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Der Gedanke an Stille

15. Februar 2012

1.
Ich habe kein Gefühl mehr zwischen den Schritten, alle Luft ist eisern. Wie man sich selbst verliert, sagt eine alte Frau links von mir zu ihrem Mann. Bei jedem Atemzug & in jeder Sekunde ein bisschen mehr, sagt er, & lächelt. Ja, denk ich & sehe dem weißen Dampf ihrer Münder beim Verschwinden zu. Wie man sich gegen Atem lehnt, denk ich, anlehnt an Luft, die ihresgleichen sucht – & doch verdampft, sich auflöst in Umgebungstemperaturen: der Mensch haucht der Welt entgegen & sie?, sie gibt ihm mattes Glas. Dann: Vorsicht – Zugeinfahrt – die Elektronik aus der Box rechts, im Eck, tönt. Die Frauenstimme klingt so melancholisch, jedes Wort wiegt viel zu viel. Please – mind, setzt sie weiter an, & lässt es plötzlich bleiben. Der Satz bleibt ungesagt. Please mind. Okay.

2.
Meine Augen folgen in der S-Bahn den Stationennamen, den gelben Punkten auf schwarzem Grund: Oranienburger Straße, Nordbahnhof, Humboldthain. Blinklichter zwischen anderen, Herzschläge unter vielen. Ich hab eine Verspannung im Nacken & keine Hand, die sie löst. Draußen bewegt sich keiner. Alle sind erstarrt. & falls sich doch mal wer bewegen sollte, dann geht er langsam, fast in Zeitlupe. Die Regel heißt: Immer mit einem Fuß auf dem Boden (der Tatsachen) bleiben. Am besten mit beiden. Zu schnell sein heißt zu viel sein, & zu viel führt zu Stürzen, das kann keiner riskieren. Bei Glatteis kann man sich die Knochen – das Genick! -, die Würde & den Hochmut brechen, kaputt stürzen kann man sich. Glasknochen haben ja auch mehr Leute, als du denkst. Eine Volkskrankheit ist das. Hörst du nicht? Man muss ein Leben führen, das geschützt werden will. Ist kostbar, was wir da haben, ein ganz & gar kostbares! Leben, eines, um das man erst herumgelaufen sein muss, um es ganz gesehen zu haben. Anschauen muss man das – nicht anfassen!, denn man sieht ja nicht mit den Händen, sondern mit den Augen. Da muss man sich erst einrichten, damit man sich drin aufhalten kann, damit man sich wohlfühlt. Alles andere ist unhaltbar. Ich folge stattdessen fremden Gesichtern, fast willenlos.

3.
Ich gehe durch Neukölln, als tobte ein Sturm, an jeder Ecke erleide ich Schiffbruch: Du gehst durch ein früheres Leben, sagt die Elektronik im Gehirn. An der Admiralbrücke steh ich da, & sehe den Menschen dabei zu, wie sie auf dem Eis Schlittschuh laufen, wie sie einander jagen, die Kinder mit Schlitten. Ein kleiner Junge mit roten Pausbacken steht am Geländer & ruft einen Namen, der das Lachen der Eltern nicht durchbrechen kann. Stattdessen knarzt & ächzt das Eis in der Tiefe, es klingt wie ein Stöhnen. Das bringt alle zum Schweigen. Die Ersten schieben bereits ihre Kinder ans Ufer, wo alle Gefahr vermeintlich unwahrscheinlich ist, & die Zweiten lachen beim Gehen am lautesten über die Letzten. Irgendein Dritter will aber trotzdem nicht einbrechen, also schieben sie die Kleinen nach fünf Minuten wieder zurück aufs Eis, wo alle sind. Denn wo alle sind, da ist’s sicher. Die zwei Enten, die sich langsam dem Brückenbogen nähern, sacken aber doch plötzlich ein & schlagen ihre Flügel hektisch ins schwarze Gewässer. Sieht nur keiner. Sind ja bloß Enten, denen muss man keine Aufmerksamkeit schenken. Schon gar keinen Glauben. Wenn Enten könnten, sie würden sicher unablässig lügen.

4.
Als er die Türe öffnet, ist sein Gesicht voller Ahnungen – die Augen, der Mund, das Haar. Er ist ganz erstaunt, um diese Uhrzeit hat er mich noch nicht erwartet. Natürlich nicht, ich bin wie immer viel zu früh. Sätze, wie man sie schon dutzendmal gesagt, gehört & wiederholt hat – sie kommen als nächstes. Soll ich die Schuhe ausziehen?, entschuldige, aber wo ist die Toilette?, man überrascht sich ständig selbst dabei, wie man etwas sagt, das bei den Eltern noch fremd & falsch klang, & das jetzt ziemlich folgerichtig ist. Höflich. Notwendig. Also schlüpfe ich aus den Schuhen, beinahe auch aus der Hose, & gehe schlafwandlerisch durch den Korridor & bewundere das Parkett, wie ich es in hundert Wohnungen in Berlin schon getan habe, es ist wirklich hübsch. In seinem Zimmer sind keine Möbel außer die Bücherregale an den Wänden & ein Futon genau in der Mitte. Kein Schreibtisch, kein Stuhl, kein Computer. Nur ungefähr 13.000 Bücher & der Futon. Er fragt, ob ich etwas zu essen will, es gäbe noch Reis mit Gemüse, & ich verneine.
Verneinen ist etwas, das ich ziemlich gut kann. Ich verneine alles, eine flüchtige Liebe, die Rettung brächte, & eine Nacht, die mich ins Unglück stürzt – ich verneine ein Leben, das mir nicht gehört, ein geliehenes, ein Leben für Aufschneider & Intellektuelle, ein Cliché verneine ich. Etwas, das anderen die Kraft zum Aufstehen gibt. Deswegen sitze ich viel, weil Sitzen ist nicht wie Gehen, das kostet kaum Blut. Auf seine Fragen antworte ich ausweichend. Meine Blicke sind ziellos beim Sprechen – sie gehen viel auf, aber die meiste Zeit gehen sie ab: dieser Bogen hat keine Sehne. Dieses Herz kennt keinen Schlag.

5.
Er rollt seine Zigaretten fünf Zentimeter über dem Tisch. Seine Schuhe schnürt er mit der Kippe im Mund. Wir gehen raus in den Abend, der kam ganz unverhofft, & ans Kottbusser Tor, wo alles lau ist – die Luft & Gewalt, der Döner an der Ecke, der Shit. Hinter zwei Ecken führt er mich, an zwei Hunden vorbei, deren Leinen straff sind vom Wollenmüssen, & die Frau, die sie hält, sagt uns etwas hinter her, was nach Schwuchteln schmeckt – sie dünstet billiges Parfum aus, billiges Bier, ein billiges, gegenstandsloses Leben von Fertigpizzen, Alkohol & ungewaschenem Haar. Schlampe, sagt er, & lacht. Überall Schlampen! Den Schwanz sind die nich wert, der denen das Maul stopft. Wir betreten die Bar durch eine Glastür, dahinter: der Rauch. Der hüllt uns ein, süßlich & schwer, der greift mir mit dutzenden Fingern ins Haar, in die Kleidung setzt er sich rein: ein Kobold ist dieser Qualm. Sei’s drum. Er schiebt mich weiter, weiter, durch die Rückenwand schiebt er mich durch. Ich streife weiße Hemden & Schultern, T-Shirts, die wie Fahnen an dürren Körpern hängen, karierte Baumwollstoffe, Flanell, Jeans; es riecht nach Tabak & Motorenöl. So betrinken wir uns. Bis einer kommt. Der ist halb so groß wie ich, mit wirren blonden Haaren; an dem hängt sein Hemd knopflos offen bis zur Mitte der haarigen Brust, wie alt?, vielleicht zwanzig, der hat noch keinen Kummer in den Augen, noch keine Enttäuschungen, dem hat irgendwer mal zufällig ein Stückchen vom Herzen abgebrochen, aber darüber kam der hinweg, dieser Muskel ist noch intakt, der pumpt noch Blut & Liebe durch den Leib, & in die Augen die Lust. Er sagt, er kenne mich, & ich verneine, wie gesagt, im Verneinen bin ich ein König, nur davon weiß er nichts, will nichts wissen, er beharrt aufs Gesehenhaben, als wär’s wirklich wichtig. Er bietet mir Bier an, Schnaps, er will mich tränken, volllaufen lassen soll ich mich, damit ich entspannt bin, damit ich weniger gehetzt wirke, damit ich mich mal gegen was anderes lehne, als gegen Luft, die kondensiert an den Scheiben. & ich trinke. Noch ein Glas, & noch eins, das löst die Verspannung im Nacken, das löst die Zunge.
Neben dem Blonden steht irgendwann ein anderer, dunkelhaarig, mit einem schwarz-roten Karohemd, das trägt der zugeknöpft bis zum Hals, & die Jeans sind umgekrempelt bis zum Knie; der hört auch zu, der lacht ein gewalttätiges Lachen, & haut mir vor Freude auf den Rücken, berühren muss er mich, an den Schultern & an der Hüfte, die Hand muss er mir auf die Brust legen, damit er weiß, das ist ein Mensch, der ist echt, der kann was ertragen, aber eigentlich ertrag ich nichts. Weder ihn, noch den anderen, den ganzen Laden ertrag ich nicht, mit seinem Rauch & beständigen Geilheitsgemurmel.

