letzten Reihe, obwohl der Bus leer war, & drängten uns so dicht aneinander, wie wir nur konnten, wie es der kleine, harte Sitz zuließ, & hauchten uns die letzten Reste des Essens ins Gesicht, das wir zusammen gekocht hatten, & küssten uns & hielten uns & saßen im Goldlicht der Straßenlaternen.

& that’s it, boys & girls, ein Happy End.
Wenn die Geschichte hier bloß aufgehört hätte.

Hat sie nicht.

Wir schauten uns diesen Film an, den H. hasste, schon nach den ersten fünf Minuten so abgrundtief hasste, dass er immer wieder aufstöhnte, & dessen Hass instinktiv zu meinem Hass wurde, & das, obwohl mich der Film überhaupt nicht interessierte, denn ich war neben H. & nur das zählte, aber gut, auch Hass lässt sich teilen. Das schmiedet zusammen, das ist wie Klebstoff zwischen zwei Menschen. Nur wer das gleiche zu verachten weiß, nennt sich verstanden.

Wir saßen in den zwei Sesseln ohne Lehne, drückten unsere warmen Körper aneinander & rollten die Augen. Er nach oben. Ich zu ihm. Wie ich ihn angesehen habe – schräg & verlegen, so, als verspreche es was, dabei bemerkte mich H. überhaupt nicht, sein Blick blieb stets bei Cate Blanchett, klar, war auch ok, das Gesehenwerden war mir nicht wichtig. Ich wollte mich an ihn erinnern, wollte mir alles einprägen, seine Haltung, sein Profil, die Art & Weise, wie er in die Tüte griff, um sich eine neue Süßigkeit zwischen die Zähne zu stecken, selbst sein Augenrollen & das Ach seiner Missbilligung, das er sich bald nicht mehr verkneifen konnte.

Was mir bleiben sollte, war die unglaubliche Hitze unserer Haut, hier: in diesem Sessel, hier: in diesem Kino, an diesem & jenem Tag – ein echter Kitschmoment. Etwas, das später vielleicht mal jemand lesen oder hören würde, um danach zu sagen: So ein Hollywood-Scheiß. & ich könnte dann sagen: Ja, fuck you, mein Hollywood-Scheiß. & ich würde glücklich sein. Weil da jemand gewesen wäre… Jemand, der da gewesen ist, denk’s dir, für so lange wie möglich, für so was wie immer; jemand, dem ich mal ein Buch widmen, den ich in einer Rede als den Stein in der Brandung bezeichnen würde; jemand, den ich anrufen könnte – mitten in der Nacht, aus Newyorkcity oder Beijing oder irgendeiner anderen Zeitzone -, & der mir was von seinem absurden Tag erzählen würde, um mich aufzuheitern.

Ich habe mir alles gemerkt, an diesem Abend & an allen weiteren Abenden: Sein Zucken im Schlaf, sein unruhiger Mund: die Wörter, die aus seinen Träumen kamen, fern, & ohne Inhalte. Sein Lachen, dieses zögerliche, oft gehässige. Seine Augen, immer: seine Augen, die in Bewegung bleiben mussten, die nach dem Smartphone griffen, nach Facebook & den E-Mails, den neuesten Schlagzeilen auf Spiegel Online, Augen, die im Buntlichtgeflimmer auseinander gingen, die suchten & suchten & nichts fanden. Auch mich nicht. Niemanden. Nur Erinnerungen vielleicht.

Als wir aus dem Kino kamen, die Luft war kalt & tat weh unter den Lidern, flogen wir durcheinander durch die Straßen, erst in die eine, dann in die andere Richtung & ich erinnere mich nicht mehr, ob wir dann zu ihm gingen oder zu mir, aber vermutlich lag ich bei ihm, in diesem orangefarbenen Rechtecklicht, das durch das Fenster auf sein Bett fiel & wir hielten uns fest, als müssten wir ertrinken. Wir wälzten uns links & rechts über das Laken & griffen nach Haut & Knochen, nach einem Menschen, von dem der jeweils andere dachte, er passe für den Moment oder eben für immer, aber in Wahrheit —

In Wahrheit? Wie grausam das klingt. Als hätten wir uns belogen. Wir wussten nicht, dass wir nicht passen würden, oder anders: ich wusste es nicht. Die Zeit ließ sich damals nicht messen. Weder damals noch heute. Man weiß nichts vom Ende, nie. Man lebt stets in neuen Anfängen. & das ist eigentlich auch sehr beruhigend.

In dieser einen Nacht aber, dieser Kinonacht, da lagen wir gegossen im Gold unserer Körper & schlugen Funken, da brannten wir hell. Vom Schälen der Zwiebeln bis zum Rennen durch regennasse Straßen, rutschend im Laub & rutschend auf viel zu engen Stühlen, im Händchenhalten, im Filmaugenflimmern, bis zu den lichternden Küssen, dem stummen Seufzen unseres lauten Begehrens – genau da waren wir glücklich. Eine geglückte Probe. Etwas für den Moment.

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5 Comments

  1. […] strahlt die Sonne etwas trostlos auf einen Säufer, Monsieur Manie beschreibt in mehreren Teilen Die Probe und Thibaud sagt etwas über eine Musikerin. Auch bei diesem (einen von vielen, wie bei allen […]

    Antwort

  2. […] Links zu Texten, die mir in den letzten Tagen aufgefallen sind. Die Herrschaft der Antipoden  Die Probe, Teil I: Von der Mitte in jede Richtung zugleich. Herr Manie schreibt einen wirklich schönen Text über das Händchenhalten im Kino und die Suche […]

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