Wo ist deine Freundin?, fragt er, & ich schüttle den Kopf. Keine Freundin. Ah, einer von uns, sagt der Blonde, & grinst. Einer von euch, das wiederhol ich, wer ist denn euch?, & er holt aus mit den Händen & schließt den ganzen Raum ein, in die Bewegung, er meint sie alle, die Männer in Flanell- & Karohemden, & grinst, eine Familie. Ich bin nicht gut mit Familien, sag ich, kein Familienmensch, ich gehör nirgends dazu. Der andere legt mir die Hand auf die Schulter; sie wiegt mehr, als sie sollte. Sein ganzes Gewicht liegt in dieser Hand, denk ich. Er schaut mich an. Es ist, als suche er in meinem Gesicht jemanden in der Ferne. Man gehört immer zu irgendwem, sagt er. Ich nicht, sag ich & meine Stimme klingt nach Bier & Jägermeister-Shots, sie klingt nach Rauch & Asche, in meiner Stimme sind die Jahre & jedes Jahr ein ewiges Suchen. Diva, sagt der Blonde & grinst; ich möchte mit seinem Gesicht die Wände streichen, seinen Schädel abschrauben wie einen Flaschendeckel. Ich gehöre nur mir, sag ich, & sinke zurück in die Menge. Zwischen Fleisch sink ich, & verschwinde für Stunden.

6.
Am nächsten Morgen tut mir der Hals weh vom Trinken, & die Augen vom Sehen. Als ich aufstehe ist mir die Welt zu klein, das Bett zu begrenzt. Es riecht nach Kaffee. In der Küche wird gelacht; Zoey sitzt über dem Marmeladebrot wie ein Richter & Joseph rührt sich Milch in die Tasse. Er sitzt bereits zwischen ihnen, die Augen ganz klein vom Wachseinmüssen, & kaut langsam. Guten Morgen, Mittag, Abend, es ist doch ganz egal. Zoey lächelt, sagt, warum hast du ihn uns noch nicht vorgestellt?, & ich, der ich nur Haut & Knochen bin, von einem T-Shirt & Boxershorts zusammengehalten, zucke mit den Achseln. Ich weiß nicht. Mir liegt plötzlich so viel Traurigkeit auf der Zunge, so viele abgenutzte Sätze. Jedes der Worte sagt nicht genug. Ich gieße mir den Tee ein, & setze mich zu ihm, als verspreche Nähe eine Art der Gemeinsamkeit, eine Vertrautheit, wie sie nur Jahre & geteilte Erfahrungen schaffen. Zoey lächelt, sagt, du veränderst dich so schnell. Ich verändere mich überhaupt nicht, sag ich, niemand verändert sich, ich bin der, der ich hätte werden können. Draußen zerspringt irgendwo Glas. Ich bin zu müde, um alles zu erklären, sag ich, & nicke ihm zu, aber er streicht sich die Butter aufs Brot, & sieht nichts außer das Messer.

Später ziehe ich mich langsam an, die Sonne wandert durchs Zimmer. Es liegen Briefe auf dem Tisch, ein Buch von John Fowles, daneben: eine Flasche Wasser, zwanzig Cent, eine leere Tasse. Ich sehe auf all die Dinge, als bedeuteten sie etwas. & im Nebenzimmer haben sie Sex.

This thing about Phil

5. Februar 2012

3.
Wie wir gehn & stehn, wie wir einander entfallen – wie schwierige Worte, vielsilbig, & mit Ypsilons -, der letzten Treppenstufe fallen wir entgegen, dem letzten Abschnitt der Strecke; ich seh gar nicht hin. Keiner sagt was. Jemand trägt die Koffer & verreist nicht, ein anderer nimmt die Flasche am Hals & stellt sie zu den Büchern ins Regal. Bonjour Tristesse liegt neben der Hand. Neben Adern, & Haut, dem Geruch nach Papier. Wie heißt er eigentlich? Ich kann keinen Namen behalten, alle Gesichter sind aus Pappe. Es lohnt nicht, sich zu erinnern.

Also schlüpfe ich morgens in den Körper, der schwer ist & schief an den Ecken, schlüpfe in Blut & Impuls, & zerre das Haar aus der Stirn; alles ist spröde, & stumpf. Die Welt will kein Wetzstein sein. Es ist mir ganz gleich. Ich ziehe mir das T-Shirt über den Kopf, die Boxershorts über die Füße – seltsam, wie es für alles immer zwei Richtungen gibt -, & gehe ins Wasser. Wasser? In den Dampf geh ich, in den Nebel, der mir Gewalt antut, mir & der Haut, die mein Kostüm ist. Es ist schon okay. Wenn das Fleisch erst gar ist, verschwinden die Verspannungen. Auch das Gefühl wird weniger mit der Zeit, die Gedanken. Alles fließt irgendwann ineinander. Im Spiegel wisch ich mir dann ein Gesicht zurück übers Glas; es ist blass. Umgekehrt geht alles viel langsamer. Schamhaare, Brusthaare, Achselhaare, Barthaare – darüber: weißer, schwarzer, grauer Stoff, darüber: Baumwolle, Polyester, Flachs, darüber: Atome; ich kleide mich in Neutronen, & putz mir die Zähne. Ich muss raus, jeder muss immer nach draußen, & an der Bushaltestelle verbrauchen sie ihren eigenen Atem.

Die Stadt reicht mir Bilder & viel Lärm; im Büro stehn alle um den Wasserkocher, als reichte die eigene Anwesenheit zum Wasserkochen, aber nachfüllen will keiner; ich bleibe verständnislos neben Schultern stehen & sehe auf Adern & Haut. Wie viele Tage ist das her? Gestern war Sonntag. Jemand hat sich die Hände mit einer Handpflegecreme eingecremt. Gestern war Montag. Zwischen den Tasten sammeln sich Hautschuppen & Haar, ein ganzer Mensch liegt zwischen den Buchstaben begraben. Gestern war Dienstag. Unter dem Tisch stehn Teller & Schüsseln, da finden sich Gläser mit Kalkrand. Ich trinke nur noch aus Flaschen, den Schweiß Fremder trink ich aus Schlüsselbeinen, es ist Mittwoch, Donnerstag. Ich kaufe Donuts im Dutzend & schlittere über vereiste Kopfsteinpflaster. Heute ist Freitag.

Zufällig finde ich Glitter im Haar, in der schwarzen Kapuze ist noch mehr davon. Dunkel erinnere ich mich der Musik, des tiefen, bedrohlichen Dröhnens, des Bebens hinter den Wänden. Ich erinnere mich zweier Hände, eines Mundes,… Das Lächeln schmerzt, aber ich lächle es gern. Es gab da ein Gestern:

1.
Die Liebe unterstreich ich mir doppelt, in jedem Satz steckt sie mir heiser. Ich werde ganz leicht, zwischenzeitlich & im Zweifelsfall, belausche Zoey beim Singen in der Küche, & Joseph, der links neben ihr steht & die Kräuter umtopft, erzählt mir von Phil, der zum Essen kommen wird wie ein Sturmwind über die Berge. Phil ist Amerikaner, sagt Joseph, der ist wie ein Faun; wenn du den lachen siehst, wirst du zu Licht, ich schwör’s dir, der bringt ein Stillleben zum Schreien, nichts lässt der ganz, kein Hotelzimmer, kein Herz, der bringt jeden in Aufruhr, aber dafür lieben sie ihn… Ich sitze am Tisch & sehe Josephs Händen nach, der Erde unter den Fingerkuppen, den Händen, die welke Blätter richten, die verblühte Blütenblätter zupfen, & denk an Italien. Vor dem Fenster fällt Schnee; der Winter will nicht enden, dabei hat er eigentlich erst angefangen. Darin gleicht er mir. Auf dem Herd kocht das Essen.
Beim Tischdecken ist mir Zoey ganz nah, ihr Handgelenk streift meine Schulter, ihre Schulter meinen Arm – vermischen sich da die Atome? Sie lächelt viel an dem Abend. Bleibt bei mir. Spürt die Unruhe, die mir in den Beinen steckt, in den Augen. Ich sehe kaum die Gesichter. Die ersten Gäste kommen um 20 Uhr, eine Stunde später als vereinbart. Sie sammeln sich um den Tisch, um zu essen. Reis dampft in Schalen. Die Saucen leuchten bunt im Dämmerlicht. Die Fenster beschlagen. Andere folgen, es ist bereits zehn. Chipstüten platzen auf, Erdnüsse prasseln in Glasschalen, Kronkorken fliegen unter die Stühle. Ständig ist wer da, um mir die Hände zu schütteln, um mir einen Namen in den Mund zu stopfen, den meine Zunge gar nicht halten kann, aber muss ja auch nicht, man unterhält sich bloß kurz zwischen den Räumen, erzählt sich ein altes Leben in Stichworten neu bis die Musik alles Reden abbricht mitten im Aufzählen. Es wird schnell laut – Kasabians Switchblade Smiles hör ich als erstes. Die Menge schiebt sich sofort in den Flur, in die anderen Zimmer stolpern Menschen über Teppichfalten fällt sich’s am besten aber das ist schon okay. Es geht schon. Lauter. Schneller. Alle Sätze sind unterbrochen durcheinander nirgends findet sich noch ein Punkt keiner hört zu muss noch geht zum Tanzen wie ein Stein rollen sie hin – & das Parkett ächzt unter den Schuhen. Kurz nach elf ist Phil plötzlich da – Joseph stellt ihn mir vor: er greift ihn aus der Menge heraus, aus den Rücken & Hüften, aus den Armen & Beinen, den Menschen stellt er zum Menschen, & Phil lächelt breit. Das ist er also. Braune dichte Locken & Augen, deren Blick man erst ausprobieren muss bevor man ganz hinsieht, & er lächelt breit & sagt nichts. Zoey kommt zwischen uns, ihr Haar löst sich in Strähnen. Sie sieht glücklich aus, denk ich. & da küsst sie mich. Tief & rasend, es ist ein Kuss von Sterbenden. Sie sagt: Pass auf dich auf, & streicht mir das Haar zurück über die Stirn & hinauf bis es steil ist wie Klippen. Gegen mich branden die Schiffe. Sie geht einen Schritt zurück & hinein in die Wogen, zwischen die Rücken & Hüften, als Positron zu den Elementarteilchen zurück, & verschwindet. Übrig bleibt Phil, der weiter da steht, als hätte ihn jemand vergessen. Okay.

Wir gehn in eine der Ecken & erklären uns in wenigen Sätzen unser ganzes Leben; unser Scheitern & Versagen, unsere Stärken. Wir reden schnell & auf verschiedenen Sprachen, weil uns eine Sprache nicht genug ist zum Reden. Im Hintergrund tanzt ein ganzes Volk bis zur Besinnungslosigkeit. Die Musik bringt die Fenster zum Scheppern. Aber das stört uns nicht weiter. Es ist ein bedächtiges Erzählen in unserer Hektik, eine nahe Distanz in unseren Augen: flüchtige Studien in Kleinstädten, eine Karriere als Gott & eine als Herzensbrecher, zwei Leben zum Preis eines halben, mit 26 Jahren schon zum Glück gezwungen, & im Unglück ein Pendel; wir sprechen über Bücher, wie über gemeinsame Bekannte. Irgendwann kommt Joseph, der riecht nach frischem Tabak & Beize, & schüttet bunten Glitter über uns beide, die wir in einer der Ecken stehen & reden, als ginge uns das Tanzen nichts an. Aber irgendwann tut es das doch.

Die Stunden & Gäste gehen einander nach, die Treppen runter & runter, hinaus in einen dunklen Februarmorgen. Es riecht nach Schnee. Ich sitze erst & sehe den Zimmerwänden beim Wachsen zu. Alles Küssen gleicht sich letztlich. Alles Verabschieden. Meine Haut ist sich selbst ganz fern, & Phil, Phil ist es nicht. Stunden mit Weingläsern, Stunden mit schmierigen Tellern, & die Finger riechen nach Oliven. Wieder eine Umarmung auf Türschwellen. Irgendwann geh ich von Zimmer zu Zimmer, suche Zoey, aber Zoey ist weg, also seh ich aus Fenstern in andere Fenster hinein; die Welt ist ganz hell. Alles muss man überwinden, denk ich. Die Enttäuschungen & den Menschen, der man gerne geworden wäre. Die Liebe, wenn sie einen nicht tragen wollte. Vorstellungen von sich muss man überwinden. Leere Versprechen. Es ist eine Frage der Größe. Ein Mensch ist mehr als die Summe seiner Fehlentscheidungen. Als ich mich umdrehe, steht der Amerikaner hinter mir & lächelt breit.

2.
Phil erzählt mir von Ohio, von Cincinnati. Dort ist er geboren. Dort ist er aufgewachsen. Von den Brücken erzählt er, vom Glück unzähliger Sommer; ich sitze neben ihm & reibe mir den Knöchel. Das Dröhnen der Züge, das Rattern der Schienen – die Sehnsucht nach Ferne hatte ihn immer wieder zu den Gleisen getrieben, als die Sonne rot & schwer war, & der Himmel ohne Unterbrechungen. Er hatte den Güterzügen nach Indianapolis nachgesehen, nach Louisville & Columbus – mit den Beinen über dem rostigen Geländer & den Füßen in der Tiefe baumelnd hatte er dort gesessen, & die Namen der Städte vor sich hergesagt: India-na-polis, Lou-i-sville, Co-lum-bus, Städte mit Menschen, die nicht wussten, wie tief ein Stein im Ohio River sinken konnte, die keine Ahnung von der Gewalt hatten, die einem die Distanz antun konnte, die zwischen einem selbst & dem fernsten Punkt am Horizont lag – einem Punkt, den man nie erreichte, egal, wie schnell man auch rannte. Dort hatte er nachgedacht, über seine Familie, über sich.
Sein Vater stammte aus Toledo, erzählt er. Eisenwarenhändler & das Blei in den Augen. Der war immer zum Fischen an den Eriesee gefahren, den Phil Lake Eerie nannte, den unheimlichen See – viel zu oft war der Vater dort mit sich allein gewesen, stundenlang in dem Boot, dessen Blau abblätterte & Weiß vergilbte; er brachte nie den Fisch mit, den er den Kindern versprach. Ihm & Lucy, seiner Schwester, & Pat, seinem Bruder, alle jünger als er. Aber das war auch okay. Irgendwann erwartete man weder den Fisch, noch den Vater. Sie waren sich nie sehr nahe gewesen, der Mann aus Toledo & sein erstgeborener Sohn, hatten nicht viel gesprochen, ein Good Morning, ein How was school, aber nichts sonst, kein Wort über den ersten Kuss, über Susan, die blond gewesen war wie Weizen & dreimal so dumm, kein Wort von der Sehnsucht & dem Streben nach mehr. Im Mai 1999 war sein Vater nicht mehr nach Hause gekommen. Es war ein Herzinfarkt. Er starb noch auf dem Boot. Das trieb drei Tage auf dem Wasser, ungesehen schlug der See gegen den Bug & die Zeit gegen den Toten. Phils Mutter erlitt daraufhin einen Nervenzusammenbruch, wie ihn nur Verliebte erleiden: Die Vergangenheit erreichte ihn nie, den Eisenwarenhändler; er blieb für immer im Jetzt – so, als hätte er nur kurz das Zimmer verlassen. Sie sprach von ihm, wie von einem Heiligen. Von einem, der jeden Cent für die Kinder sparte, die Kinder, oh, wie er die Kinder liebte – kein Toter im Grab konnte so sehr seine Kinder lieben wie dieser. Phils Mutter war Deutsche, vom Blut her eine von vielen, die Urgroßmutter war mit den nötigen Habseligkeiten aus Preußen hergekommen, ihr Urgroßvater, ein Münchner, mei, hie noohs eweriesing abaud bier, fügte sich schnell ein ins System, in die große Brauerei von Columbus: they’ve been German as German can be.

Auf der Brücke – das Dröhnen der Güterzüge im Nacken -, hatte er all das gespürt, erzählt Phil, dieses andere Blut, diese plötzliche Erkenntnis, die einem Wahrheit eingab. Klarheit. Dass einem die Ferne vielleicht in den Genen liegen könnte & nicht bloß in den Augen. Dass einen die Füße vielleicht solange tragen können, wie die Straßen & Wege reichen, aber dass es das Herz ist, das einen wieder aufstehen, wieder gehen lässt. Mit 18 zog er aus. Mit 22 verließ er die USA. Dann bricht stumm die Sonne durch das Fenster, & taucht die Gesichter in Licht. Ich muss zur Arbeit, sag ich unvermittelt & stehe auf. Here, sagt er, & steckt mir einen Zettel zu. Ich seh nur Zahlen. Sage: I’ll write about you. Er sagt: No, you need to write me, not about me, & schüttelt mir die Hand.

Grenzgänger

26. Januar 2012

#1
Die Hand, die den Spiegel bricht, reicht sich mir fort, & die Arme hängen unbenutzt daneben. Wie naiv ich bin, denk ich. All diese Enttäuschungen, die man ganz mild dosiert bis zum Abschied, die sitzen plötzlich mit am Tisch, wo alles Blick sein sollte, Hand, die Hand berührt, statt Teller & Gabeln, statt die gierige Hast unserer Zähne – aber was fängt man im Leben schon mit Sehnsucht an? Stattdessen fragt sie mich später, ob ich verliebt sei, eine Beziehung wolle, & meine Antworten umringeln einander wie Schlangen; ich sag nichts Ganzes im Halben. Dabei will ich hinsehen, sagen: natürlich bin ich verliebt, siehst du das nicht? Ich bin ein Ball, der gegen das Garagentor knallt, immer wieder flieg ich braunen Augen wie dunklen Himmeln entgegen. Halt find ich keinen dabei, obwohl die Haut so nah zum Greifen ist – nur flüchtig: ein Bein, das Bein berührt, ein kurzes, festes Drücken, & fort sind fremde Herzen.

Ich sag nichts, ich denke, denke zu viel. Warum?, ach versteh doch: Jedes Bisschen Interesse heize ich mir auf zur Glut, zum Flächenbrand mach ich jeden der Blicke – darin gleich ich der Schwester, oh Adrienne. Ich weiß das, weiß alles immerzu. Auch vom Übertreiben weiß ich, treibe ich doch die Realität vor mir her, endlos, ziellos in Richtung der Betten. Nur weil ein Fuß einen anderen streift, heißt das noch lange nicht Liebe. Im Gegenteil, es heißt oft Versehen. Egal, wie ehrfürchtig du bist: so weit will ich gar nicht gehen. Mit der Liebe mein ich. Die Liebe ist mehr, ist Alles – ein Weltende im weißen Schaum der Tage. Nein, da ist zu viel Wort im Gefühl, im Interesse zu viel Besessenheit, das kann man doch nicht einfach so sagen – am Telefon klingt ein Freund schon viel zu fremd, zu komisch: das will nicht über die Lippen. Wie sollten es dann Küsse je schaffen? Ich mach mir die Stunden zum Brandherd, & denke: Verknallt bin ich, sonst nichts, das liegt an den Frequenzen. Stimme & Blick lassen vergessen – vergessen, was früher war, jeder alte Mensch zerbrennt hier zum Neuen, & am Ende bleibt ja doch nichts. Ich bin eine Kerze mit zwei Dochten & darunter: die Dürre vergangener Tage.

Kann man denn ehrlich sein zu einer, die man kaum kennt, frag ich mich auf der Treppe, eine, die man zweimal sieht & niemals alleine, kann man der sagen: Ja, ja, genau, du vermutest ganz richtig. & falls ja, hat der Knall dann ein Echo? Eigentlich bleibt zum Reden nie wirklich Raum. Stattdessen sitzt man vor fremden Bewegungen, fremden Gesprächen, nicht vor den eigenen; man geht sich bescheiden & vorsichtig aus dem Weg & holt es mit einem Lächeln nach, einer Hektik im Gehen, denn da, ja, schau hin, wie wir rennen, & später unterbricht sich die Welt mitten im Schweigen. Wir brauchen mehr Zeit, denk ich, & schau auf die Uhr.

#2
Den Wochen gibt er den Regen zurück, & den Tagen jede einzelne Stunde; ich hingegen breite den Krieg aus, im Wachen & Warten, in der Küche beim Herd & beim Blick aus dem Fenster: Ich sehe nichts als Flächen. Liegen gelassene Aussichten – das stößt mich raus, in den Nieselregen & Schnee, in den warmen Dampf meiner Lungen, zum Verkehr. Viele Stunden fahre ich durch die Stadt, von der U-Bahn zur S-Bahn bis hin zu den Bussen: ich kreise unermüdlich um die immer-gleichen Gebäude & benenne alle Straßen falsch, die Kirchen, die Erinnerungen, die abgefallen sind wie die Kinderbilder vom Grab, wie das Laub von den Bäumen. Ich weiß nicht weswegen. Mir geht ein bleiernes Licht durch die Worte, eine helle Dunkelheit. Unterwegs höre ich Nightmare No. 5 or 6 & fühle keine Hände. Nach Hause, denk ich dann: ich muss nach Hause.

 

Stumm sitz ich schließlich wieder im Zimmer, den ganzen Tag, lese Zone von Mathias Énard, die Füße auf dem Heizkörper, der nicht zum Menschsein taugt, & trinke Leitungswasser, als verspräche es Wahrheit. Manchmal stehe ich auf & gehe dem verbliebenen Staub nach, der im Flur zur Wohnungstür & dann nach draußen rollt; bleibe in der Küche, bei den Pflanzen, bei den Pfannen & Tellern, bei den Gläsern: Ich sehe mir alles ganz gründlich an, die Kalkflecken, & Gabelkratzer, die abgestoßenen Farben & all die Löcher über dem Fenster, wo einmal Vorhangstangen waren. Hier ist nichts, wie es eigentlich sein sollte. Vor der Schiefe aller Regale stehe ich, beim Honigglas, das klebt am Deckel, & esse den Käse direkt aus der Packung. Ich schmecke nichts außer meinen eigenen Atem. Das ist ein Zustand, der ist halb Komik, halb Wahn.

Es gibt Leute, die verlieren ihr Hab&gut unterwegs, im Café & bei Freunden, & später suchen sie die Dinge hinter den Kissen. Ich verliere nur die Gedanken, Augenblicke: Ein Löffel voll Karamell, der im Mund zergeht wie viele Sommer, Ingwerstückchen & Eiswürfelsplitter, ein Zimmer mit hohen Wänden, & Ideen, die unbestimmt von einem Lächeln zum nächsten gehen: Ich wickle ein orangefarbenes Buch in eine grüne Schleife & trage Schleife & Buch wie eine Bürde in der Innentasche meiner Jacke; ich fühle es auf Haut & Knochen, es ist mir zu nah, um es sehen, zu weit weg, um es fühlen zu können. So bleibt das Buch in der Tasche, den ganzen Abend, die Nacht über & sogar noch am Morgen; ich krieg den Moment nicht zu fassen, damit ich ihn verschenken kann.

Wie sich zwei Dinge gleichen können, ohne sich gleich zu sein. Sie werden beide ein Drittes, das dem Fremdsein fremd ist, aber sich nicht jeweils selbst: Eine optische Täuschung täuscht das Hirn, nicht die Augen. Ein Herz, das groß & herrisch ist im Schlagen, täuscht niemanden; es schlägt weiter, weiter, weiter.

#3
Wenn niemand da ist, geh ich auf dünnen Linien durch die Wohnung, auf Parkett- & Fliesenfugen, & rezitiere dabei laut Gedichte. Ich fühle mich dann wie ein König über ein Totenreich; niemand ist da, der mich hindert. Barfuß hüpfe ich von Teppich zu Teppich, & lege mir den Kopf auf den Tisch, neben den Teller. Ich will nicht mehr denken. Nicht beschleunigen. Alles, was ich mache, ist zu schnell, & geht letztlich doch im Kreis herum. Nachts liege ich lange wach & sehe den Autolichtern nach, die über die Wände wandern – über Einzelnes: den Rotwein, den Teppich, die Bücher. Ich habe früher weniger gewartet. Jetzt überbrücke ich die Stunden, ganze Tage.

#4
Dann wieder ist mir alles egal. Ich habe einen Buchstaben fortgegeben für einen anderen, aber am Ende sind alle Begegnungen wie Messer – sie schneiden mich in zwei Hälften, dann in viele. Tanz auf der einen Seite, Butter auf der anderen. Angeblich solle man nur den Regeln folgen: Erstens vorsalzen, zweitens nachzuckern, drittens dem trocknen Mund ein Glas zum Festhalten & der Leerstelle des Herzens drei Fingerspitzen MDMA geben. Mir reicht es nicht, diese laue Ruhe, die Stille zwischen den Worten. Lieber erfinde ich besinnungslos Lösungen, verallgemeinere: Jeder will den Helden fallen sehen, jeder sehnt sich seines Niedergangs – besonders, wenn der eigene Aufwind fehlt. So ist immer einer unter dir, auf den du herabsehen kannst, dem es schlechter geht, als dir. Dabei ist Oben auch nur aus der Sicht der Unteren ein Oben, & jeder will zu den Glücklichen gehören. Die mit Südseitenbalkon & Stuck an der Decke, diese Privilegierten mit abgeschlossener Lebenserfahrung, Kinder in Erwachsenenkörpern, die nachsichtig sind mit deinen Bitterkeiten. Ich hingegen, ich will tatsächlich nur fallen & stürzen. Als Windstoß dir unter Hemd & Haut fahren, & durch jeden Gedanken; Erinnerungen will ich dir umstoßen & mir neu errichten. Du sagst nichts dazu. Vielleicht red ich zu viel. Oder ich sage schlicht das Falsche. Jetzt ist es auch nicht mehr wichtig.

Wie unschuldig man durch eine Szene gehen kann & andere nennen das Leben. Zu Besuch ist man dort, bei Fremden, & sitzt einander gegenüber im Lachen; danach ist das Warten unerträglich – & die Vorstellung, das einzige, was man gehabt haben könnte, seien ein paar Abende gewesen, ein paar verlegene Höflichkeiten. Nein, danke. Die Sehnsucht kannst du behalten. Alles, was früher war, ist jetzt bloß Erzählung – die Kindheit & Jugend, die Liebe mit 21. Zwischen Göttern bin ich die Klinge.

Sie aber sagt mir, man müsse sich auch mal stehen lassen können, & vergessen – währenddessen probt die Welt eine neue Revolution… Ich höre dem Toben zu: Megaupload, SOPA, PIPA, Anonymous,… Die Tage gehen ohne Übergang, sie springen von einem Bild zum nächsten. Im Hintergrund ist ein Dröhnen. Sie haben gesagt, man solle sich keine Sorgen machen – also war da nur das Eigene, das einem am Herzen liegen konnte: Was lässt sich besitzen, welcher Wohlstand, welche Liebe, wen umarmt man zur Begrüßung & wem reicht man die Hände – das Eigene ist der Mittelpunkt der Welt; deswegen dreht sich die Welt nicht mehr. Sie taumelt & fällt. Jetzt aber, da mir kein Herz zum Schlagen bleibt & sich der Kreis zwischen Scherben- & Spiegelmenschen schließt, hebt die Sorge an, eine bereits gemachte, eine aufgeschüttelte & gebügelte, eine Sorge der vorangegangenen Generationen: Wie wollen wir leben? In allen Dingen ist ein Rauschen & Zittern,…

#5
Krank & rasend geh ich durch die Straßen, & drehe mich um bei jedem Möglicherweise, bei jeder Wahrscheinlichkeit: War & würde er, hätte oder müsste ich – was nicht alles sein könnte, wenn die Tage anders wären. Wenn nicht… ja. Aber es ist eben, hier sind die Tatsachen: die Uhren schlagen mir ihre Pendel gegen die Knöchel; sie zwingen mich zum Gehen. Natürlich kennen wir uns gar nicht, meine Ansprüche sind absurd. Meine Sehnsucht deiner Augen, das Fernweh der Lippen – alles nur geliehen. Ich weiß, jaja. Ist schon gut. Das ist ebenso wenig das, was ich leben, was ich denken will. Ich hatte genug solcher Augenblicke – fünf Jahre Altersunterschied verändern vielleicht nicht alles, aber sie brechen Beine -, davon hab ich genug, randvoll bin ich von Momenten wie diesen. Meine Obsessionen sind wie Ticks, schlechte Angewohnheiten. Da stehen andere minutenweise in der Fußgängerzone & warten auf das Ende aller Rempeleien, & ich stehe inmitten meiner Gedanken; sie reißen mir die Bänder am Fuß & die Lider der Augen: das geht ganz schnell, da reicht eine Begegnungen an der Rosenthaler Straße, & schon ist es vorbei. Da gehn mir die Worte quer & die Blicke bis zur Erschöpfung. Ich kann nicht genug davon kriegen… Deswegen habe ich A. auch gelöscht, habe mir den Buchstaben amputiert & beginne weiter hinten im Alphabet sobald mich jemand fragt; ich bin bereit für Neues, bereit, mich jeder Sonne zu ergeben & nachts alle Himmel mit unseren Blicken zu bleichen… Wäre, hätte, wenn. Okay. Geschenkt.

Stattdessen zerspringe ich zu Lichtern & tauche ganze Räume in Wahn. Tanze & dippe & verliere mich im Knöchelschmerz, es ist ganz egal. Das, was Jugend ist, zerbrennt den ganzen Menschen; es nimmt ihm die Achtung vor morgen, & die Sehnsucht nach gestern. Ich will kein Held der Nostalgie sein. Wenn ich dich nicht küssen kann, dann versagen mir eben die Nieren; ich greife nach den vollsten Gläsern, & trinke von fremden Mündern, umarme Duft & Widerschein, nur verbrennen, nur nicht innehalten, nur ja nichts akzeptieren. There’s a beat in all machines. Bis morgens bin ich unterwegs, jede Nacht, jede Nacht, & jede Nacht gibt sich mir fort in offene Arme. Ich habe so viel zu vergessen… An den Schaufenstern lauf ich vorbei & denke: jetzt die Haare abscheren, den Kopf zur Kugel machen & die Augen zu Gewehrläufen, jeden mit diesem Totenkopfgesicht, dieser bleichen, rotfleckigen Schreckensfratze in Panik versetzen, & nicht gesunden. Sich weiter verletzen. Den Abschied aufs Neue proben. Jede Nacht, jede Nacht, & jede Nacht gibt mir Erinnerungen… Distanziert sein, höflich die Schultern berühren & loslassen, als warte im Fleisch ein tödlicher Stromschlag; die Augen nicht heben & beim Lachen verlegen sein, sich räuspern, als gelte es den Hals zu reinigen, den Hals & die Wohnung, das Leben vom Gestern & das Herz vom richtigen Menschen, aber dann weiter reden, als sei nichts gewesen. Da denkt einer an Krieg & Veränderungen, & der andere befindet sich bereits mitten drin, im Kampf ums Andersseinmüssen.

Auf der Tanzfläche verliere ich das orangefarbene Buch in der grünen Schleife & eine Frau mit kurzen braunen Haaren hebt es auf & reicht es mir langsam zurück; ihr Gesicht ist im Blitzlicht wie gemeißelt, & nahezu unkenntlich gemacht von Licht & Schatten. Ich stopfe das Buch zurück, & versuche nicht dran zu denken. Draußen dann – es schneit bereits -, gehen ziellos Frauen vor mir her, die riechen alle nach Zunder. Mir ist nicht danach. Ich fühle nichts, nur das MDMA in den Adern, den tiefen Ton in allen Dingen, das Beben der eigenen Füße. Es ist genug.

#6
Zwei Wochen später endet es mitten auf der Straße. Da denkt er noch daran, wie er sein Leben füllt – bis zum Rand macht er es voll, damit es überlaufen kann zu den anderen, den besseren Momenten -, aber eigentlich kapiert er nichts. Ablenkungen & Ablenkungen ergeben die Tage. Ein Gefühl ergeben sie nicht. In Wahrheit – & das weiß er -, wartet er vergebens. Es ist genau das, was er zu ihr sagte: Eine Beziehung zu wollen ist nicht entscheidend. Zu viel will er, & bekommt ja doch nichts, kein Ganzes, nicht ein Drittel vom Haben. Seinen Sätzen fehlt die Interpunktion & seinem Mund beide Arme. Also gibt er’s auf, den Brief, & die Gedanken, den Wunsch auf einen Abend zu zweit, & vor allem die Hoffnung, dass hinter dem Fenster noch einer warten könnte. Er verzweifelt lange deswegen, er trauert auch. Einen Menschen zu verlieren, der im Verlust mehr war als im Besitzenwollen, ist wie sich jeden Morgen den Ellbogen am Bettgestell anzuschlagen. Er geht auf Konzerte, trinkt viel, tanzt schlecht; er experimentiert mit Drogen. Er liest nicht, er schreibt nicht, er denkt nicht an morgen. Stattdessen füllen Bilder seinen Kopf. Helle, lichte Momente, die etwas vom Möglichen zeigen: das Licht auf der Wange, die Hand auf der Brust, ein Kopf, der auf der Schulter liegt – Bücher, wahllos in der Wohnung, & die späten Abende, als sie sich Sätze laut vorlesen, jeder hinter seiner Tasse & einem Lächeln; die Küsten Spaniens im Herbst & Korsika im Frühling; die Geschichten vom Altwerden & Jungbleiben, Märchen von glücklichen Menschen. Er erzählt sich jeden Abend andere Geschichten, um beruhigt einschlafen zu können. Er ist zerstreut, merkt sich die meisten Namen schlecht, & der Liebe geht er zuversichtlich aus dem Weg – nein, das ist alles nichts mehr für ihn. Er ist müde, er kann nicht genug haben vom Träumen,… Die Arbeit geht an ihm vorbei, die Kollegen lachen viel, aber oft bekommt er ein richtiges Wort in den falschen Hals & erstickt fast am Kummer; meist reagiert er wütend & verständnislos in dieser Wut. Am liebsten würde er dann gar nichts mehr sagen, aber die Welt, die immer schweigt, zwingt ihn zum Reden. Darin ist er sich selbst treu.

Dann aber, besagte zwei Wochen später, da geschieht es auf der Straße. Faktisch passiert nichts. Er überquert nur die Straße, zwischen zwei Bussen findet er genügend Platz & einen Winkel zum Atmen, dann rennt er los. Auf der anderen Seite ist alles klar, & wenn auch traurig in dieser Klarheit, so dann doch ohne Täuschung. Er geht nicht zum Essen, wo er nur neuen Fraß gleich gekaut hätte, den malmigen Dampf von Nudeln & getrockneten Tomaten; er kauft sich nicht den Abend zurück von den beginnenden Wintermorgen; er sagt nichts, sondern fühlt einer Leere nach, die aus sich selbst kommt, eine Absolutheit, ein finaler Augenblick, in dem die Fäden, die den Menschen geben wollten, sich wieder lösen. Ein anderer verlässt den Bordstein. Ein anderer lässt eine Möglichkeit zurück, eine späte Reue, einen Tag am Meer. Das orangefarbene Buch ist hinter der Kiste, & zurück im Staub.

Zu Hause wartet er auf keine Antworten mehr, auf keine Nachrichten, keine Einzeiler. Was man in den Menschen zu sehen glaubt, sieht sich selbst nicht. Auf einem Auge geblendet, redet das Lid mit den Wimpern, & nicht mit den Blicken des andren. Darin offenbart sich sein ganzes Schicksal: Sein Glück ist anfällig – leicht stößt er die Kanten ab, den Lack, die Leichtigkeit. Er wiederholt seine Fehler aus Masochismus. Nicht, weil er nicht anders könnte. Erbarmungslos kämpft er gegen bereits Beschlossenes, springt der Leere in die Arme & nennt es Zuversicht. Als er die Türen ins Schloss legt, denkt er: Ich war mein eigenes Echo, sonst nichts. Jetzt findet aller Hall ein Ende.

Jede Minute ein Fühlen

16. Januar 2012

#1
Es war der Staub, der mich verrückt gemacht hatte. Die dicke schwarze Schicht auf allen Dingen, der Kummer vergangener Jahre. Als die Sonne schräg, fast taumelnd zum Fenster hereinfiel, sah ich zum ersten Mal, was alles um mich herum erstarrt war zu lebloser Bitterkeit, zu vergessenen Erledigungen, Erinnerungen, möglichen Zielen, die am Ende vielleicht sogar erreichbar gewesen waren, & die jetzt, entkernt & entschalt, zwischen eingestaubten Notizen, Photographien & Briefen lagen, von den Jahren gelbstichig, von der Gleichgültigkeit ganz rauh gemacht, & unantastbar in ihren eigenen Begrenztheiten. Mir fielen plötzlich alte Artikel einer Zeitschrift in die Hände, für die ich vor Jahren lektoriert hatte… Kurzgeschichten, die begonnen & nicht zu Ende geschrieben worden waren… Angelesene Bücher, in denen jedes Wort feststand, fest stand & nicht weiter gehen wollte, zu den Sätzen & Kapiteln hin, zu den Geschichten & Begegnungen; Worte, die Worte blieben: Hart, & flach, & ohne doppelten Boden. Wie alles alt geworden war, müde… Alles Neue war zur versteinerten Reliquie geworden, zur toten Gottheit, einer erkalteten Welt…
Es musste auch anders gehen, irgendwie.

#2
Vier&zwanzig Stunden am Tag, & jede Minute ein Fühlen.
Julien sitzt im Schneidersitz auf dem roten Teppich, & durchsucht die Schallplatten neben dem Bett. Alice steht am Fenster, das frisch geputzt ist & seit Jahren zum ersten Mal wieder so etwas wie einen Ausblick erlaubt: Rostocker Straße, Baumwimpfel, Himmel & Wolken, Verkehr: ein unbestimmtes, in Bewegung geratenes Berlín – grenzenlos & in seiner Grenzenlosigkeit völlig eingezäunt; ein Spielplatz. Alice trinkt Tee aus einer der blauen Tassen, deren Ränder angeschlagen sind von übersehenen Kanten & gierigen Mündern, und sagt nichts, schon seit Stunden nicht. Ich hingegen, ich sortiere die Bücher, ein Bibliothekar in Borges Träumen, so fühle ich mich, während ich Schiller zur Bachman lege, & Rilkes Staub zu Celans Asche schütte, & jeder Finger streicht einzeln über Seiten & Namen – der Tod soll mich holen, wenn all das gelesen ist. Nicht früher. Ist dir schon aufgefallen, was du hier alles hortest?, fragt Julien unvermittelt & hält eine Platte hoch; sie gehörte meinem Bruder, das seh ich auf den ersten Blick. Joan Baez. Hab ich mir nie angehört, sag ich, & schaffe Platz für Plath, mein gläsernes Herz. Das ist es ja, sagt Julien, und lächelt, & Alice, die am Fenster steht, dreht sich trinkend um, & sagt nichts. Was, wenn Glück so einfach wäre, denk ich unvermittelt. Wenn alles, was man dazu bräuchte, bereits hier wäre? Dieses mögliche Leben – so möglich wie jedes andere, & darin ein bereits erreichtes Alles.

Ich wollte, Du und ich, wir würden uns verzweigen,
Wenn sonnentoll der Sommertag nach Regen schreit
Und Wetterwolken bersten in der Luft!
Und alles Leben wäre unser Eigen;
Den Tod selbst rissen wir aus seiner Gruft
Und jubelten durch seine Schweigsamkeit!*

Ich lese hastig, & bemesse jedes Wort zwischen Daumen & Zeigefinger; für den Moment sind alle Jahre vergessen, alles Verderben, das hinter den Nächten lag, die Stille, & die Aussichten auf Regen – mit allem Staub vom Tisch gewischt, runter von den Gräbern, fort. Später sitzen wir zusammen in der Küche, die immer mehr zum Mittelpunkt der Wohnung wird, mit ihren schiefen Regalen & den Gewürzen, die immer dann leer sind, wenn man sie braucht; und sitzen zu viert, Julien, Alice, Thomas und ich, essen Artischocken und trinken Rotwein aus den kurzstieligen Gläsern, & das ist dann Frieden im Lachen & Erzählen. & es ist Flucht.

#3
Das Licht geht mit den Gästen. Nur Julien bleibt & legt seine Füße auf den Hocker, trinkt Rotwein, sagt: Du hast dich irgendwie verändert – seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Ich erinnere mich an nichts mehr, das sag ich auch, aber er zuckt nur die Achseln. Ist ja auch egal. Du siehst jetzt besser aus. Kein Wunder, Alice steht auf dich. Alice? Ein zierliches Mädchen, das noch mit vierzig so aussehen wird, wie jetzt, mit 22; sie, mit ihrem dunkelbraunen Lockenhaar, & dieser feinen Bosheit in den Augen, oder Überlegenheit, & die, wenn sie lacht, umso leiser wird, je schmerzlicher das Lachen wird, da sie weiß, wie flüchtig es ist. Eine Fremde unter Fremden, die jedes Wort nimmt & es zu den Bildern legt, eine bildreiche Sprache spricht sie, die Französin, & sucht doch nicht nach Antworten, ach was, nicht sie, die Pariserin, die setzt all ihren Fragen bereits ein Dutzend Antworten voraus, die sie nicht hören muss, um zu lächeln. Alice? & nicht nur Alice, sagt Julien & trinkt sein viertes Glas. Sein Mund & seine Augen sind ganz schwarz vom Trinken. Julien ist nicht älter als Alice, groß & schlank, wie ein Baum ohne Äste, so überragt er die eigenen Füße. Seine Haut ist wie ungebranntes Umbra, wie Sandelholz – in seinen Adern fließen weite Länder, pulsieren dunkler Wüstensand & unwegsame Regenwälder, ich habe nur Clichés im Kopf. Was soll das heißen?, frag ich. Nichts. Es folgen Schweigen & leere Gläser.

Wie diffus die Menschen sind, denk ich, unbestimmt & unsicher stolpern sie vom einen zum anderen, ohne zu wissen, was sie eigentlich wollen – stottern unartikuliert um sich selbst herum. Pfeile ohne Bogen & Sehnen, sie fallen immer in ihr eigenes Unglück statt einem Ziel entgegen zu fliegen, statt allen Mut zusammenzunehmen; haben sie den Tod denn noch immer nicht begriffen? Kompromisse, die zu Fehlentscheidungen führen. Versteckspiele, bei denen genügend Leute nicht gefunden werden. Mir verdammen sie das wilde, freie Leben & legen Folien über mich, um zu sehen, was drüberstehen könnte, was sich abschneiden ließe – was nicht passt in einer Welt der Passgenauen, das muss amputiert werden vom Menschen. Das ist Bitterkeit, ja. Einer baut um dich einen Zaun & nennt das Innere nicht Kerker, sondern Gesellschaft, Freundschaft, Leben. Die, das sind die anderen. Die senken noch immer ihre Stimmen in der U-Bahn, wenn sie über Sexualität sprechen; die verziehen Mund & Augen, wenn sich zwei Männer küssen, & geilen Hände & Schwanz, wenn’s zwei Frauen tun; die sprechen den einen die Kopftücher ab, & den anderen die Kreuze zurück an die Wände; die reichen dem obdachlosen Bettler das Trinken & zahlen’s mit barer Münze – das nennen sie Mildtätigkeit, das nennen sie Mitleid – & gehen ohne Mitgefühl weiter, lachen & trinken sich gegenseitig unter alle Tisch, denn unter so einem Tisch, da sieht uns ja keiner, unter dem Tisch sind wir sicher, da haben wir eine Decke unter der Decke, das ist doppelter Schutz. Lieber nicht ehrlich sein & die Angst formulieren, die uns alle umtreibt! Niemals, dann eher sterben.

Ich hab nur Clichés im Kopf, aber die Menschen nennen es Wahrheit. Ich kann es nicht verstehen. Es ist mir alles so fremd… Manchmal fühl ich mich wieder wie ein Kind, das einer Situation ausgesetzt ist, die es nicht überblicken kann. Die Welt entwundern, & jedes Wunder mit einem Gesetz ersetzen, das ist nicht lebbar, das führt nirgends hin, aber es hinnehmen dürfen & mit dem Herzen zustimmen, statt mit dem Kopf. Der Logik ein Haus der Wissenschaften bauen, aber der Toleranz nur ein Klingelschild lassen – ein Antrag auf Gleichberechtigung zwischen den Ordnern der Gewalt & Finanzierbarkeiten. So muss man den Worten keine Bildung lassen, aber kann der Unterhaltung ganze Arenen & Stadien bauen. Wir brauchen Straßen & Verkehrsnetze, um die Waren besser von einem Punkt zum anderen zu bringen. Bücher muss man auch verkaufen! Da muss niemand mehr fragen, wer die letzten Universitäten & Schulen gebaut hat, & wann. Darauf folgten eh keine Antworten. Stattdessen: Stille Überlegenheiten, mitleidiges Kopfschütteln. Sei doch nicht so naiv. Naiv! Fürs Naivsein ist’s doch längst zu spät.

Flüchten, wieder zurückkehren in eine Ferne, die nicht die Welt ist, sondern Ich.

#4
Am nächsten Morgen, Julien ist bereits weg, sitze ich am Fenster & sehe den Passanten dabei zu, wie sie die Straßen überqueren; jeder gibt sich so viel Mühe. Jeder trägt ein Kostüm, jeder eine Rüstung. Ich trinke Tee aus einer der blauen Tassen, deren Ränder angeschlagen sind von übersehenen Kanten & gierigen Mündern. In der Küche stapelt sich das Geschirr vom Vortag, überall stehen Weingläser. Ich brauche ein neues Ziel. So viel ist klar.

*Viva! – Else Lasker-Schüler

Der abgenutzte Mund

11. Januar 2012

1.

Du schleichst um dein Schweigen, & liest, & ich, der ich nicht gehen kann, sitze vor dir wie zwischen zwei Spiegeln. Seltsam, oder nicht – wie jedes Gefühl irgendwann hinter sich selbst zurücktritt, wie es still wird, an einem Mittwoch & Freitag, wenn die Wohnung leer ist & die Augen schwer vom Glotzen, an all den Samstagen. Das Besondere, das Interessante am Menschen weicht seinen Gewöhnlichkeiten, dem fettigen Haar, dem weinrandigen Mund – ganz dunkelrot, fast schwarz -,  den abgegriffenen Hosen, & was vorher ein König war, ein Gott zwischen Göttern, wird schließlich zum blassen Trinker mit Wichsvorlagen neben dem Bett, ein Tasten ohne Sinne, ein Fallenlassen. Schlicht: Irgendwer. Den würdest selbst du nicht mehr auf der Straße erkennen, im Bus, auf der Theaterbühne vor dem Applaus. Was einem nicht gemeinsam ist, das bleibt gemein, & wüst & leer. Erwartungen blenden eben. Die Realität übrigens auch. Da erzählen Menschen von ihrer Arbeit & meinen sich gar nicht, aber antworten soll man trotzdem, fröhlich & ernst klingen, ganz ergeben, aber vor wem die Waffen strecken? & weswegen? Statt dessen werden Lügen erwartet, wie noble Gäste macht man ihnen den Hof & das Gesicht, das wirft man dem Lächeln nach, zum Nicken. Ich will aber nichts bestätigen.

Ich esse nur wenig; eine Mahlzeit am Tag. Ich habe allen Appetit verloren. Ich schreibe nicht, lese nicht. Jeder Tag ist sich gleich. Oder… fast. Morgens sagt einer: Schreib! Korrigiere! Dann streiten die Stunden: Wer geht als erstes & wer bleibt am längsten? Erst der Abend söhnt sich schließlich mit jedem Schweigen aus, gibt in den letzten Sekunden ein Stichwort, ein Wort ums Wort, so ergibt sich kein drittes, aber ich muss ja, ich hab es versprochen – der Schwerkraft nachgeben ist dabei strengstens verboten, dem Nichtseinwollen: Sei unsterblich! Nur das Bett nimmt manchmal unsere müden Glieder auf & streut sie fort, fort in einen neuen Morgen, wenn die Dusche rauscht & die Augen schwer sind vom Träumen. Ich bin dann furchtbar müde, & ein Blick in der S-Bahn bringt mich fast zum Zerspringen.

Ich verabrede mich zum Sex, wie andere Leute zum Essen – es ist die gleiche Art von Ablenkung: ein Vergessen für Zwischendenjahren. Also warte ich auf eine Kurznachricht & eine Uhrzeit, warte auf einen fremden Kuss, eine fremde Umarmung, einen fremden Abschied, & schließe die Türe leise, leise, & lege mich betäubt auf den Boden, weil ich die Matratze nicht ertragen kann,… Ich höre Gisbert zu Knyphausens Wer du bist; dieses Lied spielt unermüdlich im Hintergrund – es ist eine Hymne dieser ersten Januartage, des Dezembers,…

2.

Meinen Stolz aber, den kriegt keiner so leicht runter. Ein Deutscher nur, das bin ich, & vielleicht nicht mal das: ich hatte nie Internationalität vorzuweisen, einen Grund & Boden, eine Stadt im Blut – nein, das hatte ich nie. Mir gehören weder Paris, noch Mailand, auch Berlín gehört mir nicht. Nicht wie dir. Ich habe nichts zum Handel anzubieten, habe nichts, um mich interessanter zu machen, als ich bin. Auch das Land ist mir fremd, die Provinzen & Dörfer, die Leere zwischen den Wolken. Ich gehöre der Hülle, bin groß & gedankenlos – einer, der sein Potential hinschmeißt & sagt: Das könnt ihr behalten! Zum Schreiben geboren, & doch ein Bartleby, einer, der immer auf Widerstand hofft, keinen bekommt, & sich daher selbst welchen schafft. Ich habe gesagt, ich ließe alles zurück, jeden Buchstaben & auch mein Herz, denn mein Herz ist bereits sein eigner Doppelgänger, das kann ich jetzt nicht mehr brauchen. Auch die Annahmen nicht, die Erwartungen, die Missverständnisse. Ich bin zum Flüchtling geworden, weil es die anderen sind, die mir flüchtig durch alle Zimmer eilen, die sich zum Bier in die Küche & zum Wahn aufs Bett setzen, & dann schaut sich wieder irgendwer die Bücher an & zieht sie aus den staubigen Jahren zurück in die Tage & Stunden, in ein anderes Vergessen, & dann ticken die Zeiger, & tschüss, man sieht sich, ja, bestimmt, bis bald. Schon okay, denk ich, mach schon. Im Grunde ist jede Enttäuschung auch nur eine Theorie. Weshalb weiter warten?

Ich bin nichts mehr von mir, das letzte Ich ist beim Tanz kaputt gegangen. Jetzt ist da nur noch Welt, nur noch Stimmen & Wirbel, Hülle. Zur Oberfläche muss man werden, um zu überleben. Den Begegnungen darf man dabei nicht aus dem Weg gehen, aber man darf sie auch nicht ernster nehmen, als sie sind. Das Zimmer großzügig anbieten, & zur Not auch komplett räumen, wenn’s denn angebracht ist, & irgendwann nichts mehr erwidern wollen, sich endlich so kurzfassen, dass nur noch der Tod länger ist – wenn’s das ist, was ihr wollt: Be it. Ich kann alles sein, auch widerwärtig:

3.

Erlösung gibt es keine. Das ist leider eine Tatsache, die uns niemand lehrt. Im Gegenteil, jeder verspricht uns Absolution. Dabei gibt es Chancen, die kommen, ja, aber es gibt auch Chancen, die gehn wieder & kehren nicht zurück. Reue hilft da wenig. Reue ist Selbstbetrug. Der Mörder bringt den Toten nicht zurück, nur weil’s ihm leidtut. Die Hand, die schlägt, heilt die Wunde nicht. Das gilt auch für Gefühle. Keiner gewährt uns irgendeine Art der Absolution – für nichts, nicht mal für zerbrochene Beziehungen. Es gibt nur unsere Entscheidungen. Die Herzdolche & Dolchherzen, die Winkelzüge & Ausreden der Bücherdiebe, die Erklärungen, die später im Vorübergehen gegeben werden, ach, der Stress & dann kam mir was dazwischen, erschaffen Umstände & erleichtern sie um die Schwere der Enttäuschungen. Früher entsandte man noch Boten für ausgeklügelte Lügen. Heute ist alles Schützenmüssen, & Knebelvertrag: So ein Mensch ist eine ganz zerbrechliche Sache. Wenn da einer mal das Richtige sagt & falsch interpretiert wird… nun, dann rollen eben Köpfe. Darin gleichen sich Vergangenheit & Gegenwart; es ist, als tobte noch immer eine Revolution auf den Straßen.

Heute geht so ein Mensch völlig zugrunde an all den Möglichkeiten. Statt einfach die Wahrheit zu sagen, statt der Überforderung einen Namen zu geben, sitzt man das Unbequeme einfach aus, vergisst in der Menge die Einzelteile & verbraucht alle Prioritäten zugunsten der Unbeschwertheiten. Man ist ja zu nichts verpflichtet. Ist man auch nicht. & wenn man sich’s nur oft genug sagt, stimmt es irgendwann. Das sind nicht die News.

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